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Enge Vertraute ihrer Tochter: Herlind Kasner Bild: Picture-Alliance

Herlind Kasner gestorben : Angela Merkels emotionale Anlaufstelle

  • -Aktualisiert am

Herlind Kasner ist im Alter von 90 Jahren gestorben. Ihre Tochter, Kanzlerin Angela Merkel, sagte im Rückblick einmal, jeden Tag nach der Schule habe sie mit ihrer Mutter ein bis zwei Stunden gesprochen.

          Es ist offenbar keine ganz ungewöhnliche Rollenverteilung gewesen zwischen den Eltern von Bundeskanzlerin Angela Merkel. Der Vater Horst Kasner, so sagte Merkel einem ihrer Biographen, sei hinzugezogen worden, wenn es um „brenzlige Sachen“ gegangen sei. Die Mutter, Herlind Kasner, sei die emotionale Anlaufstelle für sie und ihre Geschwister gewesen und habe sich um die Dinge des Alltags gekümmert. Als klassische Arbeitsteilung beschrieb Merkel das der Darstellung ihres Biographen zufolge. Der Vater starb bereits im September 2011 im Alter von 85 Jahren. Nun ist auch Merkels Mutter, Herlind Kasner, gestorben. Das Bundespresseamt teilte keine Einzelheiten mit. Es gibt jedoch Hinweise, dass sie bereits Anfang des Monats starb. Sie ist 90 Jahre alt geworden.

          Eckart Lohse

          Leiter der Parlamentsredaktion in Berlin.

          Herlind Kasner ging 1954, wenige Wochen nach der Geburt ihrer Tochter Angela, mit ihrem Mann, einem evangelischen Pfarrer, von Hamburg in die DDR. Während allein in den ersten Monaten des Jahres eine sechsstellige Zahl von DDR-Bürgern Richtung Westen zogen, wählten die Kasners den umgekehrten Weg. Horst Kasner soll dem Wunsch des Hamburger Bischofs Hans-Otto Wölber nachgekommen sein, dem Pfarrermangel in der DDR entgegenzuwirken. Schon bald zog die Familie ins brandenburgische Templin, wo Herlind Kasner fortan ihr Leben verbrachte. Die Mutter kümmerte sich zu Hause um die Kinder. Im Rückblick sagte Tochter Angela einmal, jeden Tag nach der Schule habe sie mit ihrer Mutter ein bis zwei Stunden gesprochen. „Ich bin meinen Eltern heute noch dankbar, dass wir zu Hause die Möglichkeit dazu hatten“, erzählte sie Anfang des Jahrtausends.

          Auch wenn nur wenige Details bekannt sind, entsteht doch der Eindruck, dass Mutter und Tochter ein enges Vertrauensverhältnis hatten. Die „Bild“-Zeitung weiß unter Berufung auf Bekannte der Familie zu berichten, dass beide Frauen häufig miteinander telefoniert hätten. In sehr seltenen Fällen tauchte die Mutter bei öffentlichen Terminen der Tochter auf. Als diese vor gut einem Jahr zum vierten Mal als Bundeskanzlerin vereidigt wurde, saß ihre Mutter auf der Zuschauertribüne im Bundestag. Im Februar dieses Jahres begleitete die Mutter ihre Tochter abermals bei einem öffentlichen Termin. Angela Merkel war zur Ehrenbürgerin der Stadt Templin ernannt worden.

          Herlind Kasner ließ sich auch in den wenigen Momenten öffentlichen Auftretens nicht verleiten, Details und Anekdoten aus ihrem Leben preiszugeben, das ja automatisch zum Privatleben der Bundeskanzlerin gehörte. 2008 erhielt sie in der saarländischen Landesvertretung in Berlin eine Ehrung als „Vorbild der Weiterbildung“. Sie war nur eine von fünf Preisträgern, aber selbstverständlich wurde ihr große mediale Aufmerksamkeit entgegengebracht. Nach der Ehrung fand eine Pressekonferenz statt, Reporter wollten wissen, wie es sei, Mutter der Bundeskanzlerin zu sein. Doch Herlind Kasner ließ sich nichts entlocken, sagte vielmehr, es gehe um die Sache, nicht um sie. So wurde die Episode damals beschrieben. Der Vorgang erinnert an den sparsamen Umgang Merkels mit Privatem gegenüber Medien.

          Herlind Kasner unterrichtete bis ins hohe Alter Englisch an der Volkshochschule in Templin. In der DDR hatte sie nicht als Englischlehrerin arbeiten dürfen. Als die DDR zusammenbrach, trat sie in die SPD ein, brachte es sogar bis zur Fraktionsvorsitzenden im Kreistag. Als die Tochter dann Kanzlerin mit einem CDU-Parteibuch wurde, verließ die Mutter die SPD.

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