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Autorin Karina Schaapman : Eine Welt, wie sie ihr gefällt

Aus Stoffen verschiedener Jahrzehnte, Papier, Wachs und Holz besteht das fast drei Meter große Mäusehaus. In einem der Zimmer, dem Taschenladen, kauft Julia (rechts) für ihre Mutter ein Portemonnaie. Bild: Eddo Hartmann, Rubinstein

Mehr als hundert liebevoll gestaltete Zimmer hat das „Mäusehaus“ aus den Kinderbüchern von Karina Schaapman. Wer genau hinschaut, entdeckt darin die Spuren des dramatischen Lebens seiner Schöpferin.

          6 Min.

          Man weiß gar nicht, wo man hinschauen soll. Wer die Fotos aus den Büchern betrachtet, die sich um „Das Mäusehaus“ und seine kleinen Bewohner Sam und Julia drehen, dessen Blick verliert sich in der Detailfülle einer entzückenden Miniaturwelt, teils selbstgebastelt, teils erschaffen mit phantasievoll zweckentfremdeten Alltagsgegenständen. Man entdeckt Dielen, die einmal Eisstiele waren, zu Backformen verwandelte Kronkorken, winzige Emaille-Kannen, die tatsächlich aus bemaltem Papier sind. Wie gern würde man hier selbst einmal Mäuschen spielen und hineinhüpfen in eines der windschiefen, doch warm und gemütlich wirkenden Zimmerchen.

          Jörg Thomann

          Redakteur im Ressort „Leben“ der Frankfurter Allgemeinen Sonntagszeitung.

          Bei alledem jedoch übersieht man leicht das eine oder andere Element, das zur Puppenstubennostalgie, welche die Bücher ausstrahlen, nicht zu passen scheint. Das Fenster beispielsweise in der winzigen Kammer, die das Mäusemädchen Julia und ihre Mutter bewohnen: Es ist mit Brettern verschlagen. In den Büchern spielt das keine Rolle, für Karina Schaapman aber, die das Mäusehaus erbaut hat, eine sehr große. Sie weiß noch genau, wie es war an jenem Tag im Januar 1969, als die anderen Kinder die Schneebälle warfen, hoch in den zweiten Stock, wo die kleine Karina mit ihrer Mutter wohnte, und sie wieder einmal beschimpften und brüllten, sie sollten zurückgehen „in ihr Land“ - nach Indonesien also, von wo die Mutter einst nach Holland emigriert war. Als durch einen Wurf die Scheibe des Küchenfensters zersplitterte, nagelte Karinas Mutter ein Brett davor.

          Zauberhafter Sehnsuchtsort für große und kleine Kinder

          Diese hässliche Geschichte, sagt Karina Schaapman, habe sie in einem Kinderbuch nicht erzählen mögen, aber zeigen wollte sie das verrammelte Fenster durchaus. Und so wie jenes künden in ihren Büchern viele Dinge von den Geschichten, die Schaapman in ihrer Kindheit und Jugend erlebt hat, den schönen, den weniger schönen und den ganz schlimmen, jedoch stets nur in stiller Weise. Denn die Frau, die mit dem Mäusehaus einen zauberhaften Sehnsuchtsort für große und kleine Kinder erschuf, hat vieles hinter sich, was Kinder besser nicht hören sollten - und schon gar nicht selbst durchleiden. Das Leben traf sie mit weit härterer Wucht als jeder noch so feste Schneeballwurf, und dass es ihr dennoch gelang, privat wie künstlerisch ihr Glück zu finden, das ist die wunderbarste aller Geschichten, die in dem Mäusehaus verborgen sind.

          Beim Besuch in ihrer Amsterdamer Atelierwohnung am Ufer der Amstel erweist sich gleich, dass Schaapman ein Herz nicht nur für kleine, sondern auch für große Tiere hat: Bernhardiner Joop hat das gefühlte Ausmaß einer mittleren Kuh und glücklicherweise das friedliche Gemüt eines Buddhas - jedenfalls dann, wenn man ihn, wozu Schaapman eindringlich rät, nicht groß beachtet. Während des zweistündigen Gesprächs liegt er brav auf dem Boden, bettelt auch nicht um den leckeren Brotpudding, den Schaapmans Ehemann, der Künstler Eli Content, gebacken hat, und weil auch Zweithund Whisky ein ruhiger Geselle ist, braucht man sich nicht zu sorgen um die filigranen Gebilde, die im Atelier aufgestellt sind: das Theater aus dem zweiten Buch um Sam und Julia oder das Zirkuszelt aus dem dritten, in Deutschland noch nicht erschienenen Band. Gerade entsteht schon die Kulisse des vierten Teils, in dem die Mäuse einen Freizeitpark besuchen: eine Achterbahn, deren Schienen aus den schon bekannten Eisstielen sowie einem drübergeklebten Reißverschluss bestehen.

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