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Kurort Bad Füssing : Planet der Alten

  • -Aktualisiert am

„See You Later, Alligator“: Im „Haslinger Hof“ spielen sie immer noch die gleichen Lieder wie früher. Bloß die Körper der Gäste haben sich verändert. Bild: Maria Irl

Die Hälfte der 8000 Einwohner von Bad Füssing ist über 57. Was erzählt so ein Ort vom Dasein im letzten Lebensdrittel? Und kann er uns einen Ausblick in die Zukunft geben? Ein Besuch.

          7 Min.

          Der Weg in Deutschlands Zukunft führt durch Alleen. Vorbei an Rapsfeldern, verlassenen Bauernhöfen und Ackerland, flach bis in die Ferne. Auf der Landstraße, die durch das niederbayerische Unterland führt, ist viel Verkehr an diesem Freitag. Zwanzig, dreißig Autos kleben hinter einem Traktor. Sie alle pilgern in dieselbe Richtung: nach Bad Füssing, Europas erfolgreichstem Kurort. Der Ort, der am besten erzählen kann, wie Deutschland aussehen wird, wenn die Babyboomer, die geburtenstärkste Generation der Nachkriegszeit, in ein paar Jahrzehnten vergreist sind.

          Freitagabend, kurz vor zehn, „Haslinger Hof“. Es ist eng, laut und heiß, an der Decke kreisen Discokugeln, über das Parkett schwenken neon-gelb-grüne Lichtkegel. Wer nicht im „Haslinger“ war, heißt es, war nicht wirklich in Bad Füssing. Durch die Tanzräume brummen Schlagerbeats. DJ Karl Auer, 65, seit 20 Jahren am Mischpult, Legende im „Haslinger“, hat deutschen Foxtrott aufgelegt. Über die Tanzfläche schunkeln Männer mit Frauen und Frauen mit Männern, Hunderte Paare, einige ganz eng. DJ Auer kündigt jedes Lied an, durch das Mikro klingt es wie die Durchsage eines Fahrgeschäfts auf dem Jahrmarkt: „Uuund jetzt machen wir eine kurze Soli-Time, der Boogie wird gestartet.“

          Alt werden und jung bleiben

          Der „Haslinger Hof“, eine Art bayerischer Musikanten-Stadl mit Holzbalken, Bierbänken und gut 100 Quadratmetern Tanzfläche, wird in Bad Füssing auch liebevoll „Ballermann der Ü-Fuffziger“ genannt. Zu Tausenden kommen sie am Wochenende, aus den Nachbardörfern, aus Österreich und der ganzen Region. Am Ende eines Abends tanzt hier keiner mehr allein. Im „Haslinger“ ist kein Hemd zu offen, kein Kleid zu eng, kein Rock zu kurz. Hier werden Wangen und Hälse und Lippen geküsst, hier gleiten Hände den Rücken entlang, auch hinunter bis an den Po.

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          „Ach, das Alter“, sagt Helge Wittow, 63, krauser Schnäuzer, weiße Haare, weißes Hemd. „Das ist doch nur eine Ziffer.“ Er lehnt am Tresen, seine Füße schmerzen vom Tanzen. Die Knochen, wie immer. Seit zwölf Jahren kommt er deswegen zur Kur nach Bad Füssing, kennt im „Haslinger“ auch die staubigste Ecke. „Wir sind alle hier, um zu schauen, ob uns noch jemand attraktiv findet“, sagt er und zuckt mit den Schultern, als sei das offensichtlich. Wittow ist verheiratet, lebt in Starnberg. Das Alter, sagt er, sei wie die Pubertät. „Man braucht ständig Bestätigung.“ Eine Dame im roten Etuikleid läuft vorbei, er tippt sie an, bittet um einen Tanz. DJ Auer spielt „See You Later, Alligator“, und Helge Wittow tanzt, er hüpft, springt von einem Bein aufs andere, seine neue Bekanntschaft an der Hand. Im „Haslinger“ heißt alt werden jung bleiben. Es sind die gleichen Lieder wie früher. Nur andere Körper.

          Die Stadt wächst

          2030 wird Bad Füssing die älteste Gemeinde in Deutschland sein. Jeder zweite Einwohner ist dann 63 Jahre oder älter. Die Bevölkerungspyramide wird dem Abbild einer Vogelscheuche gleichen: stramm bis unter die Brust, ausschweifend auf Höhe der ausgestreckten Arme. Schon heute ist die Hälfte der knapp 8000 Einwohner über 57 Jahre alt.

          Trotzdem ist Bad Füssing keine dieser ländlichen Gemeinden, denen Statistiker prophezeien, dass sie aussterben werden. Die Geburtenrate ist zwar niedrig, 2016 wurden nur 54 Kinder geboren; die Kitas haben freie Plätze, die Schulklassen schrumpfen. Doch Bad Füssing wächst. Denn die Senioren ziehen massenweise her.

          Am Wochenende in die Therme

          Wie Elke Menzel und ihr Mann Josef. Sie liegen, er im Bademantel, sie im Bikini, im Außenbereich der Therme 1, es ist der nächste Morgen, die Sonne knallt. Es riecht nach Chlor. „Das sind unsere Lieblingsliegen“, sagt Elke, 84, „die hat Josef sich ausgesucht, als wir das erste Mal hier waren. Nicht, Josef?“ Sie schaut zu ihm hinüber, er nickt, hat die Augen geschlossen. „Hast du Hunger?“, fragt Elke und schaut auf die Uhr. Sie packt eine Proviantbox aus, reicht Josef eine Stulle. Seit Elke und Josef vor drei Jahren aus Köln nach Bad Füssing gezogen sind, kommen sie jeden Samstag hierher. Immer dieselben Liegen, immer Schwarzbrot für Josef, immer Weißbrot für Elke. „Wir wohnen, wo andere Leute Urlaub machen“, sagt Elke entzückt.

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