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Hamburg 1909: Von den Auswandererhallen aus brachen Millionen Menschen auf, um in der Fremde ihr Glück zu finden.

Aufbruch nach Afrika

Von JÜRGEN DUNSCH
Hamburg 1909: Von den Auswandererhallen aus brachen Millionen Menschen auf, um in der Fremde ihr Glück zu finden. Foto: Picture Alliance

20.01.2020 · Anfang des 20. Jahrhunderts war Deutschland ein Auswandererland. Ein Ziel waren die damaligen Kolonien. Das Tagebuch einer – meiner – Familie offenbart die Hindernisse und Überraschungen.

Die fünf schwarzen Hefte bergen einen Schatz. Verfasst in Sütterlin-Schrift, beschreibt meine Großmutter auf gut 150 eng beschriebenen Seiten „Wie es kam, dass wir nach Deutsch-Südwest-Afrika gingen“. Von 1907 an sollten sie, mein Großvater und ihre Kinder dort fast 13 Jahre ihres Lebens verbringen. 

Als ich in den Tagebüchern zu stöbern beginne, zeigt sich bald: Deutsch-Südwest war zwar bis zum Ersten Weltkrieg eine deutsche Kolonie. Aber für die einfachen Leute aus dem Reich, die dort ihr Glück suchten, hielt die neue Heimat keineswegs die sanften Kissen von Kolonialherren bereit. Die fünf Hefte sind vielmehr eine Chronik der Hoffnungen, Entbehrungen und Enttäuschungen.  

Geschichten-Schatz in Sütterlin: Auf gut 150 Seiten hielt die Großmutter des Autorsa ihr Abenteuer im heutigen Namibia fest.
Geschichten-Schatz in Sütterlin: Auf gut 150 Seiten hielt die Großmutter des Autorsa ihr Abenteuer im heutigen Namibia fest. Foto: Archiv Jürgen Dunsch


Anfang des 20. Jahrhunderts waren Reisen in Europa und nach Übersee Sache einer kleinen Schicht von Begüterten. Wer dennoch die Ferne suchte, tat das meist als Auswanderer – wie meine Großeltern Julius und Elfriede. Sie gehörten zur großen Migrationswelle, die von 1824 bis 1924 rund 52 Millionen Menschen aus Europa spülte. Sie lebten in Dresden. Das Abenteuer Afrika und die Hoffnung auf etwas Wohlstand im heutigen Namibia zogen sie fort. Vor dem Ersten Weltkrieg lebten dort 15.000 Weiße, nicht viele im Vergleich zur Auswanderung von Deutschen nach Amerika. Es war aber die größte Zahl in den deutschen Kolonien in Afrika. 

Die Voraussetzungen für die Reise in die Ferne waren nicht einfach. Die Großeltern hatten schon zwei Mädchen im Alter von einem und drei Jahren. Ein drittes Kind war unterwegs. Die Otavi Minen- und Eisenbahngesellschaft, die noch lange nach dem Zweiten Weltkrieg an der Börse in Frankfurt notiert war, hatte Julius, einen gelernten Maschinisten, für die Werkstätten in Usakos angeheuert. Der Ort liegt gut 200 Kilometer westlich von Windhuk und ist heute ein Ausgangspunkt zu den Touristenzielen in den Erongo-Bergen. Die Reisekosten von 1000 Mark musste die Familie selbst aufbringen. Sie nahm dafür Elfriedes Lohn als Näherin und das Geld aus dem Verkauf der Möbel.

Aber es herrschte Zuversicht. „Mit Gott einer neuen Zukunft entgegen“, schrieb meine damals 30 Jahre alte Großmutter; ihr Mann war zwei Jahre jünger. Am 10. Mai 1907 ging es mit dem Schiff „Windhuk“ von Hamburg aus los. In Namibia herrschte damals noch Krieg. Die zehntausendfache Tötung von Herero und Nama durch die Kolonialmacht in jener Zeit, die heute als der erste Völkermord im 20. Jahrhundert gilt, findet aber in dem Tagebuch keine Erwähnung. 

