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Ausstieg bei den Zeugen : Für seine Kinder verließ er „Jehovas Gefängnis“

Oliver Wolschke, Autor des Buches „Jehovas Gefaengnis“ und ehemaliger Anhänger, kann heute kritisch über die Glaubensgemeinschaft denken, reden – und schreiben. Bild: Andreas Pein

Fast 25 Jahre lang war Oliver Wolschke ein überzeugter Zeuge Jehovas. Dann wurde er Vater – und sah die Welt mit anderen Augen. Der Ausstieg hat seinen Preis: Geliebte Menschen wendeten sich von ihm ab.

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          Seit er kein Zeuge Jehovas mehr ist, hat Oliver Wolschke keine Angst mehr vor dem Ende. Aber er freut sich auch nicht mehr darauf. Die Mischung aus Vorfreude und Todesangst war nur einer von vielen Widersprüchen, mit denen er mehr als zwei Jahrzehnte lang gelebt hat.

          Leonie Feuerbach

          Redakteurin im Frankfurter Allgemeine Magazin.

          Während die Ungläubigen in Gottes Krieg sterben, so glaubte Wolschke lange, würden er und seine Glaubensbrüder Harmagedon überleben und ewiges Leben auf einer zum Paradies umgestalteten Erde erleben. Seit es die Religionsgemeinschaft gibt, gehen alle ihre Anhänger davon aus, Harmagedon selbst zu erleben. „Ich glaube nicht, dass meine Tochter noch eingeschult wird“ oder „Warum sollte ich für die Rente vorsorgen?“ gehören zum Smalltalk-Repertoire der Zeugen Jehovas. Jede schlechte Nachricht interpretieren sie als ein Zeichen dafür, dass das Ende nun wirklich unmittelbar bevorstehe. So auch Oliver Wolschke. Schlechte Nachrichten waren für ihn gleichzeitig gute: Das Paradies und die herrliche Freiheit der Kinder Gottes standen unmittelbar bevor. Gleichzeitig fürchtete er Harmagedon. Wenn er mal zweifelte, nicht genug missioniert hatte oder sich selbst befriedigte, hatte er Angst, dass Gott am Ende auch ihn vernichten würde. Todesangst als Alltagsbegleiter.

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