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Audrey Tautou : Das beredte Schweigen der Madame Tautou

  • -Aktualisiert am

Audrey Tautou: Geheimnisse, kleine Rebellionen und schöner Eigensinn Bild: dpa

„Die fabelhafte Welt der Amélie“ machte die französische Schauspielerin zu einem Weltstar. Dennoch weiß man wenig über Audrey Tautou - denn sie widersetzt sich den Regeln ihrer Branche. Ein Treffen in Berlin.

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          Audrey Tautou sieht in ihrem schwarzen Spitzenkleid ganz entzückend aus. Knapp mehr als 1,60 Meter groß, durch ihre zierliche Statur fast im Sessel verschwindend, mit gelocktem Kurzhaarschnitt und leicht abstehenden Ohren der Prototyp einer Französin mit dem gewissen Etwas. Vor der Tür warten noch etliche Journalisten darauf, ein paar Minuten mit ihr zu verbringen, in der Hoffnung, ihr beim festen Blick in die braunen Augen ein bisschen mehr zu entlocken als die üblichen Floskeln.

          Leicht wird es nicht. Denn wer frühere Interviews mit der 35 Jahre alten Schauspielerin durchforstet, liest viele allzu nette Sätze. „Jenseits meiner Rollen wäre ich am liebsten unsichtbar.“ – „Ich fühle mich überall wohl, außer beim Repräsentieren.“ In einem Künstler-Archiv zum Stichwort „Familie“ die Auskunft: „Sie interessiert sich für Menschenaffen. Außerdem spielt sie Klavier.“

          Aber was für ein Lächeln!

          Kinder hat sie nicht, über Partner gibt es nur Gerüchte, und Fragen zu ihrer Familie soll man nicht stellen. Die Frau, die 2001 mit dem Film „Die fabelhafte Welt der Amélie“ weltbekannt wurde, scheint nicht viel von sich preisgeben zu wollen. In einer Branche, in der es für prominente Schauspieler so üblich ist, öffentlich über ihr Privatleben zu plaudern wie in Filmen mitzuspielen, wirkt diese Haltung eigenartig antiquiert.

          Trotzdem gibt Audrey Tautou heute ihr dreizehntes Interview zu dem neuen Film „Der Schaum der Tage“. Insgesamt ist es das hundertste Gespräch. Die Interviews für die Hochglanzmagazine, die langen Vorlauf haben, waren schon im April. Während sie spricht, hält sie ihre Arme die meiste Zeit vor ihrem Körper verschränkt. Nur selten verschenkt sie ein Lächeln. Aber was für ein Lächeln!

          Immer ein Hauch von Amélie: Ausschnitt aus Audrey Tautous neuem Film „Der Schaum der Tage“ neben Romain Duris
          Immer ein Hauch von Amélie: Ausschnitt aus Audrey Tautous neuem Film „Der Schaum der Tage“ neben Romain Duris : Bild: dpa

          Also „Der Schaum der Tage“, die Roman-Adaption von Boris Vian, ein phantastisches Märchen über die Liebe und den Irrsinn der Arbeitswelt, ein „Werther“, der zur Pflichtlektüre melancholischer Jugendlicher in Frankreich gehört. In Michel Gondrys Film verrichtet der Tagträumer Colin die absonderlichsten Arbeiten, um seiner erkrankten Liebsten die Behandlung finanzieren zu können. Am Ende ist er verarmt. „Die Arbeitswelt kann fürchterlich sein und Menschen wie Objekte behandeln,“ sagt Audrey Tautou. Auf ihr Leben treffe das aber nicht zu.

