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Korruption am Flughafen : Was wusste Ardi Goldman?

Mit Hut: Ardi Goldmann im Landgericht Frankfurt am 20. März Bild: Bernd Kammerer

Der Investor Ardi Goldman ist in Frankfurt eine schillernde Figur. Derzeit muss er sich im Prozess um die Cargo City Süd des Frankfurter Flughafens vor Gericht verantworten. Es ist ein Stück aus dem Tollhaus.

          6 Min.

          Es gibt Strafverfahren, die lassen kein Klischee aus. Sie sind sehr selten, aber eines davon ist gerade vor dem Landgericht Frankfurt zu beobachten. Dort verhandelt die 12.Strafkammer seit zehn Monaten einen Prozess um Korruption am Frankfurter Flughafen. Und es ist wirklich alles dabei, was einen ordinären Fall von Wirtschaftskriminalität zu einem echten Ganovenstück macht: Schmiergeldzahlungen an den Mitarbeiter eines Dax-Konzerns mit internationalem Renommee (Fraport AG), sorgfältig verschleiert über Konten in Liechtenstein. Im Zentrum der Aufmerksamkeit: Immobilienentwickler, stadtbekannt und millionenschwer. Hass, Wut und Verbitterung zwischen Angeklagten, die einmal eng befreundet waren und jetzt nur noch Vorwürfe und handfeste Drohungen austauschen. Ein konspiratives Krisentreffen auf einer Yacht vor Mallorca. Und ein Hauptangeklagter, der mitten im Verfahren tödlich verunglückt. In zwei Wochen soll das Urteil gesprochen werden, und noch immer sind zentrale Punkte strittig.

          Corinna Budras
          Wirtschaftskorrespondentin in Berlin.

          An Glamour mangelt es dieser Veranstaltung nicht. Das liegt vor allem an Ardi Goldman. Der Mann ist Frankfurts Immobilien-Ikone. Als die Staatsanwaltschaft vor zwei Jahren sein Haus im Morgengrauen durchsuchte, waren die Reporter der „Bild“-Zeitung schon da.

          In der Cargo City Süd schlägt das Herz des Skandals

          Goldman ist keiner, der einfach nur Häuser baut, sondern ein waschechter „Stadtteil-Regisseur“, wie er sich selbst nennt. Einer, der gern auffällt, optisch (originelle Hüte, grelle Schals, unkonventionelle Anzüge) und verbal (dazu später mehr). Als Dreijähriger überlebte er nur knapp einen Autounfall, bei dem er den Vater und zwei Schwestern verlor, mit der Mutter zog er nach Israel und kam erst Jahre später wieder zurück in seine Heimatstadt. Nach einer wilden Jugend entschied er sich, in das vom Vater gegründete Immobilienunternehmen einzusteigen. Seitdem hat er das Gesicht der Finanzmetropole dauerhaft verändert, besonders in dem Stadtteil, der heute von der Europäischen Zentralbank geprägt wird.

          Allerdings hat er nicht nur im Frankfurter Ostend gewirkt, sondern auch am Flughafen, genauer gesagt in der Cargo City Süd, dort, wo das Herz des aktuellen Korruptionsskandals schlägt. Und genau das ist ihm jetzt zum Verhängnis geworden.

          In der Cargo City Süd sind jetzt jede Menge Firmen ansässig, mit ihren Lagerhallen und Bürohäusern. Eines davon hat Ardi Goldman „entwickelt“, wie man in der Branche gern sagt. Ein anderes Jürgen Harder, noch so ein millionenschwerer Immobilienentwickler, sowohl optisch als auch verbal allerdings von ganz anderem Kaliber. Jürger Harder, grau meliert mit fein geschnittenen Gesichtszügen, praktiziert vor Gericht vornehme Zurückhaltung.

          Lehrstück für Korruption in Deutschland

          Das Einzige, was die beiden ungleichen Charaktere eint, ist ihre im Boulevard nahezu lückenlos dokumentierte Präsenz auf dem Parkett gesellschaftlicher Anlässe. Ardi Goldman fällt dort kraft eigener Originalität auf, Jürgen Harder vor allem durch seine fast zwanzig Jahre jüngere Lebensgefährtin, deren Name, wie auch sein Presseanwalt nicht müde wird zu betonen, zwar interessant und weithin bekannt ist, in diesem Artikel aber natürlich nichts verloren hat.

