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Auma Obama in Berlin : Armut ist keine Entschuldigung

  • -Aktualisiert am

Lebenslust statt Lebensfrust: Barack Obamas Halbschwester Auma Obama in Berlin Bild: Andreas Pein

In Berlin erzählt Auma Obama, die Halbschwester des amerikanischen Präsidenten, von ihrer Arbeit mit Jugendlichen aus schwierigen Verhältnissen. Die Soziologin und Germanistin will jungen Menschen Verantwortungsgefühl vermitteln.

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          Ja, die Liebe zu Heinrich Böll, die sie nach Deutschland führte, die fühlt sie noch immer. Als Jugendliche, im Haus einer Stiefmutter, da haben die Erzählungen von Verlust und Entbehrung, die Geschichten von Leiden und Neuaufbau sie stark angesprochen. Junge Menschen, meint sie, drückten ihr Unglück meistens anders aus. Sie aber habe in schwierigen Zeiten gelesen.

          Auma Obama pendelt zwischen Kenia, wo sie aufwuchs, und Deutschland, wo sie 1980 ihr Studium der Germanistik und der Soziologie aufnahm. Ihr Geld verdient sie als „Speaker“, also mit Reden, und dass es für diesen Begriff kein geläufiges deutsches Wort gibt, passt zu der Arbeit, der sie nachgeht. Denn nach dem Studium – neben der Germanistik studierte sie an der Berliner Film- und Fernsehakademie und wurde 1996 in Bayreuth promoviert – näherte sie sich auf verschiedene Weise ihrem Lebensthema, der Kommunikation: Sprache, Verständnis, Entwicklungshilfe, Bilder entwerfen, Bilder korrigieren.

          Mit Kinder ließ es sich einfacher arbeiten

          Zunächst arbeitete sie als Referentin der Friedrich-Ebert-Stiftung. Ihre Seminare seien beliebt gewesen, die Teilnehmer seien gern ein zweites Mal gekommen. Doch habe sie immer wieder neu bei den immer gleichen Bildern und Vorurteilen ansetzen müssen: Afrika, Sonne, Strand, wilde Tiere, Armut. Sie versuchte es mit Filmen, schrieb Drehbücher, doch das war nicht ihr Weg. „Ich brauche Feedback“, sagt Auma Obama. Film sei etwas einseitig, und in den Seminaren sei es oft nicht so recht gelungen, die Vielfalt Afrikas zu entfalten.

          Allmählich habe sie gemerkt, dass es mit Kindern und Jugendlichen leichter sei. Also begann sie, zunächst als Freiwillige, mit ihnen zu arbeiten. Nun ist Auma Obama in Berlin, um über die Charity-Gala am 2. November im Friedrichstadtpalast zu informieren. Dort werden unter dem Titel „Act Now“ Auszeichnungen für besonders engagierte Jugendliche gefeiert, die ihre Stiftung „Sauti Kuu“ („Starke Stimmen“ auf Kisuaheli) vergibt. Und gefeiert werden soll auch, „dass Deutschland humanitär so großzügig ist“.

          „Armut ist nicht materiell“

          Angefangen, erzählt sie mit Sinn für Selbstironie, habe sie 2009. „Damals saß ich mit zehn Jugendlichen unter einem Baum, und eigentlich haben wir uns anderthalb Jahre lang nur angeschaut.“ Sie habe viel gekocht, sonst sei nicht viel passiert. Die Jugendlichen hätten gewartet, was sie von ihnen verlange, sie selbst habe gewartet, dass die Jugendlichen ihr mitteilten, was sie tun wollten. Erst der Sport erleichterte die Kommunikation. 2012 sei es dann richtig losgegangen mit „Sauti Kuu“: 280 Jugendliche hätten sich offiziell als Mitglieder registriert und zahlten sogar einen kleinen Beitrag dafür.

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          Was lernen sie bei „Sauti Kuu“? „Armut ist nicht immer materiell“, sagt Auma Obama, das verstünden auch Jugendliche. Die Stiftung sitzt in einem schönen Haus in Kenia, dort gibt es sauberes Wasser, und dort lernen die jungen Menschen, dass sie Möglichkeiten haben, aus dem Elend herauszukommen. „Es gibt ein anderes Leben“, heißt eine der Lektionen. „Exhale“, atme durch, lautet die Devise der Workshops für Jugendliche. Die Arbeit soll die Mentalität verändern: „You are your future“, übersetzt als „Lebenslust statt Lebensfrust“.

          Unterstützung durch Entwicklungshilfe-Ministerium

          Auma Obama hält nichts davon, dass Menschen, die mit Armen arbeiten, es in Sack und Asche tun. Prominente Gäste berichten den Jugendlichen, dass man „hungrig“ nach dem Vorankommen sein muss, um es zu schaffen. Dass man lernen kann, Verantwortung fürs eigene Leben zu übernehmen: „Man braucht nicht nett zu sein. Es hilft nichts, ihnen zu sagen: Oh, ihr Armen!“ Armut sei schließlich „keine Entschuldigung“, sagt Auma Obama. Der Weg sei hart, doch habe jeder die Verantwortung, die Initiative zu ergreifen.

          Das Bundesministerium für wirtschaftliche Zusammenarbeit hat erkannt, dass Obamas Programm erfolgreich ist. Es unterstützt den Bau eines Zentrums, in dem 800 bis 1000 Jugendliche in der Woche erreicht werden können. In Deutschland arbeitet Auma Obama mit etlichen Organisationen zusammen, die sich für Kinder engagieren, und veranstaltet Workshops.

          Ihr Name öffnet so manche Tür

          Ein direkter Austausch zwischen Kenia und Deutschland findet nicht statt, zu groß sind die Unterschiede. Die Ausnahme: Zur Gala im November sind einige kenianische Jugendliche eingeladen. Deutsche Kinder profitieren auch ohne Reisen von den eineinhalb Jahren unter dem Baum und dem dort gewachsenen Ansatz, ihnen aus schwierigen Verhältnissen herauszuhelfen.

          Auma Obama reist viel, mindestens einmal im Monat sei sie in Deutschland. Das sei, seit sie hier studierte, ein viel „globaleres“ und „bunteres“ Land geworden. Die Leute schreckten nicht mehr vor „demonstrativen“ Gesten zurück – wie zuletzt bei den emphatischen Begrüßungen von Flüchtlingen. Früher hätten es die meisten peinlich vermieden aufzufallen. Und dass sie Obama heißt? Dass ihr Halbbruder Präsident der Vereinigten Staaten ist? „Es öffnet mir Türen.“

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