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Frauen von Dissidenten : Damit die Welt die Wahrheit erfährt

Nicht aufzuhalten: Die drei Frauen sind unfreiwillig zu politischen Aktivistinnen geworden, aber jetzt haben sie eine Mission. Auf diesem Bild ist Ensaf Haidar zu sehen. Bild: Reuters

Ihre Männer wurden inhaftiert, misshandelt, getötet. Mutige Frauen kämpfen dafür, dass ihre Schicksale nicht in Vergessenheit geraten.

          8 Min.

          Ensaf Haidar lernte Raif Badawi am Telefon kennen. Dass Frauen und Männer, die nicht verwandt sind, miteinander telefonieren, ist in Saudi-Arabien verboten. Aber so ein Verbot ist schwer zu kontrollieren, und als eines Abends ein junger Mann versehentlich auf Haidars Handy anrief, kam nach dem ersten Schrecken eine Neugier auf, die größer und größer wurde und die Angst verdrängte. Unter der Bettdecke flüsterten sie ins Telefon, bis es Morgen wurde. Sie sprachen über ihre Träume, über Musik. Haidar sang leise ein Liebeslied ins Telefon. Zwei Jahre später, im Dezember 2001, heirateten sie. Nun durften sie miteinander reden, so viel sie wollten, durften zusammenleben, sich in die Augen sehen, sich berühren.

          Susanne Kusicke

          Redakteurin der Frankfurter Allgemeinen Woche.

          Matthias Rüb

          Politischer Korrespondent für Italien, den Vatikan, Albanien und Malta mit Sitz in Rom.

          Heute sprechen sie wieder nur übers Telefon miteinander. Zwei- bis dreimal pro Woche, wenn die Gefängnisleitung es ihrem Mann erlaubt, sie anzurufen. Die Gespräche dauern drei, vier Minuten, höchstens zehn. Seit vier Jahren sitzt Raif Badawi in Saudi-Arabien im Gefängnis, wegen „Beleidigung des Islams“ und „Abfalls vom Glauben“ - weil er ein Internetforum betrieben hatte, in dem über Religionsfreiheit und Frauenrechte diskutiert wurde. Haidar floh mit den drei gemeinsamen Kindern nach Kanada.

          Die Liebe ihres Lebens

          Dort begann sie, für seine Freilassung zu kämpfen. „Ich muss Raif irgendwie unterstützen. Es macht mich rasend, die ganze Zeit hier zu sitzen und nichts zu tun“, sagte sie sich. Ensaf Haidar nahm Kontakt zu Amnesty International auf. Die Menschenrechtsorganisation untersuchte den Fall, stufte ihn als politisch motivierte Inhaftierung ein und nahm Badawi in ihr Kampagnenprogramm auf. Doch Haidar wollte auch selbst etwas tun. Mehr als die üblichen Pressemeldungen, Postkarten- und Unterschriftenaktionen, mit denen Amnesty auf das Schicksal politischer Gefangener aufmerksam zu machen versucht.

          Die Amnesty-Kampagne wurde darum auch zu ihrem eigenen Medienfeldzug. Auf Twitter und Facebook protokollierte sie alle Aktionen, von denen sie erfuhr: eine Demonstration für Raif in Zürich, eine Mahnwache in Oslo, eine Kundgebung in Tübingen. Sie gab Raifs Aufsätze aus seinem inkriminierten Blog heraus und gründete eine Stiftung. Und sie schrieb ein eigenes Buch: „Freiheit für Raif Badawi, die Liebe meines Lebens“. Jedes Zeichen, dass man im Leben da draußen noch eine Rolle spielt, sei wichtig für einen Gefangenen, glaubt Haidar.

          Mutige Angehörige gab es schon immer

          Im Mai 2014 sollte sie zum ersten Mal selbst öffentlich auftreten, in der kanadischen Hauptstadt vor Studenten und Amnesty-Mitgliedern, die nur wegen Badawi und ihr dort hinkommen würden. Der geplante Vortrag machte sie nervös. Musste das sein? Während sie noch überlegte, fällte ein saudisches Gericht das Urteil im Revisionsprozess. Badawi erzählte es ihr am Telefon. „Was heißt das?“, fragte sie ihn ängstlich. Es hieß, dass die Strafe erhöht wurde: statt 600 Stockschlägen 1000, statt sieben Jahren Haft nun zehn. Der Rechtsweg war gescheitert. „Geh zu dieser Veranstaltung“, bat Badawi sie. Und Haidar ging.

          Angehörige, die versuchen, etwas über Vermisste und Verhaftete herauszufinden und sich für ihre Freilassung einzusetzen, hat es schon immer gegeben, in jeder Diktatur, nach jedem Militärputsch. Ein Beispiel sind die Frauen, die 1943 vor einem provisorischen Gefängnis in der Berliner Rosenstraße die Freilassung ihrer jüdischen Männer forderten. Auch die Mütter der Plaza de Mayo in Buenos Aires, die unter großen persönlichen Risiken Aufklärung über das Schicksal ihrer verschwundenen Kinder verlangten, wurden durch ihren mutigen Protest berühmt.

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