          Beide sollen von den Schmiergeldzahlungen übrigens nur gewusst, und sie keineswegs selbst getätigt haben. Ardi Goldman bestreitet sogar das. Die Staatsanwaltschaft fordert drei Jahre Freiheitsstrafe für ihn, Ardi Goldman den Freispruch. Schon das zeigt, wie komplex der Fall ist. Aber es lohnt sich, veranschaulicht er doch geradezu lehrbuchhaft wie Korruption in unseren Breitengraden funktioniert und wie schwierig ihr beizukommen ist, selbst in Großunternehmen wie Fraport, die längst ein „Wertemanagement“ installiert haben. Seit 2005 ist die Einhaltung der Regeln, die Compliance, Bestandteil der Arbeitsverträge. Und trotzdem konnte Volker A., jedenfalls bis zu seiner plötzlichen Abberufung im Jahr 2008, schalten und walten, wie er wollte. Volker A. ist die Schlüsselfigur in dem Prozess. Und leider auch derjenige, der im Lauf des Verfahrens auf der Autobahn verunglückte.

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          Der unscheinbare Mann rangierte vier Hierachie-Ebenen unter dem Vorstandsvorsitzenden und galt trotzdem als der „König der Cargo City Süd“. Ohne ihn soll dort nichts gelaufen sein. Volker A. vermittelte die Erbpachtverträge, mit denen Fraport die Grundstücke zur Bebauung an Projektentwickler weitergeben wollte. Und nachdem er über Jahre hinweg die Verträge immer nur eingefädelt und nie daran mitverdient hatte, wollte er endlich einmal selbst dran sein.

          Personifizierter Image-Schaden für Maklerzunft

          Vorgemacht hat es Fraport ja höchstselbst. Das Unternehmen war ebenfalls sehr kreativ bei der Entwicklung neuer Verdienstquellen. Kurz vor Abschluss des Vertrages rang Fraport seinen Geschäftspartnern Ardi Goldman und Harder noch eine „Developer Fee“ in Höhe von knapp einer Million Euro ab. Von der weiß auch nach mehr als 30 Verhandlungstagen eigentlich immer noch keiner, wofür sie gezahlt wurde, sondern nur, „dass sie im Markt angenommen wurde“, wie es der frühere Vorstandsvorsitzende Wilhelm Bender in seiner Zeugenvernehmung im Juli formulierte. Von rechtlichen Bedenken über diese Art der Zusatzzahlung sei ihm nichts bekannt gewesen, deshalb sei er auch nicht eingeschritten, sagte er aus. Im Gegenteil: „Ich habe selten jemanden gehindert, für das Unternehmen Geld zu verdienen.“ Diese „Developer Fee“, so merkwürdig sie auch anmutet, wurde in dem Verfahren nicht geprüft, schließlich hatten sich die Vertragspartner einvernehmlich auf diese Zusatzzahlung geeinigt. Sie zeigt allerdings, mit welcher Nonchalance man bei Fraport den Nutzen maximierte.

          Auch Volker A. wollte maximalen Nutzen, allerdings für sich selbst. Dafür hatte der Makler Uwe S. größtes Verständnis. Uwe S. ist der vierte Angeklagte im Bunde und unzweifelhaft der, dessen Name am häufigsten fällt. Schon weil er sich mit Ardi Goldman überworfen hat. Uwe S. kann man sich getrost als einen der Vertreter seiner Zunft vorstellen, denen sie ihr angeknackstes Image verdankt. Kurze, zurück gegelte Haare, offenes Hemd, teurer Anzug, großspurig, so präsentierte er sich vor Gericht. Einer, der im Handstreich Hunderttausende verdient, weil er die richtigen Leute kennt. Mit Volker A. hat Uwe S. im Sommer 2006 eine „Unrechtsvereinbarung“ geschlossen. Fortan traten sie immer als Pärchen auf. Wenn Uwe S. verdiente, verdiente auch Volker A. Nur dass der erste Teil eine legale Provision und der zweite Teil eine illegale Schmiergeldzahlung war.

          Goldman streitet alles ab

          Als der Makler Uwe S. seinen Geschäftspartner Ardi Goldman über die Verdiensthoffnungen seines Kumpels Volker A. aufklärte, soll Ardi Goldman ausgerastet sein. „Damit will ich nichts zu tun haben“, soll er geschrien haben. „Du verdienst so viel Geld, regele Du das.“ Seit fast zehn Monaten versucht das Gericht nun herauszubekommen, was das eigentlich heißen soll: „Regele Du das.“ Die Staatsanwaltschaft ist davon überzeugt, dass Goldman die Zahlungen billigte. Sie zitiert E-Mails, die er gelesen haben muss, und argumentiert, es sei schlicht nicht vorstellbar, dass Goldman der Einzige gewesen sei, der nichts von den Schmiergeldzahlungen gewusst haben wolle – nach einer zwanzigjährigen innigen Geschäftsbeziehung mit dem umtriebigen Makler Uwe S.