Über die Gründe dafür lässt sich nur spekulieren. Was bei der Lektüre der Hefte auffällt: Um Politik kümmerte sich die junge Familie wenig. Hamburg war für sie das Tor zu einer verheißungsvollen Welt. Und nicht nur für sie: Das Staatsarchiv der Hansestadt hat für die Jahre 1850 bis 1934 insgesamt 5,8 Millionen Passagiernamen gesammelt, die im dortigen Auswanderermuseum Ballinstadt digital einsehbar sind. Auch die Familiengeschichten lassen sich hier recherchieren. Das Museum liegt am Ort der früheren Massenunterkünfte für Emigranten. Die Familie hatte es besser; sie kam in einem Auswandererhotel unter.

Auf See stellte sich jedoch bald Ernüchterung ein. Das Leben in der Billigklasse unter Deck war beengt, außerdem machte allerlei zweifelhaftes Volk meiner Großmutter zu schaffen, vor allem einige „dubiose Fräuleins“, wie sie schreibt. Die schlichten Unterkünfte für die einfachen Auswanderer waren eine Idee des Hapag-Patrons Albert Ballin gewesen, des Namensgebers der Ballinstadt. So füllte er seine Schiffe vor allem nach Nordamerika. „Ohne Zwischendeckspassagiere wäre ich innerhalb weniger Wochen bankrott“, bekannte der Gründer der damals größten Schifffahrtslinie der Welt. Wann immer möglich, ging meine Großmutter mit den Töchtern auf das Oberdeck der 2. Klasse. 

Beschwerlich war die Reise dennoch, zumeist brandeten hohe Wellen gegen die „Windhuk“.„Einmal hätte ich beinahe meine kleine Erika verloren“, lese ich im Tagebuch. „Eine Woge erfasste sie, sie rutschte bis zur Bordwand und blieb glücklicherweise an der Reling hängen.“

Welche Erleichterung dann beim Zwischenhalt auf Teneriffa! Die Sonne schien, im Hafen herrschte buntes Treiben. Danach begeisterte die Passagiere Las Palmas auf Gran Canaria mit seinem klaren Wasser. „Die Eingeborenen tauchten nach Geldstücken, die man ins Wasser werfen musste“, schrieb die Großmutter. Sie gehörte nicht zu den Spendern, dennoch war das Vermögen der Familie bei der Ankunft in Swakopmund auf 1,20 Mark zusammengeschrumpft. Zum Glück hatte die Familie auf dem Schiff einen Mann in leitender Funktion am Gericht in Windhuk kennengelernt. Er gab ihnen einen größeren Geldbetrag und sagte: „Wir Deutschen müssen schließlich hier zusammenhalten.“ 

Swakopmund vor 100 Jahren: Heute leben in der Küstenstadt 45.000 Menschen.
Swakopmund vor 100 Jahren: Heute leben in der Küstenstadt 45.000 Menschen. Foto: Getty

Swakopmund, heute eine Stadt mit 45.000 Einwohnern, entpuppte sich als Ansammlung von „ein paar Wellblechhütten“, umgeben von „dickem gelben Sand“. Meine zähe Großmutter schreckte das nicht ab, wohl aber manche ihrer Reisegefährtinnen. „Nein, hier soll ich leben?“, rief eine von ihnen laut Tagebuch erschrocken – und reiste schnurstracks zurück nach Deutschland. Meine Großmutter erlebte auch später, dass sich die jungen Männer oft schwer taten, Frauen für das Leben zwischen Farmen, Sand und Minen zu begeistern. Scheitern war immer möglich, egal wo in der Fremde man sein Glück suchte. Im Katalog des Museums Ballinstadt ist zu lesen, dass bis etwa 1890 schätzungsweise 20 Prozent die „neue Heimat“ wieder verließen. Das lag manchmal an übertriebenen Hoffnungen auf eine rasche Karriere vom Tellerwäscher zum Millionär, aber vielerorts auch am Klima und an Krankheiten.


„Wir Deutschen müssen schließlich hier zusammenhalten.“
Ein Auszug aus dem Tagebuch.

Schon in der dritten Woche wurde mein Großvater Julius als Lokomotivführer in den Norden nach Tsumeb versetzt. Rasch hieß es packen. Im Zug gelang es den Großeltern, einen offenen Wagen mit Sonnensegel zu ergattern – eine Wohltat bei Wintertemperaturen von 30 Grad. Verwunderlich fanden sie die vielen Kisten, auf denen sie saßen. Erst später erfuhren sie, dass sich darin Silbermünzen im Wert von 40.000 Reichsmark befanden.  

