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Ballhaus-Urgestein im Gespräch : „Ick mach, bis ich den Arsch oben hab“

  • Aktualisiert am

Verteilt auch mal einen Haken: Seit 46 Jahren herrscht Günter Schmidtke in der Garderobe von Clärchens Ballhaus Bild: Pein, Andreas

Clärchens Ballhaus feiert diese Woche 100. Geburtstag. Günter Schmidtke ist seit 46 Jahren dabei. Als Garderobier hat er die DDR überlebt, Gäste getröstet und Schläge verteilt.

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          Hallo Herr Schmidtke, schön, dass es geklappt hat.

          Wat, mit dir red ich nicht.

          Warum?

          Ick heiß Günter oder Keule, aber nicht Sie.

          Alles klar, ich heiße Andreas.

          Schon besser.

          Du stehst seit 46 Jahren an der Garderobe in Clärchens Ballhaus. Wurde dir das nicht irgendwann langweilig?

          Zu DDR-Zeiten war’s mal langweilig, die Musik und alles. Aber jetzt is’ gut. Ich mag die Amis nicht, aber die amerikanische Musikszene, ACDC, Shakira, die Oma Cher. Außer die Madonna, die is mir zu ordinär. Die kratzt sich auf der Bühne an der Dingsda, weißt schon, wo du gerne mal hin willst - das kann ich nicht ab.

          Was die Etikette angeht, wird es früher auch im Ballhaus besser gewesen sein.

          Früher waren alle ordentlich angezogen. Bis in die achtziger Jahre sind die nur mit Anzug und Krawatte reingekommen. Dann auch mit Levi’s - aber keine kaputten, so wie heute. Es war eine Unehre nach dem Krieg, ein Kind rumlaufen zu lassen mit ’nem Loch in der Hose. Und jetzt kaufen die kaputte Jeans, weil das in ist. Das ist doch nicht normal, das ist doch krank.

          Hast du an den Gästen von heute noch mehr auszusetzen?

          Die kommen zur Tango-Stunde in kurzen Hosen, tätowiert, so ein langes Ding in die Backe gehauen und Haare wie ein Orang-Utan. Ick kann das nicht sehen. Wenn ich Tango lerne: weißes Hemd, schwarze Hose, schwarze Schuhe. Ein bisschen Ästhetik muss sein, auch für die Jugend.

          Auch wenn die Gäste in der DDR gut angezogen waren: Wild ging es offenbar schon immer zu. Die Westberliner sagten zu Clärchens Ballhaus auch „Tripperhöhle“.

          Das stimmt nicht, das stimmte nie. Klar gab es leichte Mädels, aber keine Nutten. Das war ordentlich geführt hier. Das ist Quatsch. Im Westen haben sie nur Scheiß erzählt über den Osten, als ob wir Untermenschen waren. Das hat sich immer noch nicht geändert.

          Die Stasi hat über das Clärchens feinsäuberlich Protokoll geführt. Hat man von denen etwas mitbekommen?

          Na klar, draußen stand oft ein Lada, typisches Stasi-Auto, und drinnen saß einer mit Fernglas. Im Wagen saßen auch regelmäßig drei oder vier von denen. Die waren so artig gescheitelt wie du, hatten ’nen hellen Anorak an und so ’ne olle Osthose. Saßen immer an der Bar mit ’ner Brause oder Vita-Cola - die haste erkannt. Aber um die hat sich keiner gekümmert, die gab’s überall in der DDR, war halt so, na und.

          Du bist zwar schon lange dabei, aber Clärchens Ballhaus ist doch noch ein Stück älter als du. Was sind denn deine ersten Erinnerungen daran?

          1945, als der Krieg gerade zu Ende war. Ich bin hier um die Ecke aufgewachsen und wurde bei einem Angriff verschüttet. Nach sechs Stunden haben sie uns ausgebuddelt, seitdem kann ick keene Frauen und Kinder mehr schreien hören. Ein Teil des Clärchens war auch weggebombt. Hier waren nur Ruinen außenrum, und die Russen hatten im Hof ihre Pferde stehen. Gepennt haben sie oben. Uns Kindern gaben die immer Essen, die waren gut zu uns. Außer wenn sie besoffen waren, da musstest du abhauen. Am nächsten Tag gab’s dann wieder Speck und schimmeliges Brot. Man, war das Sahne, gab ja nüscht, Junge.

          Warst du auch zum Tanzen im Clärchens, bevor du hier das Arbeiten angefangen hast?

          Ne, niemals. Das war nur für Ältere. Meine Frau habe ich in einem Tanzcafé kennengelernt, 1954 war das. Die hat mich bei der Damenwahl aufgefordert. Ick hab nie jemanden aufgefordert. Da dachte ick mir, Mensch, die hat was für mich übrig, die musst du heiraten. Dann hab ich sie geheiratet, und voriges Jahr ist sie nach 58 Jahren Ehe gestorben, an Krebs. War ’ne Hübsche, die habe ich sehr lieb gehabt.

          Wie kamst du eigentlich zu Clärchens?

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