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Autofahren im Alter : „Du nimmst ihm einfach den Schlüssel ab“

  • -Aktualisiert am

Ihren Führerschein machten die Seniorinnen von heute in den sechziger Jahren; gefahren aber ist meistens der Mann. Bild: Imago

Der Vater lässt nach, die Mutter muss handeln. Aber wer fährt jetzt das Auto? Über Frauen, die im dritten Lebensalter plötzlich flügge werden und Männer, die darunter leiden.

          Ich bin eine von sehr vielen, gehöre zu einem geburtenstarken Jahrgang. In meiner Kindheit saß der Mann am Steuer. Papa bestimmte die Route des Familienschiffs und hatte das Ruder in der Hand, Mama ordnete sich unter beziehungsweise drehte Papas Ruder mit Charme und Diplomatie in die von ihr gewünschte Richtung.

          Lange wollte meine Mutter nicht wahrhaben, dass der Kapitän schwächelte, dass er vergesslich wurde. Denn das bedeutete, dass sie nun das Ruder in die Hand nehmen und Entscheidungen fällen musste. Dagegen wehrte sie sich mit einer Hartnäckigkeit und Zähigkeit, die mich verblüffte. Als es gefährlich zu werden drohte, fühlte ich mich berufen, das Ruder in die Hand zu nehmen. Denn verkehrssicher war mein Vater nicht mehr. Kein Problem, dachte ich, wie ich heute weiß, sehr naiv: Mama hat doch auch einen Führerschein.

          Meine Mutter machte den Führerschein in den 1960er Jahren kurz nach ihrer Hochzeit, damit mein Vater, wenn sie hin und wieder ausgingen, Alkohol trinken konnte. Die Promillegrenze interessierte kaum jemanden, sie war auch erst 1953 eingeführt worden, und mit 1,5 Promille war Mann selbstredend noch verkehrstüchtig. Im Wirtschaftswunder-Deutschland wurde viel gefeiert: Wer hart arbeitet, will auch gut essen und trinken. Frauen tranken wenig oder gar nicht, viele begannen als Zeichen der Emanzipation zu rauchen.

          „Da wird nicht diskutiert“

          Später besaß meine Mutter ein eigenes kleines Auto. Die Limousine fuhr Papa, und wann immer die beiden zusammen unterwegs waren, saß er am Steuer. Das war so unabdingbar wie die Knödel, die zum Schweinebraten serviert wurden. So vergingen die Jahre, gute Jahre. Mit Anfang achtzig ließ Papas Gedächtnis nach. Je vergesslicher er wurde, desto mehr mutierte meine Mutter zum Navi: Vorsicht, da vorne kommt ein Fahrradfahrer. Jetzt links! Achtung, eine Ampel. Rot. Rot! Stopp!!! Betreutes Fahren.

          „Ich kann es ihm nicht verbieten“, jammerte meine Mutter.

          „Da wird nicht diskutiert“, sagte ich. „Du nimmst ihm einfach den Schlüssel ab.“

          Einfach? Dem Chef, unter dem man seit mehr als fünfzig Jahren diente? Da war meine Mutter die falsche Ansprechpartnerin. Es gehörte also zu meinen Aufgaben, Papa das Autofahren auszureden. Um für eine entspannte Stimmung zu sorgen, fiel ich nicht mit der Tür ins Haus, sondern mit Mohnstreuselkuchen. Nach dem Kaffee fragte ich wie nebenbei: „Papa, glaubst du eigentlich nicht, dass du mittlerweile zu alt zum Autofahren bist?“

          Er schaute mich an, als hätte ich ihn gefragt, ob er sich eine Geschlechtsumwandlung vorstellen könnte.

          „Nein.“

          Dann mauerte er sein Gesicht zu, und ich musste mir eingestehen, dass er in gewisser Hinsicht auch mein Chef war.

          Meine Mutter wagte mit an Todesmut grenzender Beherztheit einen Vorstoß. „Weil du doch in letzter Zeit ein bisschen langsam geworden bist.“

          „Ich fahre ja nicht, das Auto fährt“, entgegnete mein Vater.

          „Und schlecht siehst“, ließ meine Mutter nicht locker. Was hatte sie Schreckliches als Beifahrerin erlebt, dass sie zu widersprechen wagte?

          „Dafür hab ich eine Brille.“

          „Und überhaupt. Die Reaktionen. Die Sinne.“

          „Ich sehe und höre sehr gut.“ Papa schlug die Zeitung auf, das Gespräch war beendet, Mama am Rande eines Nervenzusammenbruchs. Was Papa aber nicht mitbekam, hinter der Zeitung.

          Da es bei uns keine Fahrtauglichkeitsprüfungen gibt, raten Experten, die älteren Verkehrsteilnehmer zu beobachten.

          Monate, wenn nicht Jahre seines Lebens verbrachte er mit der Zeitung vor dem Gesicht. Wir alle lasen aus der Art, wie seine Hände das Papier hielten, ob er ent- oder verspannt war. Heute gehört die Zeitung zu seinen Hauptbeschäftigungen. Unermüdlich fängt er von vorne an, es ist immer wieder brandaktuell für ihn.

          „Weiß ich“, knurrte er

          In der Küche flüsterte meine Mutter mit mir: „Siehst du, er kann sich selbst überhaupt nicht einschätzen. Er merkt nicht, was mit ihm los ist.“

          „Ich schau mir das mal an“, sagte ich.

          Am nächsten Tag bat ich meinen Vater, mich zur S-Bahn zu fahren.

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