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Autorin Kristin Ganzwohl im Gespräch : Ich liebe einen Mörder

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Bild: plainpicture/Millennium/Virgilio

Sie sucht einen Partner im Netz. Sie verliebt sich. Und eines Morgens sagt er ihr, dass er ein verurteilter Mörder ist.

          Frau Ganzwohl, Ihr Partner hat seine langjährige Jugendfreundin niedergeschlagen und erwürgt. Dann wurde er zu einer Gefängnisstrafe von elf Jahren verurteilt und nach sieben Jahren vorzeitig entlassen. Seit drei Jahren sind Sie jetzt mit ihm zusammen. Wie kam es, dass Sie sich in einen Mörder verliebt haben?

          Ich habe ihn bei einer angeblich hochseriösen, spießigen Internetpartnerbörse kennengelernt und ihm zunächst sogar einen Korb gegeben, als er mich anschrieb, obwohl mir sein Foto, das er gleich freigeschaltet hatte, auf Anhieb gefiel. Aber in seinem Profil hat er sich als konservativ und als Manager bezeichnet, das war überhaupt nicht mein Ding. Er hat dann auf meinen Korb hin zurückgeschrieben, er habe das Wort „konservativ“ aus seinem Profil gelöscht und auch sonst einige Dinge geändert, und ich solle es mir doch noch mal anschauen, er passe jetzt vielleicht besser in die Prinzenschublade. Das gefiel mir, ich fand ihn humorvoll. Und so hat es angefangen.

          Wann hat er Ihnen von dem Mord erzählt?

          Nach vier oder fünf Monaten. Beim Sonntagsfrühstück im Schlafanzug, mit der F.A.S. auf dem Schoß und Croissants auf dem Teller. Er sagte: „Wir müssen reden.“ Ich ahnte, dass etwas Schlimmes folgen würde.

          Und was hat er dann gesagt?

          Er hat es relativ lang eingeleitet. Er hatte wirklich eine Rede vorbereitet und den Zeitpunkt sehr gut gewählt. Er wusste, dass ich bald meinen Geburtstag feiern und ihn meinen Freunden als meinen neuen Freund vorstellen wollte. Er hatte mich auch seinen Freunden vorgestellt, die fand ich sehr nett, auch eine Familie mit Kindern war dabei. Das waren also vertrauensbildende Maßnahmen, die im Vorfeld gelaufen waren. Und dann begann er: „Wenn ich das sage, wird alles anders sein, du wirst dich vielleicht trennen und mich mit ganz anderen Augen sehen.“ Ich bekam einen Riesenschreck, dachte, er sei vielleicht unheilbar krank oder habe eine Frau und drei Kinder. Aber dann sagte er: „Ich war im Knast.“ Ich hab’ gekichert. Spannungsabbau. Ich fand dieses Wort „Knast“ aus seinem Mund, aus dem Mund dieses wirklich konservativen Managers, so komisch. Und dann war er natürlich konsterniert, dass ich lachte. Ich fragte: „Wie lange?“ Dann nannte er die Höhe seiner Strafe, und mir war sofort klar, es war kein Betrug, keine Steuerhinterziehung, kein Konto in der Schweiz. Ich dachte: Bitte, lieber Gott, lass es nur Totschlag sein. Aber dann rückte er damit heraus, dass es ein Mord war.

          Und wie hat er das formuliert?

          Er sagte: „Ich habe meine Exfreundin ermordet und bin ein verurteilter Mörder.“

          Wie haben Sie reagiert?

          Ich habe geschwiegen. In meinem Kopf war nur noch Watte. Dann bin ich rausgegangen. Als ich dann Fragen stellte, erzählte er, was passiert war und warum es passiert ist, und ich merkte schnell, dass es mir zu viel war, dass ich es nicht aushalte. Ich unterbrach ihn an der Stelle, an der er erzählte, dass er mit seiner Exfreundin schräg gegenüber von mir in einer Wohnung gewohnt hatte, in die ich reingucken kann. Das hört sich wie erfunden an. Aber in dem Moment wollte ich nur noch alleine sein und hab’ ihn weggeschickt.

          Warum hat er denn seine Exfreundin ermordet?

          Die beiden waren elf Jahre zusammen, es war eine Jugendliebe. Claus ist ein sehr kontrollierter Mensch, der sein Leben komplett durchgeplant hatte: Studium, Beruf, Karriere, Kinder. Dann machte die Frau ihm einen Strich durch die Rechnung. Sie wollte unbedingt heiraten, er noch nicht. Da begann sie erst eine Affäre, dann trennte sie sich. Sie zog in die Wohnung einer Freundin, machte Claus aber immer noch Hoffnungen. Sie zog keinen eindeutigen Schlussstrich. Er hoffte also und war total verzweifelt. Eines Tages wollten beide über einen gemeinsamen Urlaub sprechen, er kam zu ihr, es kam zu Zärtlichkeiten, und irgendwann sagte sie ihm dann: „Es ist wirklich aus.“ Claus blieb ruhig und sagte, dass sie immer Freunde bleiben würden. Er hat sie also nicht im Streit, sondern erst danach, als er schon gehen wollte, von hinten niedergeschlagen und zu Tode gewürgt. Dadurch, dass sie arg- und wehrlos war, wurde es als Mord gewertet.

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