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Anmerkungen zum Muttertag : Lasst die Mütter einfach machen!

Szene aus einem Frankfurter Park: Reizt es Sie, diese Situation zu kommentieren? Bild: dpa

Wünsche an ihr Kind hat unsere Autorin zum Muttertag keine. Sie hält ihn aber für eine gute Gelegenheit, um als Mutter ein paar Wünsche an die Gesellschaft loszuwerden.

          Ich habe zum Muttertag keine Wünsche an mein Kind. Ich brauche keine Blumen, Pralinen oder selbstgemalten Bilder. Dass ich von meinem Kind wertgeschätzt werde, das merke ich – ganz oft im Jahr und auf ganz unterschiedliche liebevolle Weise. Das machen wir untereinander aus. Dafür brauchen wir beide kein festes Datum. So weit, so sehr Privatsache.

          Lucia Schmidt

          Redakteurin im Ressort „Leben“ der Frankfurter Allgemeinen Sonntagszeitung.

          Ganz offiziell aber haben wir als Gesellschaft festgelegt, dass der zweite Sonntag im Mai dazu genutzt werden soll, Müttern dafür zu danken, was sie jeden Tag leisten. Die Gemeinschaft will anerkennen, was für eine wichtige Aufgabe und Verantwortung es ist, Kinder auf dem Weg des Wachsens und Entdeckens zu begleiten und ihnen mit aller Kraft und Liebe das mitzugeben, was sie brauchen, um später sicher auf eigenen Beinen zu stehen. Wenn wir also den Muttertag schon haben, dann ist er eine gute Gelegenheit, um als Mutter ein paar Wünsche an die Gesellschaft loszuwerden. Der wichtigste davon: Lasst uns bitte einfach machen! Ungefragter Rat zu jeder Zeit an jedem Ort macht Mütter wahnsinnig. Vertraut darauf, dass Mütter – von ein paar sehr traurigen und zutiefst erschreckenden Beispielen abgesehen – mit allem, was sie haben und können, nur das Beste für ihr Kind wollen.

          Was ich meine, das sind Situationen wie diese: Betrete ich mit meinem zweijährigen Sohn ein Geschäft und er hat einen Schnuller im Mund, dauert es nicht lange, bis jemand vom Verkaufspersonal sich über den Tresen beugt und sagt: „Was, so groß und noch ein Schnuller im Mund? Das geht aber nicht.“

          Ich würde dann gern erwidern: „Danach habe ich nicht gefragt, ich würde aber durchaus einen Kringel Fleischwurst und ein paar Brötchen kaufen.“

          Gesagt habe ich das bisher noch nicht. Dazu waren meine Schlagfertigkeit und meine Lust, die Situation vor meinem Sohn eskalieren zu lassen, nicht groß genug. Ärgern tue ich mich darüber trotzdem immens – jedes Mal.

          An dieser Stelle, der Genderdebatte zu Ehren: Väter erleben das sicher auch, aber laut einer Umfrage im Bekanntenkreis, die natürlich keiner Statistik standhält, widerfährt es ihnen nicht in diesem Maße und nicht so vorwurfsvoll. Bei ihnen schwingt eher mit: „Ach, wie schön, der moderne Vater ist mit Kind unterwegs; dass da mal was nicht so rundläuft, sei ihm verziehen!“

          Kindererziehung ist kein öffentliches Gut

          Auch wenn Hillary Clinton das angebliche afrikanische Sprichwort „It takes a village to raise a child“ (Um ein Kind großzuziehen, braucht es ein ganzes Dorf) bekanntgemacht hat: Muttersein ist kein öffentliches Gut. Wir laufen nicht mit unseren zumeist kleinen Kindern durch die Gegend, damit andere, fremde Menschen sich daran abarbeiten können. Sicher sind wir dankbar für Unterstützung und Rat, aber ebenda, wo wir ihn erbeten – vorwiegend von vertrauten Menschen.

          In dem Moment, in dem man Mutter wird – nein, eigentlich schon in dem Moment, in dem sich deutlich ein Schwangerschaftsbauch zeigt –, werden alle gesellschaftlichen Absprachen über Bord geworfen. Für den Umgang mit (werdenden) Müttern gelten irgendwie andere Regeln. Da dürfen runde Bäuche ungefragt angefasst und ohne Hemmung als zu klein oder zu groß taxiert werden. Die körperlichen Merkmale einer Frau öffentlich mit Sätzen wie „Du hast aber eine kleine Brust und übrigens nicht den Hauch einer Taille“ zu kommentieren ist normalerweise undenkbar; es gehört sich nicht. Bei werdenden Müttern und solchen, die gerade oder vor kurzem entbunden haben, hingegen gilt diese Konvention nicht.

          Hat jemand offene Schuhsenkel oder den Rucksack nicht richtig verschlossen, sind viele zu gleichgültig, ihn auf die missliche Lage aufmerksam zu machen. Schreit aber ein Säugling im Kinderwagen, rutscht dem Baby die Mütze ins Gesicht oder hat ein Kleinkind Erdbeereis um den Mund, dauert es nicht lange, bis irgendjemand das kommentiert und mit einem klitzekleinen Hinweis an die Mutter versieht. Die Wahrscheinlichkeit, dass diese bereits gemerkt hat, dass ihr Kind brüllt oder klebrige Wangen hat, ist ziemlich groß.

          Bevor mich nun wutentbrannte Briefe erreichen, in denen steht, dass hinter derlei Verhalten doch sicher kein böser Wille der Fleischfachverkäuferin oder der älteren Dame an der Bushaltestelle stecke, direkt eine Klarstellung: Das weiß ich – beziehungsweise, ich hoffe es sehr, jedes Mal, wenn es mir passiert. Kinder rufen Emotionen hervor. Dafür hat die Natur das Kindchenschema in allen seinen Facetten vom Schreien bis zu den Kulleraugen eingerichtet. Es funktioniert gut. Und ja, vermutlich wollen die meisten mit ihrer Intervention zeigen: Ich nehme das Kind wahr. Ich freue mich über Kinder in der Gesellschaft. Ich weiß, wie es ist, wenn man mit aller Kraft versucht, ein weinendes Kind zu beruhigen.

          Aber ganz ehrlich, mal ein Hinweis von einer Mutter: Dann sagt das doch einfach genau so (wenn überhaupt etwas gesagt werden muss). Geht man so auf Mütter zu, fühlen sie sich nämlich wertgeschätzt und nicht angegriffen. Fragt den Zweijährigen am Obststand doch einfach: Magst du helfen, die Erdbeeren abzuwiegen? Dann fühlt auch er sich gesehen, nimmt vermutlich sogar den Schnuller raus und antwortet.

          Will man Müttern (und ihren Kindern) Respekt und Anerkennung schenken, dann braucht man als Gesellschaft dafür keinen Muttertag. Dafür gibt es mit den richtigen Worten viele Momente im Alltag.

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