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Liv Lisa Fries : Und immer eine Spur von Ungewissheit

Klarer Blick, Spaß am Denken: Liv Lisa Fries beim Fotoshooting in Berlin. Bild: Jens Gyarmaty

In der spektakulären Serie „Babylon Berlin“ glänzt sie als frühe Feministin, die man trotz aller Perfektion sympathisch findet. Ein Treffen mit Liv Lisa Fries.

          Was würde eine Charlotte Ritter im Jahr 2018 machen? Wäre sie Influencerin? Aufsichtsratsvorsitzende eines Dax-Konzerns? Start-up-Gründerin, Professorin für Astrophysik, Herausgeberin der „Emma“?

          Julia Schaaf

          Redakteurin im Ressort „Leben“ der Frankfurter Allgemeinen Sonntagszeitung.

          Liv Lisa Fries wirkt verblüfft. Solche Fragen hat sie sich nie gestellt. Es ist für ihre Arbeit als Schauspielerin auch gar nicht relevant, eine Figur aus dem späten Zwanziger-Jahre-Berlin gedanklich in die Gegenwart zu verpflanzen. Das Besondere an ihrer Charlotte Ritter aber ist, dass sie trotz Bubikopf und Topfhut so überraschend zeitgemäß wirkt. „Babylon Berlin“, diese opulente Krimi-Serie von Tom Tykwer, Henk Handloegten und Achim von Borries, die nach der Premiere bei Sky im vergangenen Herbst von heute Abend an endlich auch im öffentlich-rechtlichen Fernsehen zu sehen ist, ist nicht zuletzt ein großartiges Geschichtspanorama in 16 Folgen. Die Männer tragen Anzug oder Uniform, nachts gibt es Charleston und Champagner, am Vorabend des Dritten Reichs gewinnt die politische Auseinandersetzung auf den Straßen an Schärfe. Und um die Geschlechterverhältnisse im Jahr 1929 nur mal anzudeuten: Auf 52 Herrentoiletten im Polizeipräsidium kommen fünf für Damen.

          Mitten durch diese Welt bewegt sich nun eine Frau, die zwar in ärmlichen Verhältnissen lebt, aber so unbeirrbar ihren beruflichen Aufstieg verfolgt, so selbstbewusst mit ihrer Sexualität umgeht und auch ansonsten so schlagfertig, klug und mutig auftritt, dass man sie mindestens als frühe Ikone der Frauenbewegung empfindet.

          Mehrere Leben gleichzeitig

          Ein Café in Berlin-Pankow. Der böige Wind kämmt den Linden das hitzeverdorrte Laub aus der Krone; die Spätsommerluft ist klar und immer noch warm. Ist Charlotte Ritter nicht im Grunde eine Feministin des 21. Jahrhunderts? „Ja und nein“, sagt Liv Lisa Fries. „Ich finde das schwierig, weil: Das ist ja individuell.“ Stimmt natürlich. Eine Schauspielerin verkörpert keinen Zeitgeist, keine Haltung, keine Symbolfigur, sondern eine ganz konkrete Person. Gerade deshalb ist diese Charlotte Ritter ja so überzeugend, gerade deshalb ermöglicht sie eine Identifikation, die ihr in der Romanvorlage abgeht. In den Krimis von Volker Kutscher, von denen der erste namens „Der nasse Fisch“ das Ausgangsmaterial für „Babylon Berlin“ lieferte, ist die Freundin von Kriminalkommissar Gereon Rath eine Idealisierung, die einem in ihrer Perfektion gehörig auf den Geist gehen kann. Auch in der Serie hätte das passieren können. Die Stenotypistin der Mordinspektion scheint mehrere Leben gleichzeitig zu führen. Schlaf? Braucht sie nicht. Und selbst wenn es lebensbedrohlich wird, steht sie am nächsten Tag in gewohnt kecker Seerosenfrische wieder im Büro. „Sie ist schon so eine kleine Überfrau“, sagt Fries.

          Trotzdem nervt ihre Figur nicht, und das liegt an Fries und ihrem Spiel. Es macht Spaß, mit dieser zierlichen Person über ihre Arbeit zu reden. Sie wirkt sehr präsent und unfassbar genau, was von einem Gedanken zum nächsten führt, und zwischen großen Bögen und kleinen Abstechern fällt ab und an so ein Satz, der naiv oder pathetisch wirken könnte, wenn er die Dinge nicht exakt auf den Punkt bringen würde. „Charlotte Ritter ist doch auch ein Mensch“, sagt Fries zum Beispiel. Und weil Menschen komplex seien, weil selbst der Stärkste Schwächen habe, habe sie sich als Schauspielerin auch bei einem „Stehaufmännchen“ wie Ritter mit den Ängsten und Sehnsüchten unter der selbstbewussten Oberfläche beschäftigt. Außerdem versuche sie, in ihr Spiel so etwas wie Luft einzubauen, eine Spur von Ungewissheit. Wieder so ein Fries-Satz: „Leben ist doch auch spontan.“ Das Schöne ist: Das kann man sehen.

          Selbstbewusste Überfrau: Fries als Charlotte Ritter im Nachtleben Berlins anno 1929.

          Noch ein Versuch, die Früh-Feministin aus „Babylon Berlin“ in die Gegenwart zu transportieren: Was können Frauen im Jahr 2018 von Charlotte Ritter lernen?

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