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Trumps Verbot im Alltag : Muslime in Amerika: Rein, raus, rein

  • -Aktualisiert am

„This land is your land, this land is my land“

Während Dunja Navid fast 21 Stunden auf einem ungemütlichen Stuhl im Transitbereich saß, versammelten sich Tausende Demonstranten an den großen Flughäfen und sangen: „This land is your land, this land is my land.“ Dann gab es gute Nachrichten: In New York hatte eine Bundesrichterin entschieden, dass Muslime reingelassen werden müssen, wenn sie eine Greencard oder eine andere offizielle Einreiseerlaubnis besitzen. Als er das hörte, stieg Alin Farhadi alleine ins Auto, um seine Schwiegermutter endlich abzuholen. „Es war einfach wunderbar“, erzählt er am Telefon. „Wir haben beide geweint. Sie in meinen Armen zu halten und zu wissen, sie wird bei der Geburt dabei sein, das war überwältigend.“ Noch am selben Tag durfte Jasmin Farhadi das Krankenhaus verlassen. Der Schwangeren und dem Baby geht es so weit gut.

Insgesamt 60.000 Menschen, schätzte das amerikanische Außenministerium, durften die Vereinigten Staaten nicht betreten, obwohl sie ein gültiges Visum hatten. Eine Woche später, nach deutscher Zeit am frühen Samstagmorgen, kam die Wende. Das Einreiseverbot wurde ausgesetzt. Ein Bundesrichter im Staat Washington hatte Trumps Dekret für verfassungswidrig erklärt, mit der Begründung, es richte sich gegen Muslime. Nach der einstweiligen Verfügung aus Washington sind gewährte Visa wieder gültig – aber niemand weiß, wie lange noch. „Lächerlich“ nannte Trump diese Entscheidung anfangs, im Laufe des Samstages räumte das amerikanische Außenministerium ein: Das Verbot sei offiziell ausgesetzt.

Das Weiße Haus kündigte daraufhin an, die Entscheidung anzufechten. Ein Berufungsgericht lehnte in der Nacht zum Sonntag die Wiedereinsetzung des Einreiseverbots ab. Trump attackierte daraufhin abermals die Justiz und ordnete strengere Personenkontrollen an. Auf Twitter schrieb er am Sonntag: „Ich habe den Heimatschutz angewiesen, die in unser Land kommenden Menschen sehr sorgfältig zu überprüfen. Die Gerichte erschweren die Arbeit sehr.“

Anfechten per Eilantrag

American Airlines hat die Warnhinweise erst mal von ihrer Homepage gelöscht, auch andere Fluggesellschaften lassen Passagiere der betroffenen Länder wieder an Bord, so ist es mit der Grenzschutzbehörde abgesprochen. All jene Menschen aus den genannten muslimischen Ländern, die jetzt doch nach Amerika fliegen, wissen trotzdem nicht, was sie an ihrem Ziel erwartet.

Ebenfalls unklar ist, wie das Hin und Her in die Praxis umgesetzt wird. So ist eine junge Halbiranerin immer noch unterwegs, obwohl sie mit ihrem zweiten, europäischen Pass offiziell seit Dienstag einreisen darf. Ihr altes Leben hat sie vor mehr als einer Woche aufgegeben, um in den Vereinigten Staaten ihren Traumjob zu beginnen. Zweimal wurde sie bereits zurückgeschickt in die Stadt, in der sie nicht einmal mehr eine Wohnung hat. Nun probiert sie es zum dritten Mal. Ob es diesmal klappt, bleibt ungewiss. Bis dahin will sie, dass ihr Name und die Details ihrer Geschichte anonym bleiben.

Die Angst vieler Muslime wächst

Die Angst vieler Muslime wächst, selbst wenn sie in die Vereinigten Staaten gelassen worden sind oder seit Jahren dort leben. Zweieinhalb Wochen ist Trump nun Präsident, es folgen mindestens vier Jahre im Amt – die unsicheren Zeiten haben gerade erst begonnen.

Auch bei den Farhadis ist die Freude auf das Baby getrübt. Darüber, was sie am Flughafen erlebt hat, spricht Dunja Navid kaum. Sie will ihre Tochter nicht noch mehr belasten, da sie und ihr Mann sich ohnehin viele Sorgen machen, gerade weil sie bald zu dritt sein werden. „Unschuldige Leute werden wie Kriminelle behandelt“, sagt Alin Farhadi. „Dass so etwas in einem Land wie den Vereinigten Staaten möglich ist, hätte ich mir nicht vorstellen können. Ich bin traurig und enttäuscht.“ Außerdem ist da noch immer die Befürchtung, dass Dunja Navid und die anderen Familienmitglieder aus Iran in Zukunft nicht mehr zu Besuch kommen können.

Deshalb denkt er darüber nach, mit seiner Frau die Vereinigten Staaten zu verlassen und nach Australien zurückzukehren, wo sie vorher gelebt haben. Doch mit einem Neugeborenen werden sie nicht fliegen können. Das ist auch der Grund, warum die Familie Farhadi ihren richtigen Namen nicht in der Zeitung lesen möchte: „Noch sind wir hier und haben Angst, noch mehr Probleme zu bekommen.“

*Namen geändert

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