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Barbara E. : Tragödie mit Pfandbons

Die beiden Bons am 22. Januar trugen nach Aussage der Kollegin an der Kasse keine Unterschrift. Die Kasse hat elektronisch registriert, dass es sich um Bons im Wert von 48 und 82 Cent handelte. Eben zwei solche Bons waren zehn Tage vorher am Backshop gefunden und auf einem Regal im Büro deponiert worden für den Fall, dass ein Kunde den Verlust beklagte. Wie Kollegen bezeugen, waren beide Bons am Nachmittag des 22. Januar verschwunden. Barbara E. sagt: „Ich habe diese Bons nicht genommen, und ich habe diese Bons nicht eingelöst.“

Ihre Kunden sprach sie mit Namen an

Barbara E. wirkt nicht wie eine Frau, die lügt. Erst recht nicht, wenn es um ihre Arbeit geht. Das ist doch ihr Leben. In der DDR hat sie „Fachverkäufer für Waren des täglichen Bedarfs“ gelernt, und ihr Arbeitsvertrag mit der Kaiser’s Tengelmann AG war bis zuletzt ihr erster, 31 Jahre alter Kontrakt aus realsozialistischen Zeiten. Sie kann über das Auspacken von Erdnussflips fachsimpeln und jede der strengen Extravorschriften für Kassiererinnen vorbeten, und sie ist stolz darauf. Ihre Kunden sprach sie mit Namen an. Sie sagt: „Wenn ich dagesessen habe, waren die Schlangen bei mir am längsten, und trotzdem waren die Leute bei mir eher draußen.“ Sie sagt „wir“, wenn sie von dem Unternehmen spricht, das ihr fristlos gekündigt hat, und: „Ich würde da auch wieder arbeiten gehen. Ich will da wieder rein.“ Man denkt: Die Supermärkte von heute mit ihren überforderten Aushilfskassiererinen müssten froh sein über eine solche Kraft.

Wie aber die fraglichen Bons am jenem Januartag in ihrem Portemonnaie oder in der Kasse gelandet sein sollten, ohne dass sie selbst etwas damit zu tun hätte, kann Barbara E. nicht erklären. Sie verheddert sich in Bon-, Kassen- und Portemonnaiegeschichten, die sich zu einer ordentlichen Verschwörungstheorie auswachsen, weshalb das Gericht in erster Instanz sie schalt, sie würde ihre Kolleginnen beschuldigen, und die zweite Instanz kritisiert, Barbara E. widerspreche sich selbst. Die Supermarkt-Anwältin, Karin Schindler-Abbes, schimpft: „Ich habe noch nie ein Verfahren geführt, wo eine Partei so oft ihren Vortrag gewechselt hat.“ Benedikt Hopmann hingegen, Rechtsbeistand der Kassiererin, weist auf die knifflige Konstruktion einer sogenannten Verdachtskündigung im Arbeitsrecht hin, bei der der Gekündigte selbst für seine Entlastung sorgen müsse: „Es ist ganz logisch, dass man verschiedene Möglichkeiten durchspielt: Es könnte so, es könnte so gewesen sein. Aber wir haben immer von Denkmöglichkeiten gesprochen.“

Im Wohnzimmer von Barbara E. ist die Verschwörungstheorie Person geworden. In einem Sessel gegenüber der Eckcouch, die mitten im Zimmer steht, weil es in der Wohnung keine ausreichend große Ecke mehr für sie gibt, sitzt ein massiger Rentner mit struppigem Vollbart und gütigen Augen, ein ehemaliger Dreher bei Daimler, Gewerkschaftler, Gründungsmitglied des Komitees „Solidarität mit Emmely“, wie die Kassiererin in Abwandlung ihres Nachnamens genannt wird. Er soll ihr Beistand leisten beim Interview. Er hat sie während des Arbeitskampfs im Winter 2007/2008 kennengelernt, als Barbara E. in einem Plastikkittel mit Verdi-Logo über die Straße zog und ein Schild hochhielt mit der Aufschrift: „Qualität, Service und Frische haben ihren Preis! Wir auch!“ Und weil sie in Kameras hinein ihr Streikrecht pries, als die Kolleginnen längst wieder brav im Supermarkt standen, ereifert sich der Solidaritäts-Aktivist über die Kündigung: „Für jeden Außenstehenden war das völlig klar, dass das eine Reaktion war auf eine Rädelsführerin, und dass es nicht um Bons geht.“

Sie ist eine, die sagt, was ihr nicht passt

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