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Das große Fräsen : Zu viel Schnee am Timmelsjoch

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Die Timmelsjoch-Hochalpenstraße sollen eigentlich in einer Woche Autos entlang fahren – doch erstmal muss gefräst werden. Bild: Timmelsjoch-Hochalpenstraße AG

An der Timmelsjoch-Passstraße kämpfen Räumkommandos mit Schneemassen: Denn die wollen einfach nicht schmelzen. Nun müssen sie Schicht für Schicht von der Straße gefräst werden – und Urlauber wohl einen Umweg fahren.

          Der Winter ist noch einmal zurückgekehrt. In Deutschland mussten vielerorts sogar die Winterstiefel aus dem Keller geholt werden – in den Alpen verzögert sich die Öffnung der Passstraßen. In Tirol schwindet die Hoffnung, dass vom 25. Mai an wieder Autos über das 2509 Meter hohe Timmelsjoch fahren werden, das bei Urlaubern eine beliebte Route ist. „In den vergangenen Jahren haben wir diesen Termin immer halten können, und das war auch in diesem Jahr unser Ziel. Dafür müssten die Temperaturen aber deutlich ansteigen“, sagt Manfred Tschopfer, Vorstand der Timmelsjoch-Hochalpenstraße, die das Tiroler Ötztal mit dem Südtiroler Passeiertal verbindet.

          Während die Straßen am Reschenpass und am Brenner ganzjährig schneefrei gehalten werden, ist die Straße über das Timmelsjoch, die tiefste unvergletscherte Kerbe zwischen Reschenpass und Brenner, nur fünf Monate im Jahr geöffnet. Im Frühjahr müssen sie die Straße mit schwerem Gerät vom Schnee befreien, das wissen sie im Ötztal. Dabei hatten sie in diesem Jahr Glück – der viele Schnee auf der Nordseite der Alpen ist laut Tschopfer nur teilweise bis zum Alpenhauptkamm vorgedrungen. Dennoch türmt sich der Schnee an manchen Abschnitten der Passstraße, wie etwa den letzten Kehren vor der Passhöhe, bis zu zehn Meter hoch. Dort hat der Wind besonders viel Schnee herangetragen.

          Seit 23. April sind die Mitarbeiter der Timmelsjoch-Hochalpenstraße nun im Einsatz. Zwischen 200.000 und 300.000 Kubikmeter Schnee müssen sie allein auf österreichischer Seite von der Straße schaffen. Das würde fast 40.000 Lastwagen-Ladungen entsprechen, rechnet Tschopfer vor. Mit einem gewöhnlichen Schneepflug ist bei dem gepressten, harten Schnee nichts zu machen. Weil so viel Schnee nirgendwo abgeladen werden kann und weil diese Massen nicht einfach von der Straße geschoben werden können, wird er Schicht für Schicht mit PS-starken Maschinen von der Straße gefräst und auf die Seite geschleudert. „Mit schwachem Gerät ist da nichts zu machen“, sagt Tschopfer. Neben zwei Straßen-Schneefräsen mit 300 PS kommt dabei auch Österreichs größte und leistungsstärkste Fräse zum Einsatz. Sie wird von einem 400 PS starken und 16 Tonnen schweren Radlader bewegt. Allein der Fräsenaufbau wiegt vier Tonnen. Er schafft Schneehöhen von mehr als anderthalb Metern, auf einer Breite von fast drei Metern.

          Gearbeitet wird auf beiden Seiten

          Aber die Arbeiten gehen nur schleppend voran. Nicht weil der Winter mehr Schnee gebracht habe als andere, sagt Tschopfer. Sondern: „Der Schnee schmilzt einfach nicht.“ Stattdessen hat es am Wochenende im hinteren Ötztal sogar noch einmal geschneit, es kamen noch einige Zentimeter Neuschnee oben drauf. „Momentan haben wir außergewöhnlich schlechte Wetterverhältnisse. Wir kommen nur langsam voran mit den Räumarbeiten. Bei gutem Wetter wären wir jetzt schon fast fertig.“

          Der Vorstand der Timmelsjoch-Hochalpenstraße hofft auf einen Temperaturanstieg – und kennt die Gefahren, die damit verbunden sind. In dem steilen Gelände ist dann mit Nassschneelawinen zu rechnen. Vor 30 Jahren wurde eine der Schneefräsen von einer Lawine umgeworfen. Und vor wenigen Tagen hat eine Lawine bei dem abgestellten Dienstfahrzeug, mit dem die Räumarbeiter zu den Fräsen hinaufgefahren werden, die Windschutzscheibe eingedrückt.

          Um die Timmelsjoch-Hochalpenstraße, die im Juli 1959 auf Tiroler Seite und 1968 auf Südtiroler Seite fertiggestellt wurde, so schnell wie möglich öffnen zu können, wird auf den letzten Metern auch Nachbarschaftshilfe nötig sein. Ob Ötztaler oder Passeirer – wer als erster die Passhöhe erreicht, die gleichzeitig Landesgrenze zwischen Österreich und Italien ist, räumt auf der anderen Seite weiter. „Wir wollen gemeinsam die Straße soweit bekommen, dass wir sie schnell öffnen können“, sagt Tschopfer. Gelebtes Europa!

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