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Armverletzung bei der Geburt : Das Leben umarmen

  • -Aktualisiert am

Bei der Geburt von Kindern können die Armnerven beschädigt werden. Bild: dpa

Muss ein Baby aus dem Geburtskanal gezogen werden, können die Armnerven geschädigt werden. Oft wird zu lange auf eine Behandlung gewartet – dabei ist ein zügiger Eingriff entscheidend.

          5 Min.

          Die Schwangerschaft von Dagmar Rettenberger verlief unkompliziert. Ihr war nicht übel, und auch sonst hatte sie keinerlei Beschwerden. Alles lief perfekt. Bis zur Geburt. Anna, ihre Tochter, befand sich in einer Beckenendlage. Normalerweise wird in diesem Fall ein Kaiserschnitt gemacht, denn das Kind liegt nicht mit dem Kopf, sondern dem Gesäß nach unten. Da die Ärzte das Geburtsgewicht des Kindes allerdings unter 3000 Gramm und somit sehr gering einschätzten, meinten sie, dass eine spontane Geburt möglich sei, und empfahlen diese auch.

          Offensichtlich eine Fehlentscheidung. Denn während der Entbindung blieb Anna plötzlich im Geburtskanal stecken. Ihr Po schaute schon heraus, als von einem Moment auf den anderen nichts mehr weiterging. Für einen Kaiserschnitt war es zu diesem Zeitpunkt zu spät. „Es war ein Albtraum“, erinnert sich die Einzelhandelskauffrau aus Regen bei Deggendorf. „Die Ärztin hat erst am Po und dann an den Schultern meiner Kleinen gezerrt, bis sie schließlich draußen war.“

          Die Folge dieses Aktes: Annas Armnerven waren beidseitig schwer geschädigt. Bereits ein paar Tage nach der Geburt fiel auf, dass Anna ihre Ärmchen nicht über den Kopf strecken konnte. Schnell lag die Diagnose einer sogenannten Armplexusparese vor, die Annas Arme von der Schulter bis zum Ellenbogen lähmte. Die Armplexusparese ist eine Verletzung, zu der es immer wieder bei Geburten kommt, wenn ein Missverhältnis zwischen dem Kopf des Kindes und dem Becken der Mutter vorliegt.

          Nerven können reißen, wenn Geburtshelfer am Kind ziehen müssen

          „Infolgedessen besteht die Gefahr, dass das Kind mit den Schultern im Geburtskanal stecken bleibt und der Geburtshelfer an ihm ziehen muss, um es herauszubekommen“, sagt Professor Riccardo Giunta. Der 54-Jährige ist Direktor der Abteilung für Handchirurgie, Plastische und Ästhetische Chirurgie am Klinikum der Ludwig-Maximilians-Universität München. „Durch den starken Zug kann es zur Überdehnung, zu Abrissverletzungen und im ungünstigsten Fall auch zu Ausrissverletzungen der Nervenwurzeln des Plexus brachialis aus dem Rückenmark kommen.“ Als „Plexus brachialis“ wird eine Gruppe von fünf großen Nerven bezeichnet, die zwischen den Wirbelkörpern des Halses aus dem Rückenmark entspringen und für die Bewegungen und Empfindungen der Arme verantwortlich sind.

          In der Fachsprache wird die obere Armplexusparese auch als „Erb’sche Lähmung“ bezeichnet. Ein prominenter Patient war Kaiser Wilhelm II., der als letzter deutscher Kaiser Zeit seines Lebens unter den Folgen eines solchen Geburtstraumas litt und die Lähmung seines linken Arms in der Öffentlichkeit immer zu verbergen versuchte. Heute tritt die Armplexusparese mit einer Häufigkeit von 0,6 bis 2,5 Fällen je 1000 Geburten auf.

          „Nachdem die Rate zu Beginn des 20. Jahrhunderts höher lag, nahm sie seit den 1970er Jahren vor allem wegen der verbesserten Einschätzung des Geburtsgewichts durch die pränatale Ultraschalldiagnostik ständig ab, da im Zweifel heutzutage ein Kaiserschnitt durchgeführt wird“, sagt Giunta. „In den letzten Jahren ist allerdings ein abermaliger Anstieg zu verzeichnen, wahrscheinlich infolge der Zunahme des durchschnittlichen Geburtsgewichts durch zunehmendes Übergewicht und Schwangerschaftsdiabetes der Mütter.“

          Der richtige Zeitpunkt für die Operation wird oft verpasst

          Zwar ist die Armplexusparese weiterhin ein seltener geburtstraumatischer Schaden. Doch ihre Folgen sind gravierend. Das Problem: „Nach wie vor werden geburtstraumatische Armplexusparesen oft als schicksalhaft angesehen, wodurch der richtige Zeitpunkt für eine Operation am Plexus brachialis verpasst werden kann“, erklärt Giunta. „In den meisten Fällen liegen zwar nur leichte Dehnungsverletzungen vor, die sich unter Physiotherapie erholen können. Schwere Ab- und Ausrissverletzungen müssen aber noch im ersten Lebensjahr operiert werden. Sonst hinterlassen sie beachtliche lebenslange Einschränkungen.“

          Bei Anna hingen beide Arme schlapp an ihrem kleinen Körper herunter. Sie konnte zwar ihre Hände bewegen, nicht aber Schultern und Ellenbogen. Die Ärzte prognostizierten, dass sie ohne Behandlung später zwar beispielsweise ein Stück Brot in die Hand nehmen, es aber nicht zum Mund werde führen können. In der Hoffnung, dass sich die Lähmung zurückbilden würde, ging Dagmar Rettenberger nach der Entlassung aus dem Krankenhaus mit ihrer Tochter zur Krankengymnastik und zum Osteopathen. Dort lernte sie, dass es ihrem Baby helfen könne, wenn sie mit einer Zahnbürste immer und immer wieder die Arme herunterstreiche, da die Durchblutung angeregt werde. Zudem lernte sie, welche aktiven Übungen ihrer Tochter guttaten.

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