          Goldmans Verteidiger argumentieren in ihrem Plädoyer genau umgekehrt: Zwanzig Jahre lang sei die Geschäftsbeziehung sauber gelaufen, Goldman habe nicht ahnen können, dass es diesmal anders war als sonst. Nach seiner uneingeschränkten Ablehnung sei Goldman davon ausgegangen, dass die Sache vom Tisch sei. „Kaltschnäuzig“ habe Uwe S. das in ihn gesetzte Vertrauen verraten, sagte Goldmans Verteidiger.

          Doch damit nicht genug: Er, Ardi Goldman, habe die Bestechung schlicht gar nicht nötig gehabt. Schließlich war er mit Fraport schon längst handelseinig geworden, lange bevor die beiden ihre „Unrechtsvereinbarung“ schlossen, und einen Mitbieter habe es schlicht nicht gegeben. Sogar zum Fraport-Chef Bender hatte er uneingeschränkten Zugang, schließlich saß Goldman auf dessen Wunsch auch im „Retail-Beirat“. Von diesem Arbeitskreis erhoffte sich Fraport kreative Impulse, wie dem Einzelhandel am Flughafen auf die Sprünge geholfen werden könnte.

          Immer wieder für eine Entgleisung gut

          Bender sprach denn auch in höchsten Tönen von Goldman: Jeder, der sich in den gesellschaftlichen Kreisen in Frankfurt bewege, kenne Goldman und kenne seine Erfolge im Ostend. Von den Schmiergeldzahlungen an seinen Mitarbeiter Volker A., habe er, Bender, natürlich nichts gewusst. Das freilich sei auch kein Wunder, schließlich habe er in der Zeit „Flughäfen für 500 Millionen Euro gekauft“ und einen „Flughafenausbau von fünf Milliarden Euro gemanagt“. Vor Gericht legte er auch das Leitmotiv seines Führungsstils offen: „Ich habe es stets abgelehnt, dass Verantwortung auf mich abgewälzt wurde. So führt man keinen Konzern.“

          Für Ardi Goldman ist es nicht optimal gelaufen in den vergangenen zehn Monaten. Das durch die Strafprozessordnung streng regulierte Verfahren entspricht schlicht nicht seinem Naturell. Er agiert impulsiv und ruft immer wieder ungefragt Kommentare von der Seitenlinie. Unangefochtener Höhepunkt der Entgleisung war eine SMS, die er unter dem Eindruck des Todes des Hauptangeklagten Volker A. an seinen Intimfeind Uwe S. schrieb: „Du Schwein, du hast ein Menschenleben auf dem Gewissen. Deine Gier hat kein Ende gehabt. Deine Lügen werden dir nicht helfen. Gott wird dich bestrafen, und der Teufel auch. Fahr zur Hölle, du Denunziant.“ Sie landete eins zu eins erst in der „Bild“-Zeitung und dann vor Gericht.

          Lehrreiche Erfahrung für Schmiergeldzahler

          Die Staatsanwaltschaft revanchierte sich in ihrem Plädoyer ebenfalls mit einer sprachlichen Entgleisung, freilich auf anderem Niveau: Die außerordentlich hohe Strafforderung von drei Jahren Freiheitsstrafe begründete sie auch mit einer „rechtsfeindlichen Gesinnung“, die Goldman an den Tag gelegt habe, und meinte damit nicht nur seine verbalen Eskapaden, zahlreiche Zwischenrufe in dem Verfahren und die unschöne E-Mail nach dem Tod des Hauptangeklagten. Sie warf ihm auch vor, seine Sekretärin vor ihrer Zeugenaussage beeinflusst zu haben. Ein Vorwurf, den die Verteidigung wortreich zurückwies und statt dessen an den Makler S. weiterreichte.

          Der hat es schließlich verschuldet, dass man sich überhaupt vor Gericht wiederfindet, nicht nur wegen der geschlossenen „Unrechtsvereinbarung“, sondern weil er auch geradezu tollpatschig dafür sorgte, dass das ganze Komplott überhaupt aufflog. Denn Uwe S. war so tollkühn, das zwar versprochene, aber im Fall von Jürgen Harder gar nicht ausgezahlte Schmiergeld vor Gericht einzuklagen. Neben dem Grundsatz: „Du sollst kein Schmiergeld zahlen“ ist das vielleicht noch die eingängigste Lehre aus diesem Fall: dass man die Justiz nicht auch noch aufsucht, wenn man gute Gründe hat, sie zu meiden.

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