https://www.faz.net/-gum-7i695

August Diehl : Fast so glücklich wie noch nie

Wenn er den Kopf freibekommen will, stromert er durch die Straßen und beobachtet die Leute: August Diehl, frischgebackenes Ensemblemitglied, im Rathauspark von Wien. Bild: Jacqueline Godany

Der begnadete August Diehl, Experte für irrlichternde Typen, spielt am Burgtheater Hamlet. Endlich! Eine Begegnung in Wien.

          6 Min.

          Mittlerweile verfolgt ihn das Stück bis in seine Träume, Abschalten fällt schwer. Mitte September, Endproben in Wien: Gestern haben sie den „Hamlet“ zum ersten Mal komplett gespielt, sieben Stunden mit Unterbrechungen. Vorher Fechten. Hinterher Kritik. Anschließend kann August Diehl schlecht einschlafen. Besser, er stromert durch die Straßen. Oder er geht etwas trinken, damit der Kopf sich leert.

          Julia Schaaf

          Redakteurin im Ressort „Leben“ der Frankfurter Allgemeinen Sonntagszeitung.

          Monatelang probieren sie schon. Jetzt verdichtet sich alles. Diehl hat Frau und Kinder in Berlin gelassen und ist in die österreichische Hauptstadt gezogen, damit sein Leben um die Arbeit kreisen kann. Permanent begleitet ihn das Stück, er lässt sich davon umhüllen, bis die Figur ihn schließlich krallt, wie er es nennt, und zu sich heranzieht. Noch 17 Tage bis zur Premiere.

          Hamlet ablehnen?: „Das wäre ein bisschen dumm gewesen.“

          „Hamlet“ am Burgtheater - ist das für einen Schauspieler das Größte? „Das weiß ich nicht“, sagt August Diehl. Die Antwort kommt schnell, wie ein Reflex. Bloß sich nicht festlegen. Dabei ist Diehl eigens für die Produktion mit Andrea Breth Ensemblemitglied an der Burg geworden. Der Siebenunddreißigjährige, der gleich für seinen ersten Film („23“) mit Preisen überhäuft wurde und dem Hollywood-Chancen nachgesagt wurden, nachdem er mit Tarantino gedreht („Inglorious Basterds“) und auf Empfehlung von Brad Pitt in „Salt“ den Ehemann von Angelina Jolie gespielt hatte, geht nach Wien ans Theater und behauptet schlicht: „Es ist immer einfach so, wie es gerade kommt. Und beim ,Hamlet‘ zu sagen: Nö, ich will lieber drehen - das wäre ein bisschen dumm gewesen.“

          Ein Treffen in einem plüschigen Kaffeehaus in der Nähe der Burg. Er sei müde, sagt der Schauspieler zur Begrüßung, allmählich würden die Proben zu einer Frage der Kondition. Er hat tatsächlich diese dunklen Ränder unter den Augen, die man von seinen Figuren kennt, spätestens dann, wenn sich ihr Niedergang allmählich abzeichnet. Trotzdem ist Diehl bereit zu einem kleinen Spaziergang für die Fotos. Radler flitzen vorüber. Polizisten unterhalten sich, auf Absperrgitter gelehnt. Keiner schaut auf. Als trüge Diehl einen Tarnmantel. Grauer Wollstoff, die Haare strähnig, das Gesicht bleich und erschöpft - der neue Star des Burgtheaters wirkt unscheinbar.

          Der Raum gehört ihm

          Aber der Raum gehört ihm. Diehl geht. Diehl schaut. Diehl vergräbt die Hände in den Manteltaschen. Diehl posiert auf einem Sockel, auf den er auf Bitten der Fotografin geklettert ist. Dann sagt er: „Jetzt springe ich.“ Und Diehl springt, Arme und Beine rudern durch die Luft. „Geht’s noch mal?“, fragt kleinlaut die Fotografin, die einen Augenblick zu spät auf den Auslöser gedrückt hat. Diehl nickt. Dieser freundliche, entspannte, etwas mitgenommene Landstreicher spielt also Hamlet. Endlich, könnte man meinen. Schließlich ist Diehl von Anfang an mit komplexen Rollen aufgefallen, mit irrlichternden Typen, die am Ende entweder dem Wahnsinn oder dem Tod verfielen oder gleich beidem.

          Auch für Hamlet sind das Schlüsselthemen. „Man sagt immer, Hamlet ist jemand, der sehr viel denkt und dadurch nichts tut“, sagt Diehl und zögert einen Moment. „Ich glaube eher, dass er immer nur eine Sache denkt, und das in verschiedensten Tonarten. Nämlich: Im Angesicht des Todes, der uns ja alle betrifft, ist alles ein Witz. Ein Spektakel. Ein Theater.“ Diehl wirkt jetzt hellwach. Wenn sich sein Blick hinter dem Garderobenständer verliert, sieht man förmlich, wie er beim Sprechen denkt.

          Weitere Themen

          Topmeldungen

          Trump am Mount Rushmore : Alles auf eine Karte

          Fehlende Empathie oder eiskaltes Kalkül? Amerikas Präsident stempelt die Black-Lives-Matter-Bewegung zur linksfaschistischen Gefahr ab. Bang muss man fragen, wozu er sich angesichts schlechter Umfragewerte noch hinreißen lässt.
          Commerzbank-Finanzvorstand Bettina Orlopp und der bisherige Vorstandschef Martin Zielke

          Commerzbank-Spitze gibt auf : Wird es eine Chefin?

          Die Chefs des Vorstands und des Aufsichtsrats beugen sich der Kritik der Aktionäre, auch der deutsche Staat ist unzufrieden. Mitten im Umbau lassen sie die Commerzbank führungslos zurück. Die Suche nach den Nachfolgern beginnt.

          FC Bayern im DFB-Pokalfinale : Leise Abschiedsstimmung bei Boateng

          Beim Pokalfinale 2019 saß er mit versteinerter Miene auf der Bank und sollte den FC Bayern verlassen. Jérôme Boateng blieb und wurde der große Gewinner der Saison. Nun aber gibt es einige Indizien, die für einen Abgang sprechen.
          Das jüdische Leben in Deutschland hat sich gewandelt: Bild vom Richtfest eines jüdischen Campus in Berlin

          Jüdische Studien : Wir stören

          Nach Jahren der Öffnung und Blüte sind die Jüdischen Studien heute wieder Zielscheibe des Antisemitismus. Beobachtungen zu ihrer kurzen Geschichte in Deutschland. Ein Gastbeitrag.

          Newsletter

          Immer auf dem Laufenden Sie haben Post! Abonnieren Sie unsere FAZ.NET-Newsletter und wir liefern die wichtigsten Nachrichten direkt in Ihre Mailbox. Es ist ein Fehler aufgetreten. Bitte versuchen Sie es erneut.
          Vielen Dank für Ihr Interesse an den F.A.Z.-Newslettern. Sie erhalten in wenigen Minuten eine E-Mail, um Ihre Newsletterbestellung zu bestätigen.