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Festival von Monte Carlo : Die Zirkuskunst ersteht wieder auf

  • -Aktualisiert am

Kopf auf Kopf: René Casselly mit seiner Schwester Merrylu. Bild: Zirkusfestival Monte Carlo

Nach der Corona-Krise lebt die ­Zirkuskunst beim Festival von Monte Carlo wieder auf. René Casselly darf sich über den Goldenen Clown freuen – eine bedeutende Auszeichnung für den deutschen Artisten.

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          Nach dem katastrophalen Zusammenbruch des Zirkusgeschäfts wegen der Corona-Pandemie hat die Zirkuskunst beim 45. Internationalen Zirkusfestival in Monte Carlo eine grandiose Wiederauferstehung erlebt. Fürst Albert II. eröffnete das Festival am ver­gangenen Freitag, assistiert von seiner Schwester Stéphanie, die nicht nur Vorsitzende der Jury, sondern das Herz dieser Leistungsschau des Zirkus ist.

          Wie immer erhob sich das Publikum von den Sitzen, als der Fürst und die Prinzessin zu den Klängen des Monte-Carlo-Zirkusmarsches zur Fürstenloge direkt an der Manege schritten. Stéphanie wurde begleitet von ihrer Tochter Camille und ihrem Sohn Louis. Zur Vorführung am Sonntag brachte Albert sogar seine Zwillingskinder Gabriella und Erbprinz Jacques mit, doch die Achtjährigen hielten es nicht lange aus. ­Fürstin Charlène war wie immer nicht in der Loge zu sehen.

          Besonders für den deutschen Zirkus erwies sich diese inoffizielle Weltmeisterschaft als ein Triumph, denn ein ­deutscher Artist, der 26 Jahre alte René Casselly, gewann zusammen mit seiner Schwester Merrylu und der Artistin Quincy Azzario den Goldenen Clown. Casselly ist eine große Nummer im Showgeschäft. Beim Fernseh­sender RTL hat er sich jüngst als Sieger durch die Show „Let’s dance“ getanzt, und bei „Ninja Warrior Germany“ zog er 2021 als Erster an allen anderen Teilnehmern vorbei. In Monte Carlo ließ Casselly das Herz der Zirkusfans höherschlagen, denn er hob eine alte Disziplin, die Artistik auf Pferden, in eine neue Dimension. „Ich wollte etwas machen, was noch keinem vorher gelungen ist“, sagte Casselly. Tatsächlich hat er mit einem zweifachen Salto aus dem Stand auf dem Rücken des stämmigen ­Norikers und einem freihändigen Kopf-auf-Kopf-Trick eine bis dahin noch von niemandem erreichte Leistung vollbracht.

          Die Leitung des Monte-Carlo-Festivals hatte die Nummer von René Casselly junior gebucht, bevor sie überhaupt zum ersten Mal aufgeführt worden war. Sie wusste, dass Casselly und seine Schwester etwas Sensationelles abliefern würden, denn die beiden haben schon einmal in Monte Carlo Gold gewonnen: Zusammen mit ihrem Vater René Casselly senior standen sie 2008 auf dem Siegertreppchen, damals mit einer Elefanten-Nummer. Der Salto von einem Elefanten aus auf einen dahinter laufenden anderen Elefanten bleibt in Erinnerung. Die Tiere sind mittlerweile wegen des immensen Drucks von Tierschützern in Rente geschickt worden. Sie verbringen ihren Lebensabend in einem Tierpark in der ungarischen Stadt Györ, wo die Familie Casselly lebt. Damit ist das Kapitel Elefanten im Zirkus zumindest für Europa wohl endgültig beendet.

          „Corona ist für den Zirkus mehr als vorbei“

          Doch die Zirkuskunst hat so viele Facetten, dass sie den Verlust der Elefantendressur verkraften kann. Selbst in traditionellen Disziplinen brechen Artisten zuweilen alte Rekorde. Der Italiener Michael Martini etwa hat als erster Europäer am Fliegenden Trapez einen vier­fachen Salto geschafft. Freilich gelang das nicht immer. Bei der Premiere stürzte Martini zweimal ins Netz, bis schließlich beim dritten Versuch der Fänger am anderen Trapez seine Hände zu fassen bekam. Die Flying Martinis wurden denn auch mit einem Silbernen Clown für diese waghalsige Meisterleistung belohnt.

          Wie immer waren auch in diesem Jahr die Späher der großen europäischen Zirkusse angereist, um herausragende Artisten sofort unter Vertrag zu nehmen. Er habe mit allen, die auf seiner Wunschliste gestanden hätten, Verabredungen getroffen, berichtete schon am Samstag Frank Keller vom Circus Krone. „Corona ist für den Zirkus mehr als vorbei“, sagte Keller und verwies auf viele ausverkaufte Vorstellungen während der bisherigen Wintersaison im Krone-Bau in München. Noch nie seien die Weihnachtszirkusse in Deutschland und auch in anderen ­Ländern so gut gelaufen wie in den vergangenen Wochen, ergänzte Helmut Grosscurth, der Geschäftsführer der Europäischen Zirkusvereinigung.

          Sorgen bereitet der Branche zurzeit aber der Ukrainekrieg. Sie unterstützt tatkräftig ukrainische Artisten und ­Zirkusschulen und boykottiert weit­gehend russische Zirkusse und Künstler. In Monte Carlo, wo sonst immer russische Zirkustruppen eingeladen waren, konnte in diesem Jahr nur ein Artist aus Putins Reich, Oleksij Grigorow, seine Künste am Luftring zeigen – und dies auch nur, weil er gemeinsam mit der Ukrainerin Marina Glawatskij auftrat. Bei der ­Pressekonferenz mussten sich beide Tränen abwischen, als die Sprache auf den Krieg kam.

          Der zweite große Gewinner aus dem deutschsprachigen Raum war neben René Casselly junior der 71 Jahre alte Jongleur-Altmeister Kris Kremo, der gemeinsam mit seinem Sohn Harrison die roten Zylinder in der Luft rotieren ließ. Am Dienstag wurde Kris Kremo im Grand Chapiteau mit dem Ehrenpreis von ­Monte Carlo für sein Lebenswerk aus­gezeichnet.

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