„Auf Verheiratete war man nicht eingerichtet“, notierte meine Großmutter im Tagebuch. Das galt schon für Usakos und sollte sich in Tsumeb wiederholen. Die Unterkunft für die vierköpfige Familie beschränkte sich auf ein Zimmer, der Ofen in der Küche war eine Blechtonne. Damit nicht genug: „Es lag immer noch eine Art Kriegszustand über allem hier.“ Tsumeb war für die Deutschen strategisch wichtig. Kurz nach der Ankunft der Großeltern wurde ein neuer Hochofen für die örtliche Kupfermine eingeweiht, und der Beginn der elektrischen Beleuchtung wurde gefeiert. Im Jahr zuvor war die Bahnlinie nach Swakopmund fertig geworden.  

Dennoch blieb das Leben gefährlich, vor allem wegen der Schlangen. Einmal konnte Elfriede gerade noch die Tür vor einer Mamba zuschlagen. Die später getötete Giftschlange maß 2,30 Meter. Auch Termiten waren eine Plage: Eines Morgens war die Wohnung inklusive Kinderbetten von den Insekten übersät. Selbst Salzsäure konnte sie kaum vertreiben.  

Deutsch-Suedwestafrika (heute Namibia), Region Erongo, Karibib: Stationsgebaeude der Staatsbahn, vorn links eine Post- und Telegrafenstation - undatiert, vermutlich um 1910er Jahre Originalaufnahme
Deutsch-Suedwestafrika (heute Namibia), Region Erongo, Karibib: Stationsgebaeude der Staatsbahn, vorn links eine Post- und Telegrafenstation - undatiert, vermutlich um 1910er Jahre Originalaufnahme Foto: Ullstein Bild

In ihrer Afrika-Zeit kam die Familie viel herum. Julius arbeitete an wechselnden Orten als Maschinist und Lokomotivführer, wegen der Knappheit an vertrauenswürdigen Arbeitskräften sprang Elfriede ab und zu als Heizerin ein – neben der Betreuung der inzwischen drei Kinder. Dann begann der Arbeitstag um vier Uhr morgens. Eines Tages hatte der Auswanderer für „Fritze“, wie er seine Frau nannte, eine Überraschung parat: „Jetzt werde ich noch Farmer“, verkündete er. Abreise war bereits drei Tage später. Ziel war die heute noch bestehende Viehfarm Kaltenhausen im Erongo-Gebiet, wo der Großvater Verwalter wurde. Der deutsche Eigentümer gab ihm den Rat, die Eingeborenen zu beherrschen und bloß nicht selbst Hand anzulegen. Das untergrabe die Disziplin. Und wenn die Ehefrauen nicht als „gnätsche Frau“ angesprochen wurden, seien Hiebe oder weniger Essen die richtige Antwort. Meine Großeltern behandelten ihre Arbeiter trotzdem gut, zumindest sah meine Großmutter das so: „Die Eingeborenen wären für uns durchs Feuer gegangen“, schrieb sie.  


„Die Eingeborenen wären für uns durchs Feuer gegangen.“
Ein Auszug aus dem Tagebuch.

Grundsätzlich waren die Beziehungen jedoch angespannt. Die Nachfolger meiner Großeltern am Außenposten Grootfontein gebärdeten sich als Herrenmenschen. „Die waren keine vier Wochen da, da starben zwei von ihnen an Vergiftungen“, heißt es im Tagebuch. Was war geschehen? Die „Buschleute“, wie Elfriede schrieb, besaßen Mini-Bogen, die sie heimlich gegen Rivalen und ihre Unterdrücker einsetzen konnten. Die mit Gift benetzten Pfeile waren nur anderthalb Streichhölzer lang. „Die Opfer spüren nur einen leichten Stich wie von einem Moskito, sind aber innerhalb von drei Minuten tot.“  

Auch Julius und Elfriede hatten immer wieder Probleme mit ihren Arbeitern. Wirklich enttäuscht waren sie indes von manchen Landsleuten. Einer, der auf der Farm ein Praktikum machte, luchste dem Großvater dessen silberne Taschenuhr ab, ein Erbstück und eines seiner wertvollsten Besitztümer. Als der Großvater sich bei dessen Onkel beschwerte, einem Adeligen, wurde er als Lügner dargestellt. Zuvor hatte die Eisenbahngesellschaft nicht, wie mündlich vereinbart, den Preis für die Schiffsreise nach Swakopmund erstattet. Ein Gericht bemühen? Sinnlos.  

