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Armut : „Ich war Unterschicht“

  • -Aktualisiert am

Blick zurück ohne Zorn: Matthias Heine blättert im Familienalbum Bild:

Der Vater verschwand noch vor der Geburt, mittags gab es Toast mit Ketchup, Geld für den Schulbus war auch nicht immer da. Ein persönliches Protokoll über eine Kindheit am Rand des sozialen Abgrunds.

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          Paniermehl mit Paprika schmeckt nicht lecker. Auch nicht eklig. Ein bißchen trocken. Aber der Hunger treibt's rein. Zumindest, wenn man elf ist, mitten im Wachstum steckt und einen der Magen kurz vor Mitternacht nicht mehr nur knurrend, sondern schon beißend daran erinnert, daß man den ganzen Tag nichts gegessen hat. Heute kommt es mir märchenhaft vor, daß ich meinen Magen tatsächlich mal knurren gehört haben soll - eigentlich würde ich schwören, das Geräusch existiere nur redensartlich.

          Aber damals, das bilde ich mir doch nicht ein, war es wirklich da. Und nachdem ich einen Teller mit dem Inhalt eines Tütchens Paniermehl aus der hintersten Ecke des Küchenschranks bestreut, das Mahl mit Paprika gewürzt und weggelöffelt hatte, ging das Knurren erst mal weg. Szenen aus der deutschen Unterschicht in den siebziger Jahren.

          Alle lachten über meine Mutter, die Putzfrau war

          Ich weiß nicht mehr, wie ich an diesem Tag zur Schule gekommen bin, denn wenn kein Geld für Essen da war, dann erst recht nicht für den Bus. Vielleicht waren Ferien, vielleicht war Sommer, und ich konnte die acht Kilometer mit dem Fahrrad fahren. An solchen Tagen hat mir meine Mutter oft Pellkartoffeln zum Frühstück gemacht, weil die Knollen, die sie in guten Zeiten zentnerweise einkellerte, irgendwann das einzig Eßbare im Haus waren.

          Als ich 1972 aufs Gymnasium kam, fragte uns der Lehrer, was unsere Eltern von Beruf seien. Es gab in unserer Klasse noch einen Jungen, dessen Vater bei Siemens arbeitete, der Rest hatte Architekten, Rechtsanwälte, Lehrer, Polizisten oder kleine Unternehmer zum Vater - die Mütter spielten damals außer bei mir noch keine Rolle.

          Vor allem erinnere ich mich an eine unglaublich hohe Zahl von Beamtenkindern und daran, daß das Wort „Beamter“ damals noch einen sehr ehrwürdigen Klang hatte. Als ich sagte, meine Mutter sei Putzfrau, lachten alle. Dabei war das schon eine Notlüge. Zu dieser Zeit schlug sie sich gerade mit Aushilfsjobs in Kneipen durch, kam spätnachts nach Hause und schlief, sobald ich in der Schule war, bis in den Nachmittag.

          Wir glaubten sie seien „drüsenkrank“

          Ich kann mit Fug und Recht sagen: Ich war Unterschicht. Sohn eines italienischen Gastarbeiters, der sich vor meiner Geburt davongemacht hatte, und einer Frau, die in Zeiten der Beinahe-Vollbeschäftigung sogar von der Position einer Fließbandarbeiterin bei AEG noch abgestiegen war.

          Wir waren Unterschicht der alten Schule. Ohne Übergewicht - dicke Kinder gab es damals so selten, daß man sich ihre Existenz nur damit erklären konnte, sie seien „drüsenkrank“. Ohne Auto. Sehr lange ohne Fernseher. Mit einem Dackel statt eines Kampfhunds. Und oft genug in den ersten Wochen des Schuljahres ohne Schulbücher: Lehrmittelfreiheit war noch eine Utopie.

          Sie hatten ihren Vater erdrosselt

          Trotzdem habe ich das Wort „Unterschicht“ damals nie gehört. Dafür sehr häufig das Wort „Asoziale“. Vor allem von meiner Mutter, wenn es um andere ging, die noch schlimmer dran waren als wir. Die gab es immer. Einmal hatte ich einen Freund, dessen Vater im ganzen Dorf dafür berüchtigt war, seine Frau zu schlagen, sein Geld „auf St. Pauli“ durchzubringen und seine Kinder hungern zu lassen.

          Eines Morgens kam der Freund nicht mehr zur Schule. Im Dorf verbreitete sich die Nachricht, daß er zusammen mit der Mutter seinen Vater erdrosselt hatte: Als er betrunken auf einem Stuhl eingeschlafen war, zog jeder an einer Seite des Stricks.

          Der Gipfel des Luxus - eine Gitarre

          Heute wundere ich mich nicht mehr, daß ich kein besonders guter Schüler war. Ich wundere mich nur, daß ich irgendwann trotzdem das Abitur gemacht habe. Das war Jahre später, nachdem die Sozialhilfe, die meine Mutter schließlich doch noch beantragt hatte, zumindest den Verzehr von Paniermehl und Pellkartoffeln auf ein normales Maß reduziert hatte.

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