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Andreas Gabalier : Gaudi, G’fühl und Rock’n’Roll

Alles begann mit einem vertonten Liebesgedicht: Gabalier profitiert vom Reputationsgewinn des Schlagers, für den Helene Fischer steht – nur dass er die Klischees ironisiert Bild: Wonge Bergmann

Bis vor kurzem war Andreas Gabalier nur so ein Volksmusiker aus Österreich. Inzwischen singt auch die Generation iPhone seine Songs . Der Bruch mit den Klischees hebt ihn ab von der zuckersüßen Schlagerwelt - und begeistert sogar einen deutschen Popstar.

          Andreas Gabalier sitzt ganz hinten in der Umkleidekabine auf einem schwarzen Ledersessel. Rechts und links stehen Holzbänke. Das Vereinsheim der Spielvereinigung 03 Neu-Isenburg ist kurzerhand zum Backstage-Bereich umfunktioniert worden. Draußen liegt ein dunkler Wolkenteppich über dem Stadion, es nieselt. In drei Stunden startet das Open-Air-Konzert. „Servus!“, sagt Gabalier und lacht zur Begrüßung. Seine Stimme tönt in dem kleinen Raum, als hätte jemand die Boxen auf maximale Lautstärke gestellt. Gabalier spricht unplugged: „Der Regen is’ völlig egal! Im Gegenteil, da rücken’s alle enger z’sammen. Und wenn’s nicht regnet, pinkeln dir zwanzig Leute ans Zelt.“ Er lacht kurz auf. „Von dem her: optimale Voraussetzungen.“

          Anke Schipp

          Redakteurin im Ressort „Leben“ der Frankfurter Allgemeinen Sonntagszeitung.

          Bis vor kurzem war Andreas Gabalier in Deutschland bekannt als jemand, der Österreicher ist, Lederhosen trägt und bei Carmen Nebel auftritt, einer, den man also getrost ignorieren konnte. Seit knapp zwei Monaten ist das anders. Seit dem Tag, als plötzlich Xavier Naidoo bei Gabalier anrief und fragte, ob er als fünfter Sänger bei der Vox-Sendung „Sing meinen Song – das Tauschkonzert“ mitmachen wolle. Gabalier sagte sofort zu, flog zehn Tage nach Südafrika und nahm an einer Sendung teil, die ohne Moderator, ohne Proben, ohne Publikum und ohne doppelten Boden konzipiert war. Fünf Sänger, eine Band und 60 Minuten Musiksession, in denen die Sänger gegenseitig ihre Lieder covern.

          Sieben Folgen lang saß er in Lederhosen zwischen Sarah Connor und Roger Cicero; zunächst wie ein Fremdkörper, dann ganz selbstverständlich, und schließlich wurde er der heimliche Star der Sendung. Seitdem sind fast alle Lieder von ihm in den deutschen Singlecharts und bei iTunes gelistet. Und seitdem hat Gabalier Fans, die lieber ihre Unterhosen bügeln würden, als im Fernsehen den „Musikantenstadl“ einzuschalten.

          Gabalier lehnt sich zurück. Zum Interview trägt er keine Lederhosen, sondern eine zerrissene Cargojeans, Lederjacke über dem Karohemd und Turnschuhe. „Die Sendung hat mir sehr viel bedeutet“, sagt er, „sie hat mich herausgebracht aus den Schubladen. Für euch Deutsche ist das so: Ihr seht eine Lederhose, eine Harmonika, einen Dialekt – und damit ist es Volksmusik. Viele wissen gar nicht, was ich so mache. Dafür war die Sendung gut, um a bisserl zu zeigen, was man so drauf hat.“

          Eine besondere Karriere

          Gabalier sieht auf der Bühne so schräg aus, dass man denken könnte, eine gewiefte Plattenfirma habe die Figur am Reißbrett entworfen: ein Sänger mit Lederhosen und Karohemd, mit einem Geweih als Mikrofon in der Hand, der aber gleichzeitig eine Frisur wie Elvis hat, Sonnenbrille trägt und auf der Bühne einen „Oarschwackler“ hinlegt, der die Mädchen in der ersten Reihe kreischen lässt. Musikalisch mäandert Gabalier zwischen Volksmusik, Schlager, Rock und Austro-Pop.

          Der „Volks-Rock-’n-Roller“ Andreas Gabalier auf der Bühne

          Er selbst formuliert es so: „Es passt nix wirklich.“ Deshalb gab sich der 29 Jahre alte ehemalige Jurastudent den Namen „Volks-Rock-’n’-Roller“ und erinnerte sich an das Lebensmotto seines Marketing-Professors an der Uni: „Erster zu sein ist besser, als besser sein.“ Und weil er schon mal was von Urheberrecht gehört hatte, ließ er sich den Namen „Volks-Rock-’n’-Roller“ schützen, bevor er wusste, dass mal 11000 Menschen zu seinen Konzerten kommen und er in seiner Heimat als die alpenländische Version von Justin Bieber gefeiert werden würde.

          Wenn man wissen möchte, was das für eine wundersame Karriere ist, die Gabalier da hingelegt hat, muss man mit Josef Adlmann sprechen, den backstage alle Sepp nennen. Er trägt an diesem Nachmittag eine königsblaue Goretex-Jacke und steht vor dem Neu-Isenburger Vereinsheim im Nieselregen. Der Steiermarker ist für die Promotion von Gabalier zuständig und hat in den vergangenen zwanzig Jahren schon viele Volksmusiker und Schlagersänger kommen und vor allem gehen sehen. „Es gibt viele Blender in dem Geschäft“, sagt er nüchtern. „Gabalier hat das Glück, dass das, was er macht, den Leuten gefällt. Viele Künstler machen das, was den Leuten gefallen könnte, und verbiegen sich. Das geht meistens schief.“ Adlmann hat auch alte Volksmusik-Hasen wie Andy Borg und Stefanie Hertel unter Vertrag, aber das Charisma von Gabalier, er macht eine Pause, „jo, das ist scho’ was B’sonderes“.

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