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Astronauten-Training : Wie in „Gravity“, nur in echt

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28.000 km/h müssen es schon sein, „sonst fällt man wieder runter“: Gerst beim Training im Johnson Space Centre in Houston Bild: ddp images/James Blair/NASA/SIPA

Ganze Kontinente mit eigenen Augen sehen: Als elfter Deutscher fliegt Alexander Gerst Ende Mai ins All. Um sich vorzubereiten, führt er schon jetzt ein beschleunigtes Leben.

          Sein Traum rückt der Wirklichkeit näher. Gerade erst ist es ihm wieder mal bewusst geworden. Über all dem Training vergisst er das zwischendurch öfters mal. Dass er bald nach den Sternen greifen kann. Ins All fliegen wird. Als elfter Deutscher überhaupt. Als zweiter gar erst mit einem Langzeitaufenthalt. Sechs Monate lang als Bordingenieur auf der Raumfähre ISS, als Teil der Mission 40, genannt „Blue Dot“, blauer Punkt.

          An diesem grauen Morgen Ende März sitzt Alexander Gerst, Jahrgang 1976, geboren im württembergischen Künzelsau, kahlgeschorener Kopf, wacher Blick im schmalen Gesicht, im Konferenzraum „Juri Gagarin“ des European Astronaut Centre in Köln. Gerst trägt den blauen Anzug der Astronauten der Esa, der European Space Agency, in deren Auftrag er am 29. Mai vom Weltraumbahnhof Baikonur, tief in der kasachischen Steppe, ins All abheben wird.

          Vor dem Interview hatte er noch eine Schulklasse zu Gast. Leuchtende Augen, begeisterte Fragen, gemeinsame Fotos, Autogrammkarten. Unter Jungs steht Astronaut als Berufswunsch weltweit noch immer an erster Stelle. Da habe er wieder einmal gemerkt, wie einzigartig das sei, was vor ihm liege, sagt Gerst. Schließlich ist es im Grunde nahezu unmöglich, jemals Astronaut zu werden. „Das ist eigentlich nichts, worauf man im Leben hinarbeiten könnte“, sagt Gerst mit sicherer, dunkler Stimme. Zu wenige auf der Welt bekämen dazu die Gelegenheit. „Aber es war schon von Kindheit an mein großer Traum“, er lächelt, „und ist es immer geblieben.“

          Gierig nach Unbekanntem

          Als dann Mitte 2008 tatsächlich die Esa per Ausschreibung neue Astronauten für die nächste Mission suchte, habe er sich einfach bewerben müssen. Obwohl er zu wissen glaubte, dass er es nicht wird. „Aber ich wollte nicht irgendwann realisieren, dass ich es nie probiert habe“, sagt Gerst. Gierig nach Unbekanntem war er schon als Kind, spielte im Wald. Nach dem Abitur reiste er ein Jahr lang als Rucksacktourist umher. Später war er für seine Promotionsrecherche im kalten Nichts der Antarktis unterwegs.

          Am Ende gingen bei der Esa 8413 Bewerbungen ein. Vier davon würden es schaffen. Bewerber genug, um sich keine zu großen Hoffnungen zu machen. „Zumal ich ja in meinem Beruf glücklich war“, sagt Gerst. Als mit Preisen bedachter Geophysiker an der Uni Hamburg arbeitete er zu jener Zeit an seiner Promotion zur „Eruptionsdynamik des antarktischen Vulkans Mount Erebus“. Als im Januar 2009 außer ihm nur noch 22 Bewerber übrig waren, „wurde es immer schwieriger, nicht auf den großen Wurf zu hoffen“. Ein Freund fragte ihn damals, ob er lieber zehn Millionen im Lotto gewinnen wolle und dafür die Chance aufgeben, die er jetzt habe. „Ich habe sofort nein gesagt.“ Ein großer Traum sei wesentlich wichtiger als Geld. Und um den wahr zu machen, dafür gebe es meist nur wenige Gelegenheiten.

