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Mann rettet Schwangere : Ein Held im Chaos des Bataclan

Die Bilder der schwangeren Frau, die aus einem Fenster des Bataclan zu fliehen versuchte, hat der französische Le Monde-Journalist Daniel Psenny mit seinem Smartphone festgehalten. Bild: AFP

Mehr als andere grauenhafte Bilder aus der Terrornacht hat sich dieses eingeprägt: Eine Schwangere hängt im zweiten Stock am Fenstersims des Bataclan. Dann hilft ihr ein Mann zurück ins Gebäude. Nun spricht der Retter über die Ereignisse.

          Aus der Konzerthalle Bataclan sind in den vergangenen Tagen viele schreckliche Bilder aufgetaucht. Eines davon stammt aus dem kurzen Handy-Video des französischen „Le Monde“-Journalisten Daniel Psenny. Es zeigt eine schwangere Frau, die sich am Sims eines Fensters im zweiten Stock festkrallt. Unter ihr Chaos. Menschen stürzen aus einer Tür, Schüsse knallen, einige Fliehende werden getroffen, die anderen stürmen in alle Richtungen auseinander. „Hilfe, ich bin schwanger. Kann mich jemand auffangen, wenn ich falle“, ruft die Frau, aber niemand hört sie. Die Panik unter ihr ist zu groß. Dann hilft ihr jemand, zurück ins Gebäude zu klettern. Dieser Jemand heißt „Sébastien“ und hat jetzt zum ersten Mal über seinen Abend im Bataclan gesprochen.

          Maria Wiesner

          Redakteurin im Ressort Gesellschaft bei FAZ.NET.

          „Ich bin mit meinem Freund Jeff gegen 20 Uhr im Bataclan angekommen“, erzählt der Mann aus Arles der französischen Zeitung „La Provence“. Nach dem ersten Teil des Konzerts hätten sich die zwei Freunde an der Bar zwei Bier geholt und seien dann näher an die Bühne herangegangen. „Als der erste Schuss fiel, dachten wir, das sei ein pyrotechnischer Effekt. Als der zweite Schuss abgegeben wurde, haben wir verstanden, was los war“, sagt er. „Wir hörten Menschen schreien. Der Sänger war von der Bühne verschwunden. Die Lichter im Saal gingen an und ich habe mich zum Eingang umgedreht, wo ich zwei oder drei Typen mit Kalaschnikows sah. Die haben auf alles geschossen, was sich bewegte.“

          Als die Terroristen nachladen, flieht er

          Dann musste einer nachladen und Sébastien nutzte die Gelegenheit zur Flucht: Über die Bühne sei er gehechtet und eine Treppe hinauf gestürzt zu den Balkonen, die über den Konzertsaal blickten. „Direkt vor mir waren zwei Fenster und an einem hing eine schwangere Frau“, erzählt Sébastien. Er schildert, wie die Frau die Menschen unten auf der Straße um Hilfe anrief, diese aber nichts mitbekamen. „Ich bin durch das andere Fenster hinaus und habe mich an einem Entlüftungsschacht festgehalten. Irgendwann sagte die schwangere Frau, sie könne nicht mehr und fragte, ob ich ihr wieder hinein helfen könne. Das habe ich getan.“

          Wohin die Frau dann verschwunden sei, wisse er nicht. Er selbst habe versucht, sich abermals zu verstecken, sei dann jedoch von einem Bewaffneten aufgespürt und zu den anderen Geiseln gebracht worden. Es seien die schrecklichsten Minuten seines Lebens gewesen, sagt er, denn die Geiselnehmer drohten, alle fünf Minuten jemanden zu erschießen. Doch dann kam die Rettung.

          Draußen findet er seinen Freund wieder

          Das Spezialkommando der Polizei habe die Tür mit einem Rammbock aufgebrochen und eine Blendgranate geworfen. „Als ich die zweite Granate zu meinen Füßen niedergehen sah, sagte ich mir, das ist der Moment zur Flucht“, sagt Sébastien. Draußen habe er dann auch seinen Freund Jeff wieder getroffen. Was aus der schwangeren Frau geworden sei, habe er lange Zeit nicht gewusst.

          Mittlerweile ist klar: Auch sie hat überlebt. Und auch sie wusste nicht, wer ihr Retter war. Über den Twitter-Account eines Freundes bat sie um Hilfe bei der Suche nach ihrem Retter, denn sie hatte in der Panik nicht einmal Zeit gehabt, sich zu bedanken.

          Mehr als 2000 Menschen halfen bei der Verbreitung des Aufrufs im Netzwerk und sie hatten Erfolg. Wie die Zeitung „La Provence“ berichtet, haben sich Retter und Gerettete mittlerweile wieder getroffen. Der Frau gehe es gut, heißt es da, und ihrem Baby auch.

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