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Arbeitsmigranten von den Philippinen : Etwas Besseres finden sie überall

Los Baños, eineinhalb Stunden vor Manila: Nur wenige Einheimische bleiben im Land Bild: AP

Ein Land exportiert Menschen: Achteinhalb Millionen Philippiner arbeiten im Ausland. Sie schicken viel Geld nach Hause – aber sie zahlen mit den besten Jahren ihres Lebens.

          Für Ricardo Dela Peña ist seine Heimatstadt Manila nur eine Zwischenstation. Bei nächster Gelegenheit will er nach Japan zurück. „Ich liebe Japan“, sagt der 36 Jahre alte Philippiner. Zögernd fügt er hinzu, dass er natürlich auch die Philippinen liebe. Aber hier könne man eben nicht so viel Geld verdienen. Deshalb hat Ricardo auch schon sechs Jahre in Japan geschuftet, in Stahlfabriken, Hotels und auf Baustellen. Auch seine Ehefrau, eine Philippinerin, hat er in Tokio kennengelernt, und das erste Kind wurde dort geboren. Die Ehefrau wollte nach Manila zurück, und zum Glück hatte Ricardo damals schon genug Geld für eine Wohnung in Manila beisammen. „Die hätte ich mir sonst nie leisten können.“

          Till Fähnders

          Politischer Korrespondent für Südostasien.

          Nun arbeitet er als Fahrer in Manila und ist unzufrieden mit dem niedrigen Einkommen. Wie Ricardo verbringen viele Philippiner die besten Jahre fern der Heimat. Auf den Philippinen sind die wenigen Reichen sehr reich und die viele Armen sehr arm. Die Arbeitslosenquote ist hoch. Deshalb exportiert das Land Menschen. Etwa 8,5 Millionen philippinische Arbeitsmigranten leben heute in 214 Staaten der Welt, das sind fast zehn Prozent der Gesamtbevölkerung. Täglich ziehen bis zu 4000 Philippiner weg und suchen anderswo ihr Glück. Die meisten gehen auf den amerikanischen Kontinent, in den Nahen Osten oder in andere asiatische Länder. Sie arbeiten als Seefahrer, Putzfrauen oder Hotelangestellte, als Bauarbeiter in Dubai oder Kindermädchen in Hongkong.

          „Wir hatten keine Wahl, wir waren arm“

          Schon in den siebziger Jahren hatte der Diktator Ferdinand Marcos die Migration als Heilmittel gegen die Arbeitslosigkeit propagiert. Seitdem hängt die Wirtschaft von den Überweisungen der „Overseas Filipino Workers“ (OFW) ab. Sie tragen jedes Jahr zwischen neun und zwölf Prozent zum philippinischen Bruttoinlandsprodukt bei. Im vergangenen Jahr kamen auf diese Weise mehr als 20 Milliarden Dollar ins Land. Die Kehrseite der Medaille zeigt die Leiden der Migranten, der Daheimgebliebenen und der Rückkehrer.

          Eineinhalb Stunden Autofahrt von der Metropolregion Manila entfernt liegt Los Baños, das für seine Süßspeisen bekannt ist, den Kokosnusskuchen etwa. Hier wohnt die 57 Jahre alte Elisa Limlingan. Fast 20 Jahre hat sie sich allein um die Erziehung ihrer beiden Kinder gekümmert, weil ihr Mann Alexander in Saudi-Arabien in einem Hotel arbeitete. Gleich nach der Hochzeit war er in den Nahen Osten gegangen, da war Elisa schwanger mit dem Sohn. „Wir hatten keine Wahl, wir waren arm“, sagt Elisa. Nur einmal im Jahr kam ihr Ehemann für 30 Tage nach Hause. „Er kannte mich nicht, ich kannte ihn nicht“, sagt Elisa. Sie stritten sich über die Erziehung der Kinder. Der Sohn hatte schlechten Umgang und war schlecht in der Schule. Irgendwann fing der Mann an, die Einsamkeit in der Fremde auf seine Weise zu bekämpfen: „Er trank, spielte und hatte andere Frauen.“

          23 Prozent arbeiten als Seeleute

          Die Arbeitsmigranten würden ausgebeutet und seien extremen körperlichen und seelischen Misshandlungen ausgesetzt, heißt es in einer Studie des „Center for Migrant Advocacy“. Vor allem die Frauen, die meist illegal als Haushaltshilfen arbeiten, seien ohne Schutz. Die Regierung in Manila weiß das alles, Gesetze zur Unterstützung der Arbeitsmigranten gibt es seit Mitte der neunziger Jahre. Bei seinem Amtsantritt versprach der jetzige Präsident Aquino, „zu Hause Jobs zu schaffen, so dass niemand mehr im Ausland Arbeit suchen muss“. Die Regierung wolle die Binnenwirtschaft stärken und die Abhängigkeit von den Auslands-Philippinern verringern. In Manila rechnet jedoch kein Mensch damit, dass sich an den Zuständen in absehbarer Zeit etwas ändert.

          In einem Büro mitten in der Stadt sitzt die zierliche Biologin Wilma Cuaterno an ihrem Schreibtisch im Landwirtschaftsministerium. Ihr Ehemann ist auf Containerschiffen großer Reedereien auf den Weltmeeren unterwegs - 23 Prozent der philippinischen Arbeitsmigranten arbeiten als Seeleute. Mindestens sechs Monate am Stück sei ihr Mann fort, sagt Wilma Cuaterno. Der Job sei hart, jeder Arbeitstag habe zwölf Stunden. Von der Regierung gebe es kaum Unterstützung, auch wenn die Arbeitsmigranten auf den Philippinen neuerdings gern als „Helden“ gefeiert würden.

          Wilma Cuaterno fürchtet, dass die Arbeit ihren Mann am Ende krank macht. „Ich versuche, ihn davon zu überzeugen, dass er die Seefahrt besser aufgibt und ein kleines Geschäft aufmacht.“ Aber möglichst nicht im Ausland, sondern zu Hause, in ihrer Heimatstadt Manila.

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