          Im Mai 2009 schafft Gerst die Grundlage. Er ist nun ins Korps der Astronautenanwärter bei der Esa aufgenommen. Der Anruf aus der Zentrale in Paris erreicht ihn abends um neun. „Benommenheit beschreibt das Gefühl wohl am ehesten“, sagt Gerst. Am 22. November 2010 wird er nach erfolgreichem Abschluss seiner Grundausbildung in einer feierlichen Zeremonie zum Astronauten ernannt. Kurz danach erfolgt seine Nominierung für die Mission 40.

          Drei Jahre Training

          Es beginnt ein drei Jahre währendes, von der Esa minutiös geplantes und normiertes Training, das bis drei Tage vor dem Start dauern wird. Seit dem Tag seiner Erwählung führt Gerst ein beschleunigtes Leben zum Wohle der perfekten Vorbereitung auf seinen Aufenthalt im All. Er pendelt zwischen dem Astronaut Center in Köln, dem Johnson Space Centre in Houston und dem sogenannten „Sternenstädtchen“ nordöstlich von Moskau, in dem schon Juri Gagarin für seine Mission trainierte.

          Er lernt sich in einem Raumanzug zu bewegen, der 160 Kilo schwer ist. Er lernt Russisch, neben Englisch zweite Amtssprache im All. Er rotiert mit hohem Tempo, verschnürt auf einem Spezialsitz, in einer gewaltigen Zentrifuge. Dabei muss er einen Knopf im Inneren stets gedrückt halten, um zu zeigen, dass er bei extremen Beschleunigungen in alle Richtungen das Bewusstsein behält. Bei Start und Landung lastet auf den Astronauten ein Druck von bis zum Neunfachen des eigenen Körpergewichts, der das Atmen für Ungeübte fast unmöglich macht.

          Auch die Fortbewegung in der Raumfähre fordert unzählige Stunden der Übung. In einem Nachbau der ISS auf dem Trainingsgelände in Köln hat Gerst sich die Lage jedes Haltegriffs eingeprägt, jeder Schlaufe für die Füße zur Fixierung auf dem Boden, die Funktion jedes Moduls studiert, jeden Verschluss der Luke beim Ausstieg aus der Station. Alles muss sitzen. Nachdenken dürfte man im Falle des Falles nur noch kurz darüber, was zu tun ist, nicht darüber, wie man es tut. Natürlich könne man die absolute Sicherheit dort oben nie haben, aber doch zumindest so gut wie möglich darauf hinarbeiten. Respekt vor der Situation sei angebracht, Angst sei aber fehl am Platz. „Angst bedeutet Kontrollverlust“, sagt Gerst, „und den darf man sich nicht erlauben.“

          Komfortabler als früher

          Trotz allem dürfe man die Lockerheit nicht verlieren. Neben einer Eingangsluke des ISS-Nachbaus in Köln haben sie einen Aufkleber angebracht: „Speed Limit: 17.500 Miles, 28.000 km/h“. Mit ebenjener Geschwindigkeit, der Orbitalgeschwindigkeit, wird es Ende Mai dann 5000 Kilometer entfernt von Köln 400 Kilometer nach oben gehen. „Die Orbitalgeschwindigkeit muss man erreichen, sonst fällt man auf der anderen Seite wieder runter.“ Gestartet wird vom Kosmodrom Baikonur, dem größten Raketenstartplatz der Welt, 6700 Quadratkilometer Fläche. Los geht es, das ist wie alles in der Raumfahrt akribisch geplant, um 19.56 Uhr Ortszeit.

