https://www.faz.net/-gum-9ango

#Bodypositivity : Jeder ist schön – für irgendjemanden

  • -Aktualisiert am

Mit 340 Kilogramm allerdings liebt man sich selbst nicht mehr, sagt Nicole Jäger. Mehr noch: Es käme gar nicht so weit, wenn man mehr von sich hielte. Wenn das Selbstbewusstsein fehle, bestehe ein Defizit, dann herrsche die Unfähigkeit, sein Leben in den Griff zu bekommen. Dick sein sei negativ besetzt, sagt Nicole Jäger. Man assoziiere es mit Faulheit und mangelndem Durchhaltevermögen. Schlanken Menschen hingegen würden sogleich mentale Stärke und Konsequenz zugeschrieben. „Wir sind visuell geprägte Menschen. Man muss sich dem auch nicht entziehen.“ Sie selbst stecke Personen, die einen Raum betreten, gleich in eine Schublade. Das sei menschlich. Man müsse sie jedoch wieder herausholen, wenn man daran interessiert sei, sie kennenzulernen.

Dazu ruft sie auch die Frauen in der Jahrhunderthalle auf. Niemand solle in der Pause der Comedy-Show schief angesehen werden, keiner solle sich schlecht fühlen. Fan-Shirts gibt es in jeder nur erdenklichen Größe, bis hinauf zu 12 XL. Nicole Jäger selbst hat 5XL. In ein paar Jahren möchte sie weitere 50 Kilogramm abgenommen haben und auf der Waage möglichst eine zweistellige Zahl sehen.

„Jeder von uns hat exakt ein Recht auf ein Leben. Und wie ich das verkorksen möchte, ist meine ganz eigene Angelegenheit.“ Wenn jemand etwas an seinem Gewicht ändern wolle, sei das super. Wolle man es aber belassen, wie es ist, müsse das auch okay sein. Selbst Frauen, die in ihren Augen schön sind, berichten ihr aber, dass sie auf der Straße schiefe Blicke und verletzende Kommentare ernten. „Eine Meinung haben und jemanden beleidigen sind immer noch zwei Paar Schuhe.“

Wie hat sie rund 170 Kilogramm verloren?

Eines Morgens, sie war 25 Jahre alt, lag Nicole Jäger in ihrem Bett, die Sonne schien ihr ins Gesicht, und sie dachte, sie müsse sterben. Ein vermeintlicher Herzinfarkt entpuppte sich als Panikattacke, verursacht durch Atembeschwerden aufgrund einer Störung der Schilddrüse. Der Schock saß tief. In diesem Moment, als sie die Wohnung wegen ihrer mehr als 300 Kilogramm kaum noch verließ, begann der neue Weg. Ihren Magen wollte sie sich nicht verkleinern lassen – sie wollte zu den zwei Prozent der Bevölkerung gehören, die es ohne medizinischen Eingriff schaffen abzunehmen. Operationen, meint sie, bekämpfen das Symptom, nicht die Ursache, und würden trotz weitreichender Folgen zu leichtfertig empfohlen. Von Diäten hält sie auch nichts. Sie selbst sei auch infolge von Diäten übergewichtig.

Aber wie hat sie nun rund 170 Kilogramm verloren? Mit Geduld und kleinen Schritten. Kleinere Portionen, mehr Bewegung, nur noch essen, wenn man hungrig ist. „Ich habe damals begriffen, dass Abnehmen vieles mit mir anstellt, aber mich nicht glücklich macht“, sagt Jäger, die auch schon als Abnehm-Coach gearbeitet hat.

Sie verlor Gewicht und wurde gesünder. Doch es veränderte sich erst etwas, als sie damit anfing, sich als Frau wahrzunehmen. „Zu sagen: Ich habe jetzt so lange Spaß mit irgendwelchen Männern, bis ich verstanden habe, dass nicht alle Männer dicke Frauen scheiße finden. Und ich höre einmal zu, was Menschen zu sagen haben, die der Meinung sind, ich sei attraktiv.“ Auch ein wichtiger Schritt: sich die Haare abzurasieren, die wegen des durch das Übergewicht durcheinandergeratenen Hormonhaushalts ausgefallen waren, und eine Perücke zu tragen. Besser, als vor dem Spiegel zu stehen und zu denken: „Ich bin nicht nur dick, ich habe auch noch Scheiß-Haare.“ Auf der Bühne trägt sie die langen, blonden Kunsthaare ihrer Perücke zu zwei Fischgrätenzöpfen geflochten.

In ihrer Show kümmert sich Nicole Jäger auch um Alltagsthemen. So spricht sie über einen Besuch bei einem befreundeten Paar in einer Reihenhaussiedlung, über den Hund, einen „sexuell aggressiven Fussel“, und das Wandtattoo – das Arschgeweih der Reihenhausbesitzer. Das kommt gut an. Manchmal wechselt sie von der Komikerin zur Moral-Instanz. Das Publikum liebt sie dafür, dass sie ist, wie sie ist.

Weitere Themen

Immer auf die Dicken

Kolumne: Hanks Welt : Immer auf die Dicken

Zuckersteuern, schöne Models als Vorbilder, moralische Denunziation der Übergewichtigen – es nützt alles nicht viel. Wir werden Fettleibigkeit wohl nie besiegen. Oder doch?

Topmeldungen

Europäisches Tandem: Frankreichs Außenminister Jean-Yves Le Drian (links) und sein deutscher Amtskollege Heiko Maas am Mittwoch in Paris

Plan wider die Lähmung : So wollen Maas und Le Drian Europa stärken

Das deutsch-französische Tandem stockt. Die Außenministerien in Berlin und Paris haben hinter den Kulissen ein Programm entwickelt, wie es künftig besser laufen kann – und Europa handlungsfähiger werden soll.

Newsletter

Immer auf dem Laufenden Sie haben Post! Abonnieren Sie unsere FAZ.NET-Newsletter und wir liefern die wichtigsten Nachrichten direkt in Ihre Mailbox. Es ist ein Fehler aufgetreten. Bitte versuchen Sie es erneut.
Vielen Dank für Ihr Interesse an den F.A.Z.-Newslettern. Sie erhalten in wenigen Minuten eine E-Mail, um Ihre Newsletterbestellung zu bestätigen.