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Autor Ali Can über Hanau : „Ich kann meine Herkunft nicht verstecken“

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Der Tatort am Heumarkt in Hanau am Tag nach dem Anschlag Bild: Francois Klein

Er startete die Hotline für besorgte Bürger und den Hashtag #MeTwo: Autor Ali Can macht sich schon lange gegen Rassismus stark. Im Interview spricht er über das Unsicherheitsgefühl vieler Migranten nach der Tat von Hanau.

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          Herr Can, Sie haben auf Twitter nach dem rechtsextremen Anschlag in Hanau geschrieben: „Wir haben Angst. Wir fürchten um unser Leben.“ Ist Hanau eine Zäsur – oder hatten Sie schon vorher Angst?

          Hanau ist für mich und alle Menschen, die einen sichtbaren Migrationshintergrund haben, auf jeden Fall eine Zäsur, aber nicht die erste. Eine Zäsur war auch, als ein Rechtsterrorist in Halle an der Saale einen Menschen in einem Dönerimbiss getötet hat und dann eine Synagoge stürmen wollte. Sowohl Jüdinnen und Juden als auch Musliminnen und Muslime und Menschen, die einen sichtbaren Migrationshintergrund haben. Wir sind alle Zielscheibe dieses Hasses und des Rechtsextremismus. Für uns gibt es immer wieder Zäsuren – aber es ändert sich nie etwas. Das Bedauern ist groß und die Kundgebungen sind groß, aber wir sind es, die den Schrecken erleben. Das zeigt einfach das große, tragische Ausmaß dieses Terrors. Es kommt kein Schutz.

          Immer wieder hört man Leute davor warnen, nicht in Panik zu verfallen, sobald von der Angst vor rechtem Terror gesprochen wird. Was entgegnen Sie denen?

          Nicht in Panik zu verfallen, das können nur privilegierte Menschen raten. Ich kann meine Haarfarbe, meine Hautfarbe oder meine Herkunft nicht verstecken und dann so herumlaufen, als wäre ich nicht für manche Menschen ein Problem. Es ist nicht vorhersehbar, wo der nächste Rechtsextremist zuschlägt. Und es ist schlimmer geworden: Hanau zeigt, dass die jetzt gezielt Orte aussuchen, wo sich vermehrt Türkischstämmige, Arabischstämmige oder Kurden aufhalten – wie zum Beispiel in der Shisha-Bar in Hanau. Das heißt, es werden noch weitere Morde folgen und zwar immer wieder gezielt an Orten, die für uns ja gerade Rückzugsorte, sogenannte Safespaces sind. Orte, an denen wir uns nicht erklären müssen oder an der Tür abgewiesen werden, die für uns ein bisschen Subkultur sind. Wenn Polizei und Sicherheitsbehörden nicht einen Masterplan präsentieren, kommt es auf die Zivilgesellschaft an. Sonst können wir uns nirgendwo mehr sicher fühlen.

          Sie schrieben auch auf Twitter, dass Ihr Cousin an dem Abend in eine Shisha-Bar nach Hanau wollte.

          Einer meiner Cousins wohnt zwei Kilometer von der Midnight-Shisha-Bar entfernt, in der der Täter war und Menschen umgebracht hat. Er war in der Bar in der Vergangenheit schon öfter etwas essen und trinken, deswegen schockiert es mich und meine Familie umso mehr. Ein anderer Cousin wollte an dem Abend in die Shisha-Bar in Hanau gehen, hat sich aber spontan umentschieden. Zum Glück.

          Ali Can, 26, hat den Hashtag #MeTwo gestartet, eine Hotline für besorgte Bürger gegründet und das Buch „Mehr als eine Heimat“ geschrieben.

          Ihr Cousin kannte eines der ermordeten Opfer. Wie drückt sich die Trauer um ihn aus?

          Alle Verwandten im Rhein-Main-Gebiet haben in der Nacht der Tat kaum geschlafen, wegen der Nähe der Familie zum Tatort. Und als wir dann am nächsten Morgen erfahren haben, dass die Morde auch noch aus rassistischen Gründen passiert sind und dass jemand gestorben ist, den mein Cousin vom Sehen her kannte, war klar, dass keiner aus der Familie alleine rausgeht. Mein Cousin hat seine Frau heute morgen selbst zur Arbeit gefahren. Ein anderer Cousin meinte: Was ist, wenn unsere Hochzeitsfeiern, auf die 1000 Gäste kommen, plötzlich angegriffen werden? Wenn das so weitergeht, müssen wir uns fragen, ob wir in Deutschland noch sicher sind.

          Denken Sie darüber nach auszuwandern?

          Viele Migrantinnen und Migranten haben nach Hanau daran gedacht. Doch erst fragen wir uns jetzt, wie wir uns schützen können. Wir glauben an den Rechtsstaat, an die Demokratie. Wir haben unsere Heimat hier gefunden und möchten weiterhin hier leben, aber der Staat reagiert bisher nur. Es ist ja schön, dass gestern alle Flaggen auf Halbmast standen, so wie es Seehofer angeordnet hat, aber das nimmt uns ja weder die Angst, noch hält es Rechtsextreme davon ab, Anschläge zu verüben.

          In Ihrem Buch „Mehr als eine Heimat“ schreiben Sie unter anderem darüber, wie Sie in diesem Land zu Hause sind. Ist es überhaupt noch lebenswert in einem Land, in dem man sich nicht sicher fühlt?

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