          Das Leben von Audrey Tautou beginnt in der französischen Kleinstadt Montluçon, als Tochter eines Zahnarztes und einer Stadtverordneten. Sie lernt Klavier spielen, sie tanzt und liebt das Kino. Mit einem sehr guten Abitur in der Tasche verlässt sie die Kleinstadt in der französischen Auvergne für ein Schauspiel-Stipendium in Paris. Sie ist die erste aus ihrer Familie, die einen künstlerischen Beruf ergreifen möchte, ihre Großeltern waren Bauern. Als sie zwanzig ist, bringt die Rolle als schüchterne Kosmetikerin im Film „Schöne Venus“ Tautou einen César als beste Nachwuchsdarstellerin ein – und der Regisseur Jean-Pierre Jeunet wird auf sie aufmerksam.

          Die schüchterne Schönheit mit einem Hauch Rebellion

          Er gibt ihr die Rolle der Kellnerin Amélie Poulain, die in einem Pariser Café die Gesetze der Realität zum Tanzen bringt. Damit wird sie über Nacht bekannt. Der Film bekommt fünf Oscar-Nominierungen und spielt 175 Millionen Euro ein. Er zeigt ein Frankreich, wie es früher war, mit kleinen Cafés an Montmartre, Gemüseläden und einer nostalgischen Phantasiewelt, die viel schöner ist als die echte.

          Obwohl Tautou seitdem viele Rollen gespielt hat, etwa Coco Chanel oder eine Kryptologin im „Da Vinci Code“, scheint immer noch jeder die Französin mit ihrer Rolle als Amélie Poulain zu identifizieren. Vielleicht ist das aber gar nicht falsch, denn es gibt etwas, das Tautou seitdem in ihren Rollen wiederholt, etwas, das mehr über ihren Charakter aussagt als das, was sie über sich erzählt. Es ist ihre schüchterne, mädchenhafte Schönheit, verknüpft mit einem Hauch Rebellion in einer scheinbar unveränderbaren Welt, verwurzelt in der französischen Vergangenheit.

          „Mir geht es um Selbstverwirklichung“

          Aus diesem Widerspruch entsteht ihr Charme und ihr Geheimnis. Kaum zu glauben ist es, dass sich Madame Tautou, die auch schon das Werbe-Gesicht von Chanel war, beim Interview im hautengen Kleid nicht ihrer Wirkung bewusst wäre. Befürchtet sie angesichts ihrer Schönheit nicht, dass auf ihre schauspielerische Leistung wenig geachtet wird?

          „Ich finde mich nicht besonders schön“, sagt die Fünfunddreißigjährige. Aber auch: „Es gibt einen Kult um die Schönheit in unserer Gesellschaft. In allen Magazinen sind die Menschen schön. Auch den meisten Männern ist das Äußere am wichtigsten, es gibt aber auch solche, die Persönlichkeiten bevorzugen.“ Da klingt auch die Hoffnung auf eine andere Welt an, in der es mehr zählt, gekonnt Kieselsteine übers Wasser hüpfen zu lassen als in Kleidergröße 34 zu passen.

          Und so geht es weiter. Sie gehört mit Jean Reno und Marion Cotillard zu Frankreichs am besten verdienenden Schauspielern. Doch im Hotel Adlon in Berlin sagt sie: „In Frankreich definiert man sich nicht über Geld. Ich habe auch kein Bedürfnis nach übermäßig viel Geld oder Macht. Mir geht es um Selbstverwirklichung.“

          Man möchte es ihr glauben, aber wie passt dieser Wunsch mit der Selbstvermarktung vor Filmpremieren zusammen, die sie so offensichtlich nicht genießt? Die Frage scheint Frau Tautou zu interessieren, sie beugt sich vor und sagt: „Interviews zu geben ist mit der zunehmenden Bedeutung des Internets wichtiger geworden, die Gespräche werden immer kürzer getaktet.“ Sie habe sich aber vor ein paar Wochen geweigert, ein auf acht Minuten begrenztes Gespräch mit einem Journalisten zu führen, denn das habe mangelnden Respekt gegenüber ihr und dem Schreibenden bezeugt. Kleine Rebellionen und schönen Eigensinn in einer Welt, die kaum noch Platz dafür bietet, das erlaubt sie sich zuweilen schon.

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