https://www.faz.net/-gum-9kqvm

Autorin Sophie Passmann : „Der alte weiße Mann ist gegen den Wandel“

Junge weiße Frau: Sophie Passmann ermuntert Männer, sich angegriffen zu fühlen – mit Erfolg. Bild: Matthias Lüdecke

Sophie Passmann hat mit Männern über Feminismus diskutiert. Im Interview spricht die Autorin über Sebastian Kurz und Bernie Sanders, Hass bei Twitter und weibliche Vorbilder.

          Frau Passmann, Sie haben im vergangenen Sommer 15 prominente Männer getroffen und mit ihnen über Feminismus diskutiert. Daraus ist das Buch „Alte weiße Männer. Ein Schlichtungsversuch“ entstanden. Lassen Sie uns mit einem Spiel beginnen. Ich sage Namen, Sie sagen: alter weißer Mann oder nicht. Okay?

          Leonie Feuerbach

          Redakteurin im Frankfurter Allgemeine Magazin.

          Ja, sehr gut.

          Bernie Sanders?

          Kein alter weißer Mann.

          Jeremy Corbyn?

          An der Schwelle, hat Alter-weißer-Mann-Einschläge.

          Boris Johnson?

          Alter weißer Mann.

          Sebastian Kurz?

          Einer der jüngsten alten weißen Männer, die ich kenne. Auch seine Frisur ist sehr alter-weißer-Mann-mäßig.

          Joachim Sauer?

          Nee. Der ist viel zu wenig da, um ein alter weißer Mann zu sein. Dafür braucht es ja eine gewisse Art von Renitenz und Präsenz. Männer müssen eine gewisse Anstrengung an den Tag legen, um als alte weiße Männer zu gelten.

          Jürgen Vogel, der Ihnen während eines Beitrags über Sexismus in der Filmbranche mal die Hand um die Hüfte gelegt hat?

          Nein. Der ist kein alter weißer Mann.

          Ihr Vater?

          Mein Vater weiß, dass er mich wütend machen kann, wenn er den alten weißen Mann mimt, und das macht er manchmal. Aber im Grunde seines Herzens ist er das Gegenteil eines alten weißen Mannes.

          Winfried Kretschmann?

          Spannender Fall. Vor ein paar Jahren hätte ich noch aus voller Überzeugung gesagt: nein. Inzwischen macht er ein paar Ausfallschritte in Richtung alter weißer Mann. Daher würde ich sagen: nein, aber mit Tendenz zum ältlichen weißen Mann.

          Und Boris Palmer?

          Definitiv. War wahrscheinlich schon in seiner Schulzeit ein alter weißer Mann.

          Campino von den Toten Hosen?

          Nein. Dem wird viel Unrecht getan. Der ist cooler, als man denkt.

          Farin Urlaub von den Ärzten?

          Nein! In dem Moment, in dem Farin Urlaub als alter weißer Mann bezeichnet wird, wandere ich aus und ziehe nach Österreich. In eine WG mit Sebastian Kurz!

          Offenbar geht es beim „alten weißen Mann“ nicht so sehr um Alter, Hautfarbe und Geschlecht, sondern um gewisse Eigenschaften. Die Toten Hosen haben mal gesungen: „Auch lesbische schwarze Behinderte können ätzend sein.“ Wofür braucht man den Begriff des alten, weißen Mannes? Beschreibt er mehr, als dass jemand ätzend ist?

          Der Begriff ist aufgekommen, weil die Menschen, die viele gerade nerven mit ihrer Omnipräsenz und damit, sich gegen den Wandel zu stellen, auffallend oft ältere weiße Männer sind. Ich glaube, er ist als Ad-hoc-Zustandsbeschreibung entstanden für Männer, die blind sind für die eigenen Privilegien. Als Kampfbegriff bedeutet er natürlich auch, dass ein Mann, der weiß ist - und heterosexuell und nicht behindert, gepaart mit ein paar anderen Privilegien- in unserer Gesellschaft keine Diskriminierung erfährt. Dieser Mann kann trotzdem Pech oder ein blödes Leben haben, und dafür muss man dann auch Empathie haben. Aber er wird auf keinen Fall Diskriminierung erfahren wegen seines Geschlechts, seiner Hautfarbe, seiner sexuellen Orientierung. Das meint dieser Begriff. Wir sind in einer Phase, in der ganz vielen Menschen klargemacht werden muss: Es ist ein Privileg, weiß zu sein oder ein heterosexueller Mann zu sein. Der Begriff wird gerne benutzt, um zu nerven. Ich mache das auch gerne.

          Also ist der alte weiße Mann jemand, der privilegiert ist, sich dessen aber nicht bewusst und stattdessen mit einer gewissen Überheblichkeit davon ausgeht, nur aufgrund seiner Leistungen dort im Leben zu stehen, wo er steht?

          Weitere Themen

          Topmeldungen

          Steinbach und der Fall Lübcke : „Du trägst Mitschuld an seinem Tod“

          Nach dem Mord an Walter Lübcke hat der frühere CDU-Generalsekretär Peter Tauber seinen Vorwurf gegenüber seiner früheren Parteifreundin Erika Steinbach wiederholt. Steinbach sieht darin eine Diffamierung.

          Newsletter

          Immer auf dem Laufenden Sie haben Post! Abonnieren Sie unsere FAZ.NET-Newsletter und wir liefern die wichtigsten Nachrichten direkt in Ihre Mailbox. Es ist ein Fehler aufgetreten. Bitte versuchen Sie es erneut.
          Vielen Dank für Ihr Interesse an den F.A.Z.-Newslettern. Sie erhalten in wenigen Minuten eine E-Mail, um Ihre Newsletterbestellung zu bestätigen.