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Autorin Sophie Passmann : „Der alte weiße Mann ist gegen den Wandel“

Haben die Gespräche Ihren Blick auf den alten weißen Mann verändert?

Natürlich. Es wäre ja erschreckend, wenn sich nach 15 Gesprächen nichts bei mir bewegt hätte. Das erste Gespräch mit Sascha Lobo war Grundlagenarbeit. Ich wollte ihn am Anfang treffen, weil ich weiß, dass er immer gerne dreieinhalb Schritte zurücktritt und sich acht Meta-Ebenen anschaut. Er hat zum Beispiel gesagt, dass man die Klassenfrage nicht vergessen darf, auch wenn sie im Begriff des alten weißen Mannes nicht auftaucht. Der Bauarbeiter, der Frauen hinterherpfeift, ist eben trotzdem kein alter weißer Mann. Es geht um Macht, um die Elite. Ist er mächtig? Wie viel verdient er? Das reicht nicht. Aber es gehört dazu.

Sie haben vor allem Männer aus der politischen und medialen Elite getroffen. Wollten die Wirtschaftsbosse nicht?

Ich wollte prominente Männer treffen, weil ich im Buch keinen Platz verschwenden wollte für die Einführung der Person, und Wirtschaftsbosse sind in der Öffentlichkeit mit wenigen Ausnahmen unbekannt. Auch gegen Kirchenvertreter habe ich mich aus diesem Grund entschieden. Natürlich haben auch einige Männer, die ich gerne getroffen hätte, schlicht nein gesagt. Wenn man an den Begriff des alten weißen Mannes denkt, hat man ja gleich ein paar Kandidaten im Kopf. Sie können sich sicher sein: Die habe ich alle angefragt.

Horst Seehofer hat also abgesagt?

Das habe ich nicht gesagt.

Wie viele Absagen haben Sie bekommen?

Ich habe einen traurigen Mailordner voll mit Absagen ehemaliger Fraktionsvorsitzender und früherer Late-Night-Show-Moderatoren. Es waren aber alles nette, witzige, herzliche Absagen.

Konnten Sie sich manchmal in die Männer hineinversetzen?

Es gab nicht wirklich Momente, in denen ich auf dem Weg nach Hause in Kummer versunken dachte: die armen Männer! Aber eine Sache, die ich mitgenommen habe aus dem Sommer, ist: Kritik nicht einfach abtun. Das wird ja alten weißen Männern auch oft vorgeworfen, dieses: Redet ihr mal, ich bin eh der Geilste. Das habe ich auch teilweise erlebt in den Gesprächen. Ich fand das so unangenehm, dass ich mich seitdem verstärkt frage: Lege ich das auch manchmal an den Tag? Ich höre viel aufmerksamer Kritik zu.

Der Sommer hat Angst in Ihnen geweckt, zum alten weißen Mann zu werden?

Nein, aber ich habe gemerkt, dass es dusselig ist, Kritik grundsätzlich nicht anzunehmen. Ich glaube nicht, dass ich an einem Punkt war, an dem ich Gefahr lief, mich selbst für die Geilste zu halten. Im Gegenteil: Ich grüble viel, denke vieles auch kaputt. Aber bei Kritik, die ich im Internet jeden Tag bekomme, mal justiziabel, mal nur nett gemeint, ist es schon so, dass ich jetzt genauer hinhöre und genauer lese. Ich lasse das jetzt näher an mich ran als vor diesem Sommer.

Ihnen folgen 70.000 Menschen auf Twitter, und Sie ecken gerne an. Kann man da ernsthaft diese Kritik an sich heranlassen? Muss man sich gegen Hasskommentare nicht abschotten, um nicht daran zugrunde zu gehen?

Vor gut eineinhalb Jahren hatte ich vielleicht 500 Follower bei Twitter. Ich bin also noch keine Expertin, was Reichweite angeht, zumindest nicht, was den psychischen Umgang mit dem Hass angeht, der aus der Reichweite resultiert. Denn die Öffentlichkeit geht anders mit Menschen um, die sie als Personen des öffentlichen Lebens betrachtet. Mein Eindruck ist: Wenn man eine bestimmte Anzahl an Followern hat oder einen blauen Haken bei Twitter oder wenn man im Fernsehen auftritt, entscheidet eine Öffentlichkeit oder zumindest eine Filterblase im Internet: Die ist jetzt keine Person mehr, mit der man auf Augenhöhe spricht, sondern man kann quasi nach oben treten. Und nach oben treten geht auch, das ist satirisch völlig in Ordnung. Nur: Ich fühle mich immer noch so, als würden diese Leute eigentlich nach unten treten. Als wäre ich noch dieses komische Girl, das gerade in Freiburg versucht, seinen Statistik-Schein zu machen. Ich habe dieses Wachstum meiner Followerzahl nicht wirklich mitgemacht. Es ist ein Lernprozess.

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