Als letztes von sechs Kindern, von denen eines bald nach der Geburt starb, kam mein Vater im Februar 1915 in Karibib auf die Welt – unter Lebensgefahr für die Mutter, wie Elfriede schrieb. Der Arzt nannte den jungen Friedrich einen „Kriegsjungen“. Der Traum vom schnellen Sieg des Deutschen Reichs im Ersten Weltkrieg war zumindest in Deutsch-Südwest aber schon verflogen. Die Engländer hatten Swakopmund beschossen, in Karibib lebten bereits viele Flüchtlinge. Bald darauf zog für die Südafrikanische Union Buren-General Louis Botha mit seinen von Engländern dominierten Truppen und angeblich mehr als 60.000 Maultieren ein und schlug sein Quartier im Pfarrhaus auf.  


Bei der Abfahrt nach Swakopmund spielte Julius auf seiner Zither „Deutschland über alles“ und „God save the King“, bis es der englische Offizier verbot – und genüsslich hinterherschob, dass die Berliner Prachtstraße Unter den Linden garniert sei mit Gehenkten.
Ein Auszug aus dem Tagebuch.

1915 endete die deutsche Herrschaft über „Südwest“. Von den Engländern einigermaßen anständig behandelt, klammerten sich meine Großeltern an das Land ihrer Träume. Doch im Juli 1919 kam der Ausweisungsbefehl. „Alles war umsonst, 13 Jahre hier gelebt, nichts nehmen wir mit“, notierte Elfriede. Bei der Abfahrt nach Swakopmund spielte Julius auf seiner Zither „Deutschland über alles“ und „God save the King“, bis es der englische Offizier verbot – und genüsslich hinterherschob, dass die Berliner Prachtstraße Unter den Linden garniert sei mit Gehenkten.  

Wildbad 1950: Unser Autor mit Tante und Großmutter im Nordschwarzwald, wo die Auswanderin, die 1919 zurückgekehrt war, ihren Lebensabend verbrachte
Wildbad 1950: Unser Autor mit Tante und Großmutter im Nordschwarzwald, wo die Auswanderin, die 1919 zurückgekehrt war, ihren Lebensabend verbrachte Foto: Archiv Jürgen Dunsch

Im September 1919 betraten Elfriede, Julius und die fünf Kinder (das Älteste inzwischen gut 15 Jahre alt) in Rotterdam wieder europäischen Boden. In Wesel ging es über die deutsche Grenze. Deutschland bot ein Bild des Jammers, die Großmutter sah Verwahrlosung auf der ganzen Zugfahrt ins heimatliche Dresden. „Jedes alte Afrikanerherz tat weh, wenn man das sah“, schrieb sie. Nicht überall waren sie willkommen, viele Landsleute fürchteten eine Kürzung ihrer Lebensmittelrationen. „Mama, du hast uns mächtig verkohlt mit Deutschland“, sagten die älteren Töchter. Wie bei vielen Reisegefährten verschwanden zudem die wenigen persönlichen Habseligkeiten, die meinen Großeltern geblieben waren, aus den Güterwaggons für die Heimat. Mittellos und durch Spenden des Roten Kreuzes notdürftig unterstützt, gelangten sie zu Verwandten in Sachsen, die ihnen eine erste Unterkunft gewährten. Von ganz unten machten sich die Auswanderer an den Neubeginn.

Meine Großmutter starb im Januar 1953 in Wildbad im Nordschwarzwald, fast 20 Jahre nach ihrem Mann. Noch auf dem Totenbett vermittelte ihr Antlitz eine Ahnung von der Entschlossenheit und Beharrlichkeit dieser nur 1,46 Meter großen Frau. Fritz, mein Vater, war nicht gläubig wie seine Mutter, zugleich viel unsteter und bequemer. Kurz liebäugelte er in den fünfziger Jahren ebenfalls damit auszuwandern. Er ließ den Gedanken rasch wieder fallen – wohl zum Glück für ihn und seine junge Familie.  



Quelle: F.A.Z. Magazin

Veröffentlicht: 20.01.2020 10:40 Uhr