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Ausstellung „Der Weg zur Krone“ : Wer zahlt die Welfenspeise?

Gäste stehen am 30.04.2014 vor der Eröffnung der Ausstellung "Der Weg zur Krone" im Schloss Marienburg in Pattensen in Niedersachsen. Bild: dpa

Zur Eröffnung der Welfen-Ausstellung „Der Weg zur Krone“ im niedersächsischen Schloss Marienburg in Pattensen gehen der Adel und Politik in Niedersachsen auf Tuchfühlung. Dabei geht es vor allem ums Geld.

          3 Min.

          Das Land Niedersachsen blickt in diesem Jahr weiter zurück als der Rest der Republik. Während sich Deutschland an den Beginn des Ersten Weltkriegs vor 100 Jahren erinnert, stehen in Hannover zwei Jubiläen an, die den Glanz vergangener Tage aufrufen: Vor 300 Jahren begann die Ära, in der die Welfen nicht nur Herrscher in Hannover, sondern auch Könige von Großbritannien waren. Und vor 200 Jahren stieg das Kurfürstentum Hannover zum Königreich Hannover auf.

          Reinhard Bingener

          Politischer Korrespondent für Niedersachsen, Sachsen-Anhalt und Bremen mit Sitz in Hannover.

          Im Rittersaal von Schloss Marienburg werden aus diesem Anlass bis November die Kronjuwelen der Hannoverschen Könige erstmals der Öffentlichkeit gezeigt, Königskrone mit Hermelin, Prinzessinnenkrone sowie Zepter. Sie funkeln, auf rotem Samt gebettet, im Rittersaal des 1858 erbauten neogotischen Schlosses, das 30 Kilometer südlich von Hannover idyllisch über dem Leinetal liegt.

          „Eine blühende Epoche der englischen Geschichte“

          Zur Eröffnung der Ausstellung trafen am Mittwoch zwei sich sonst nur selten überschneidende Kreise aufeinander: Die Welt des Hochadels (Gloria von Thurn und Taxis, Paul von Griechenland, Georg Friedrich Prinz von Preußen, Bernhard Prinz von Baden) und die Spitzen des von SPD und Grünen geführten Landes Niedersachsen. Das Wetter war prächtig, die Stimmung gelöst – und Landtagspräsident Bernd Busemann von der CDU konnte die in einem Weinglas gereichte Welfenspeise wegen ihrer Lockerheit als eine der besten loben, die er jemals aß.

          Der Termin war indes weit mehr als die Eröffnung einer Ausstellung. Denn Ernst August Erbprinz von Hannover, 1983 geboren, versucht die in den vergangenen Jahrzehnten ramponierten Beziehungen zu beleben. Seit mehreren Jahren nimmt er – zunächst im Hintergrund, nun stärker auch in der Öffentlichkeit – Tuchfühlung auf. Die Ausstellung auf seinem Schloss Marienburg ist der vorläufige Höhepunkt dieser Bemühungen.

          Die Fürstin Gloria von Thurn und Taxis betrachtet, während der Eröffnung der Ausstellung "Der Weg zur Krone", die Königs- und Brautkrone.

          Der junge Ernst August zeichnete am Mittwoch das Bild eines zwischen den Ländern und von der Geschichte zerrissenen Geschlechts. Schon der erste Welfe auf dem britischen Thron, Georg I., sei mit Kultur und Sprach seiner neuen Heimat nicht vertraut gewesen und habe sich „nach seinem geliebten Hannover“ zurückgesehnt. Doch Georg habe seine Pflicht getan.

          Die Könige aus dem Welfengeschlecht stünden für „eine blühende Epoche der englischen Geschichte“ und seien zum „Inbegriff des Engländers überhaupt“ geworden. Eben dadurch habe sich aber Ernst August Herzog von Cumberland, als die Personalunion 1837 endete und er König von Hannover wurde, auf dem Kontinent fremd gefühlt.

          Mehr als nur Nostalgie

          „Fühlte er sich deutsch? War er ein Hannoveraner?“, fragte sein Nachfahre am Mittwoch und schlug so die Brücke zu sich selbst. „Auch für mich ist Hannover nicht meine erste Heimat“, sagte der in London tätige und noch ein wenig scheu wirkende Welfe. Auch für ihn sei das Englische die Muttersprache. „Aber ich habe große Freude gefunden, mich in Hannover in meine neue Aufgabe und Verantwortung einzuleben.“

          Der Ministerpräsident würdigte die Anstrengungen des jungen Mannes. „Ich weiß, dass Sie manche nicht einfache Situation hatten“, sagte Stephan Weil mit Blick auf die Wirrungen um den mit Caroline von Monaco verheirateten Vater und die teils mit dessen Eskapaden verbundenen Geldsorgen der Welfen.

          Doch seit er den jungen Ernst August vor einigen Jahren kennengelernt habe, verfolge er dessen Bemühen aufmerksam: „Das sichtbare Engagement und die sichtbare Integration weiß ich außerordentlich zu schätzen.“ Schließlich sei die Verbindung Hannovers mit den Welfen mehr als Nostalgie.

          Eigentlich geht es ums Geld

          Der Ministerpräsident verwies auf den Gelehrten Leibniz, der ohne das Herrscherhaus nicht in Hannover gewirkt hätte, auf die von den Welfen gegründete Göttinger Universität sowie darauf, dass die Briten nach dem Zweiten Weltkrieg sich den Niedersachsen „als eine im wahrsten Sinne wohlwollende Besatzungsmacht“ erwiesen hätten.

          Mit solchen freundlichen Referenzen näherten sich beide Seiten vorsichtig dem hintergründigen Sinn der Veranstaltung, den ein Gast im Schlosshof in dem herrlich knappen Satz „Eigentlich geht es hier heute ums Geld“ zusammenfasste. Der Ministerpräsident formulierte das vorsichtiger: „Ich vermute zu erahnen, welche Anstrengung hinter dieser Ausstellung liegt.“ Und der junge Ernst August verwies nur darauf, dass er heute „nicht von den hohen Kosten und vielen Sorgen“ sprechen wolle, die vom Ministerpräsident „Neuschwanstein des Nordens“ genannte Immobilie zu erhalten. Sein eigener Wunschtraum für diesen Ort sei „ein offenes und lebendiges Schloss, das Menschen dazu einlädt, hannoverische Kunst, Kultur und vor allem Geschichte zu erleben“.

          Glanz, Glamour und Geschichtsbewusstsein

          Das Geschäft wäre also das folgende: Das nicht selten als etwas konturlos beschriebene Bundesland erhält ein wenig Glanz, Glamour und Geschichtsbewusstsein – und greift den Welfen finanziell dafür ein wenig unter die Arme. Dass dabei rote Linien zu beachten sind, machte Weil mit seinen wiederholten Hinweisen auf das „gefestigte Republikanertum“ in Niedersachsen deutlich.

          Beinahe schon als Lösungsvorschlag hatte man vermutlich eine Äußerung von Michael of Kent zu verstehen. Das von Weil formvollendet mit „Your royal Highness, the floor ist yours“ angekündigte Mitglied des britischen Königshauses wies in seiner teils auf Englisch, teils auf Deutsch gehaltenen Rede nicht nur darauf hin, dass es „schließlich und endlich“ bis zum heutigen Tagen Hannoveraner seien, die England regierten, sondern auch darauf, dass er es bemerkenswert finde, dass die Welfen das Schloss Marienburg bisher allein unterhielten. In England gebe es eine Stiftungslösung.

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