          In den Minuten zuvor wird Gerst sich von seinen Eltern und der Lebensgefährtin verabschieden, der Quarantäne wegen durch eine Glasscheibe getrennt. Von Startrampe LC-1 werden Gerst und seine Crew im Raumschiff-Typ Sojus ZK-STMA-Z aufbrechen. Schon nach acht Minuten werden er und seine beiden Kollegen aus Russland und den Vereinigten Staaten im Weltall sein. Andocken an die ISS werden sie allerdings erst nach sechs Stunden. „Diese Zeit brauchen wir für unser Parkmanöver“, sagt Gerst und lacht. Zwei Objekte, Raumkapsel und Raumstation, müsse man bei Tempo 28.000 km/h exakt synchronisieren.

          Wie es oben sein wird: ein wenig komfortabler als früher. Seit einiger Zeit gibt es eigene Schlafkojen. Man klebt mit seinem Schlafsack zwar noch an der Decke, aber nicht mehr irgendwo in der Raumstation. Auch das Essen ist in den vergangenen Jahren besser geworden. Europäisch, indisch, mexikanisch, weniger geschmacksneutral als früher. Bei Neuankömmlingen gibt es für kurze Zeit auch mal mitgebrachtes Obst. Wenngleich Hunger- und auch Durstgefühl in der Schwerelosigkeit schwach ausgeprägt sind.

          Dreizehn Stunden pro Tag

          So bleibt noch mehr Zeit für Arbeit. Zwölf, dreizehn Stunden jeden Tag. 162 Experimente sind vorgesehen für Mission 40. Neue Arten der Legierung für den Auto- und Flugzeugbau sollen getestet werden. Osteoporose, Knochenschwund, will man besser verstehen. Gerst, selbst Wissenschaftler aus Leidenschaft, sagt, die Wissenschaft sei mit der wichtigste Grund für seinen Flug. GPS, Satellitenfernseher, Wettervorhersage würde es ja alles nicht geben ohne Weltraumforschung. Aber das allein ist es nicht. „Ich denke, dass es einen Menschen generell verändern muss, wenn er mal dort oben war. Diese unglaubliche Perspektive.“

          Er schüttelt den Kopf und lächelt ungläubig, als ob es ihm gerade erst wieder einfällt. „Runterschauen auf diese große blaue Kugel. Wahnsinn. Kontinente mit eigenen Augen sehen.“ Das müsse unglaublich friedlich und feierlich wirken. Den Moment des ersten Blickes auf die Erde, da ist er sich sicher, wird er nie mehr vergessen. Die Rückkehr zum Heimatplaneten ist für den 17.November geplant, ein paar Kilometer weiter auf dem Landeareal von Baikonur. Sollte es in der Raumstation zum Notfall kommen, haben die Astronauten sieben Minuten, um in die Notfallkapseln zu gelangen, mit denen es dann binnen einer Stunde zur Erde geht.

          Vorgemerkte Notlandeorte liegen quer über die Erde verteilt, beispielsweise im Pazifik oder vor der französischen Atlantikküste. Was wird er nach dem 17.November fühlen? Die große Leere nach den Jahren der Anspannung, nach den Blicken auf die Erde? „Ich denke nicht“, sagt Gerst. Aber ein Loch werde es wohl erst mal geben. „Ich habe jetzt vier Jahre lang in einem Tempo gelebt und trainiert, das an meiner Maximalgrenze liegt. Ich glaube, das alles wieder auf ein normales Niveau herunterzuschrauben ist hinterher die große Herausforderung.“

          Als Astronaut der Esa bleibt er danach auf jeden Fall ein Leben lang vergütet mit 6300 Euro netto im Monat vor und 8500 Euro nach der Mission. Gerst ist einer, dem die ganz große Vision vorschwebt: der Flug zum Mars. „Das wäre die ultimative Reise.“ 2040, sagen Experten, sei der Flug zum 55 Millionen Kilometer entfernten Planeten technisch machbar. Gerst wäre dann 64 Jahre alt. Solch gewaltiger kosmischer Strahlung würden sich wohl ohnehin nur ältere Astronauten aussetzen. Für den letzten großen Traum wäre er also im besten Alter.

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