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Autor Kristof Magnusson im Gespräch : „Früher bin ich Rettungswagen hinterhergelaufen“

  • -Aktualisiert am

Schriftsteller Kristof Magnusson Bild: Pein, Andreas

Der Schriftsteller Kristof Magnusson spricht im F.A.S.-Interview über seinen „Arztroman“, Groschenheft-Lektüre, coole Notärzte und Party-Feeling vorm Krankenhaus.

          Der dunkle Bau, der am Ende des Wohnviertels mit den vielen Bäumen in die Höhe ragt, könnte auch eine Behörde sein. Aber nur, bis man vorm Eingang des Berliner Urban-Krankenhauses steht. Der Duft von Desinfektionsmitteln zieht nach draußen, im Korridor sitzen Männer in Rollstühlen, mit verrutschten Bademänteln und Kippe im Mund.

          Kristof Magnusson, halb Isländer, halb Deutscher, kann zum Interviewtermin schlendern. Er wohnt hier, das Martinshorn ist Alltag. Die Klinik ist Schauplatz seines neuen Romans, monatelang hat er sich hier und in anderen Rettungsstellen herumgetrieben. Solche Mikrokosmen sind seine Spezialität: Sein Roman „Das war nicht ich“, der zum Bestseller wurde, spielte im Finanzsektor.

          Jetzt hat er mit der Notärztin Anita eine Heldin geschaffen, die jobbedingt Problemlöserin ist. Die weiß, wenn sie schematisch den Naturgesetzen folgt, kann sie Menschen retten. Und die irgendwann merkt, dass dieses Prinzip für ihr Privatleben nicht taugt.

          „Oben im 9. Stock könnten leere Betten rumstehen“, sagt Magnusson, um die Suche nach einem Fotomotiv zu beschleunigen. Als sich die Aufzugstür öffnet, wähnt man sich in einer Hotellobby. „Komfortstation“ steht auf einem Schild. Na, dann lieber in die Caféteria.

          Herr Magnusson, wann lagen Sie zuletzt im Krankenhaus?

          Als Kind. Man dachte, es sei der Blinddarm, war’s aber doch nicht. Ich musste auch noch nie den Notarzt rufen.

          Trotzdem haben Sie nun einen Roman über diese Welt geschrieben, rund um eine Notärztin am Berliner Urban-Krankenhaus. Wieso?

          Das Metier hat mich als literarischer Stoff schon lange interessiert. Viele meiner guten Freunde sind Ärzte geworden, ihre Geschichten höre ich mir seit Jahren an. Ich konnte in Echtzeit mitverfolgen, wie aus gestressten Studenten, die alles über Nerven und Biochemie auswendig lernen müssen, Ärzte werden. Und ich habe eine kindliche Faszination für Blaulicht. Ich bin oft Rettungswagen hinterhergelaufen – ich wohne ja gleich um die Ecke vom Urban. Mal fuhr er nur zum Pizzaholen, ein andermal war der Chemielehrer umgekippt, und die ganze Schule stand auf dem Hof und schaute zu. Da prallen Alltag und Notsituationen aufeinander. Mir wurde klar, der Rettungsdienst ist ideal für ein Gesellschaftsporträt.

          Inwiefern?

          In Arztpraxen kommen nur bestimmte Leute. Bei Notärzten ist alles dabei von Reich bis Arm. Die Leute geben nicht nur ihre Körper preis, sondern ihre Intimsphäre, ihre Wohnung, da kann keiner vorher aufräumen. Es ist faszinierend, wie schnell Menschen die Kontrolle über ihre Wohnung aufgeben, sobald ein Notarzt reinkommt. Da werden Bilder von der Wand genommen, um Infusionen aufzuhängen, Türen ausgehängt, Schubladen nach Arztbriefen durchwühlt.

          In Ihrem Buch „Das war ich nicht“ rechnen Sie mit dem Finanzkapitalismus ab. Nun hätten Sie sich das Gesundheitssystem vorknöpfen können. Warum haben Sie das nicht?

          Ich hatte keinen wertenden Ansatz, nur den naiven Wunsch, Geschichten zu erzählen. Aber immer in der Spannung zwischen jenen gesellschaftsethischen Extremen. Hilft man denen, die Hilfe brauchen, oder denen, die es sich leisten können, Eigenverantwortung zu übernehmen? Deswegen auch die Zitate vorne im Buch, als erstes der Satz von Albert Schweitzer: Das Mitfühlen mit allen Geschöpfen ist es, was den Menschen erst wirklich zum Menschen macht – und darunter das neoliberal hingerotzte „Nein!“ von Heidi Klum.

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