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Angst vor Terrorismus : Es kann auch mich treffen

Münster nach der Amokfahrt: Absolute Sicherheit gibt es nicht. Bild: dpa

Junge Menschen in Europa fürchten sich vor allem vor Anschlägen. Dabei ist das Risiko, etwa bei einem Autounfall zu sterben, weit höher. Was steckt dahinter?

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          Absolute Sicherheit gibt es nicht. Wir sind weder vor Terroranschlägen noch vor Amokfahrten wie der in Münster geschützt. Obwohl das Leben in Deutschland so sicher ist wie nie, haben viele Menschen Angst vor solch willkürlich erscheinenden Angriffen. Das bestätigt die neue Jugendstudie, die im Auftrag der Tui-Stiftung vom Meinungsinstitut YouGov durchgeführt wurde und erhoben hat, wie junge Menschen in Europa zur EU stehen. Dafür wurden 6080 Menschen zwischen 16 und 26 Jahren aus sieben Ländern der Europäischen Union – Deutschland, Frankreich, Spanien, Italien, Großbritannien, Polen und Griechenland – online befragt.

          Johanna Dürrholz
          (jdhz.), Gesellschaft, Leben

          Als ein Ergebnis dieser Studie stellte sich heraus, dass für viele junge Menschen die Terrorbekämpfung das wichtigste Ziel der EU sein sollte (44 Prozent). 34 Prozent empfinden den Klimaschutz als besonders wichtige Aufgabe der EU und 33 Prozent die Regulierung von Einwanderung (Mehrfach-Antworten waren möglich).

          Zweifelsohne ist die Terrorbekämpfung bedeutsam. Betrachtet man allerdings Statistiken, so wird schnell deutlich, dass es hierzulande sehr viel wahrscheinlicher ist, bei einem Autounfall zu sterben als bei einem Terroranschlag. Im Jahr 2017 kamen 3177 Deutsche bei Verkehrsunfällen ums Leben. Und selbst 2016, dem für Deutschland bisher schlimmsten Terrorjahr, sind gerade einmal 26 Deutsche durch einen Terroranschlag ums Leben gekommen. Woher also rührt diese Angst?

          Der Risikoforscher Ortwin Renn, Direktor am Institut für transformative Nachhaltigkeitsforschung, sagt: „Zum einen gibt es den Sensationsaspekt. Ein Terrorangriff oder ein Amoklauf ist immer etwas Außergewöhnliches. Solche Dinge beschäftigen die Menschen. Und je mehr man sich mit etwas beschäftigt, desto wahrscheinlicher erscheint es einem.“ Als zweiten Aspekt, der die Ängste der Menschen beeinflusst, nennt Renn die Identifikation mit den Opfern. Man könne sich selbst vorstellen, Opfer eines Anschlags zu sein, da gerade bei islamistischen Anschlägen die Opfer zufällig seien. „Es kann auch mich treffen“ - diese Annahme verstärke die Angst.

          Freiheit ist eine Herausforderung

          Darüber hinaus leben wir in einer Medienlandschaft, die darauf ausgelegt ist, dass über jedes Ereignis sofort global berichtet werden kann. Diese Aktualität kann zu der Annahme führen, dass heute mehr passiert als früher, glaubt Renn. „Aber es interessiert die Menschen natürlich auch besonders, darum berichten die Medien erst darüber.“ Und von den digitalen Medien lassen sich gerade junge Menschen besonders stark bespielen.

          Gibt es für die Generation, die mit wiederkehrenden Terroranschlägen als alltäglicher Gefahrenquelle groß geworden ist, mehr Anlass, sich vor Terroranschlägen zu fürchten? Das glaubt Renn eigentlich nicht. „Da muss man vorsichtig sein. Es gab auch früher schon Terror“, erinnert der Risikoforscher. Der islamistische Terror und seine Motive seien jedoch besonders schwer nachzuvollziehen. Renn glaubt aber nicht, dass junge Menschen per se mehr Angst haben, im Gegenteil: Eher die älteren Menschen hätten Angst vor islamistischem Terror und angeblicher Überfremdung. „Die jungen Menschen sind da in der Regel offener.“

          Aber: Das Risiko, einen Herzinfarkt oder Schlaganfall zu erleiden, sei bei den meisten jungen Menschen natürlich viel geringer als bei den älteren Mitbürgern. Wenn man also als junge, gesunde Person vor etwas Angst hat, dann vielleicht vor Terror – gerade weil die Anschläge auch den Alltag berühren, auf Konzerten oder in Cafés stattgefunden haben, also an Orten, an denen sich junge Menschen täglich aufhalten.

          „Wir haben die Menschen gefragt, ob sie glauben, dass das Leben riskanter geworden ist – und 70 Prozent antworteten mit Ja“, sagt Renn. Und dieses subjektive Gefühl rührt seiner Meinung nach noch von einer anderen Verunsicherung her, die möglicherweise viel tiefer sitzt: dem Gefühl der fehlenden Grundsicherung. „Wenn ich früher eine Ausbildung bei der Post gemacht habe, wusste ich schon genau, wann ich wie viel Rente bekomme.“ Diese Sicherheit gebe es heute nicht mehr. Die Menschen waren zwar früher bei weitem nicht so gesund wie heute, doch der Lebensweg war den meisten vorgezeichnet. Das engte zwar ein, gab aber auch Halt. Je freier wir leben, desto mehr Ängste und Unsicherheiten müssen wir also möglicherweise in Kauf nehmen. Freiheit war und ist, so viel ist sicher, eine Herausforderung.

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