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Autorin Sophie Passmann : „Der alte weiße Mann ist gegen den Wandel“

Das ist eine gute Annäherung an den Begriff. Ich habe aber festgestellt, dass ich nicht mit einer Ein-Satz-Definition aus dem vergangenen Sommer rausgegangen bin. Es ist ein Habitus, ein Sendungsbewusstsein, das manche Leute der Welt gegenüber haben. Es gibt sicherlich ein Set an Eigenschaften: gegen den Wandel zu sein, eine leichte Süffisanz, die Tendenz, Emanzipation lächerlich zu machen. Aber es ist nicht nur das. Der alte weiße Mann kann auch in einzelnen Momenten aufkommen, als Verhaltensweise. Es gibt Momente im Buch, in denen der Leser merkt: Boah, das war irgendwie ganz schön unangenehm - ohne es vielleicht konkret benennen zu können. Das herauszuarbeiten war mein Ziel.

So ein Gefühl kam rüber, als Kai Diekmann Ihnen ein Kompliment machen wollte und sagte, Sie sähen gar nicht aus wie eine Feministin.

Das Gespräch mit Diekmann war für mich keine Glanzstunde, wegen meiner Leistung. Ich habe dabei nicht besonders stark argumentiert, weil ich eingeschüchtert war. Das gehört zu Gesprächen, egal ob mit alten weißen Männern oder anderen, manchmal einfach dazu. Viele junge Frauen kennen dieses Gefühl, dass man in einem Gespräch gelähmt ist, weiß, was man sagen will, aber es nicht schafft oder auch einfach die Energie nicht mehr dafür hat, eine Mischung aus Wut und Resignation empfindet.

Diekmann hat die nackte Frau auf Seite 1 der „Bild“-Zeitung abgeschafft. Er sagt: Die Gleichberechtigung ist schon da, jetzt müssen sich noch die Strukturen wandeln, und die Ungleichheiten werden nach und nach verschwinden. Hat er Recht?

Ich liebe den Blick auf Zahlen. Jede Statistik zeigt die Ungerechtigkeit. Die Lohnunterschiede, die Plätze in Aufsichtsräten, der Wiedereinstieg in Vollzeit nach dem Kinderkriegen. Das wird nicht automatisch besser, sondern teils sogar schlechter: In diesem Bundestag sitzen weniger Frauen als in den vorherigen. All das zeigt, dass wir Feministinnen nicht ansatzweise übertreiben. Und ich bin mir sicher: Wenn wir aufhören zu nerven, gibt es wieder einen Backlash.

Sophie Passmann, geboren 1994 in Kempen am Niederrhein, wuchs in Ettenheim im Ortenaukreis auf. Mit 15 Jahren trat sie erstmals bei einem Poetry-Slam auf. Sie machte ein Volontariat bei Hitradio Ohr in Offenburg, studierte Politikwissenschaft und Philosophie in Freiburg und veröffentlichte 2014 ihre Textsammlung „Monologe angehender Psychopathen“. Das neue Buch der Autorin und Moderatorin, „Alte weiße Männer. Ein Schlichtungsversuch“, ist am 9. März bei Kiepenheuer und Witsch erschienen.

Einer der Männer, die Sie für Ihr Buch interviewen, ist ausgerechnet Kevin Kühnert. Warum?

Das ist natürlich eine besondere Wahl, weil alle darüber reden, wie jung er ist. Nur: Er kann in der Zukunft ein alter weißer Mann werden! Zum Beispiel sind die meisten seiner Berater Männer. Und er lebt in einer Welt, in der Männer andere Männer fördern. Er hat mir bei unserem Treffen erklärt, wie er sich Gedanken darüber macht, wie er das vermeiden kann.

Birgt der Begriff des alten weißen Mannes nicht die Gefahr, diejenigen Männer auszugrenzen, die eigentlich Ihrer Meinung sind, sich aber angegriffen fühlen, weil sie an ihrem Geschlecht, ihrer Hautfarbe und ihrem Alter nun mal nichts ändern können?

Ich ermuntere jeden Mann, der weiß ist und mittelalt, sich erst mal angegriffen zu fühlen. Das finde ich gar nicht so schlimm, wenn jemand verwundert ist, sich gestört fühlt, vielleicht sogar beleidigt. Denn ich glaube, es ist das erste Mal in der Geschichte, dass wir weiße Männer darauf hinweisen, dass sie weiße Männer sind. Und das kann heilsam sein. Der weiße Mann kommt in den Raum und wird weder wegen seiner Hautfarbe noch seines Geschlechts angeschaut. Ich als Frau kenne dieses Gefühl nicht. Und das gilt umso mehr für nicht-weiße Frauen. Niemand ist dazu verdammt, ein alter weißer Mann zu sein, denn der Begriff meint eher einen Habitus als eine Reduzierung auf sozio-ökonomische Merkmale. Und dann müssen sich auch nicht alle weißen Männer jenseits der 45 angegriffen fühlen. Dann stehen diese Männer immer noch gut da und haben sich nur kurz angegriffen gefühlt aufgrund ihres Alters und ihres Geschlechts. Und da kann ich als junge Frau nur sagen: Willkommen in meinem Leben!

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