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„Buzzfeed News“-Recherche : Amerikanischer Pilot soll hinter „Fake News“-Netzwerk stehen

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Irgendwann fliegt die Lüge auf, manchmal geht es schnell: Steve Arrison arbeitet im Touristenbüro von Hot Springs, Arkansas, knapp 40.000 Menschen leben dort. Er ist dafür verantwortlich, Touristen in die Stadt zu locken. Im März sah es so aus, als hätte er einen Hauptgewinn für die Vermarktung des Ortes gezogen: „Clint Eastwood zieht nach Hot Springs, Arkansas”, hieß es im Netz, die Menschen in Hot Springs teilten den Beitrag wie verrückt in sozialen Netzwerken. „Ich habe dann ein bisschen im Internet recherchiert und habe gesehen, dass auf derselben Webseite berichtet wurde, dass Katy Perry in einen Ort nach Texas zieht. Da haben bei mir die Alarmglocken geläutet“, sagte Arrison zu „Buzzfeed“.

„Buzzfeed“ folgt dem Geld

Wer aber steckt hinter diesen Seiten? Im Impressum findet man keine Namen oder Unternehmen. Wer die Domain registriert hat, ist nicht öffentlich einsehbar. Buzzfeed ist deswegen „dem Geld gefolgt“, wie es in dem Artikel etwas großspurig in Anlehnung an die Aufdeckung des „Watergate“-Skandals heißt, und hat herausgefunden, dass viele der Seiten unter derselben „Google AdSense ID“ laufen. Das heißt: Das Geld, das mit Werbung auf diesen Seiten verdient wird, wird auf dasselbe Konto überwiesen.

Und die ID wurde auch auf anderen Seiten, zum Beispiel  JenniferLoveHewittPics.com und KimKardashianPics.com, verwendet. Und diese Seiten waren auf einen echten, öffentlich einsehbaren Namen registriert. Die Reporter von „Buzzfeed“ stießen so auf einen Piloten, Mitte 30, der für eine Fluglinie im kalifornischen San Luis Obispo arbeitet. Auf Anfragen, ob er der Mann hinter „dem größten nichtstaatlichen Fake-News-Unternehmen der Welt“ ist, reagierte der Pilot abweisend oder gar nicht. Als ihn die „Buzzfeed“-Reporter Zuhause besuchten, drohte er ihnen, ihre Kamera zu zerstören.

Nach Kritik : Facebook sagt „Fake News“ den Kampf an

Unterdessen sollen mindestens 20 Webseiten noch online sein, auf denen in immer neuen Varianten versucht wird, mit der Kombination aus prominenten Namen und Ortsnamen lokale Viralhits zu erzeugen. Mal hat sich ein Prominenter angeblich über Frauen aus einem bestimmten Ort geäußert, mal soll ein anderer Star irgendwo einen Platten gehabt habe. Insgesamt elf Falschmeldung gab es über Justin Bieber, der demnach in verschiedenen Orten „Riesenkirchen“ bauen wollte. Und das Geld, das Unternehmen für Werbung auf den Seiten bezahlen, wird weiter über denselben „Google AdSense“-Account abgerechnet.

Facebook und Google helfen nicht

Wieder mal keine Hilfe im Kampf gegen die „Fake News“ war das Unternehmen, über dessen Plattform Geld mit ihnen verdient wird: Google gibt grundsätzlich keine Auskunft darüber, auf welchen Namen eine „AdSense-ID“ läuft. Auch Facebook kündigte erst am Donnerstag Maßnahmen gegen Falschmeldungen an, die zunächst in den Vereinigten Staaten umgesetzt werden sollen. Dabei ist der Wahlkampf jetzt vorbei und die Plattform verhinderte nicht, dass währenddessen Falschmeldungen über Facebook viral gingen: Die 20 „Fake-Stories“ über Clinton oder Trump, die sich am stärksten viral verbreiteten, wurden in dem sozialen Netzwerk laut „Buzzfeed“ insgesamt über 8,7 Millionen Mal geteilt, geliked und kommentiert. Die 20 erfolgreichsten Artikel von renommierten Zeitungen wie der „New York Times“ oder „Washington Post“ kamen nur auf gut 7,3 Millionen Interaktionen.

Der SPD-Fraktionschef im Bundestag, Thomas Oppermann, will Facebook jetzt in die Verantwortung nehmen: Er forderte im „Spiegel“, dass „marktbeherrschende Plattformen“ wie Facebook gesetzlich verpflichtet werden, auf deutschem Boden eine an 365 Tagen rund um die Uhr erreichbare Rechtsschutzstelle einrichten müssen. Dort könnten sich Opfer von Hass, Häme – aber auch von gefälschten Nachrichten – melden. „Wenn Facebook nach entsprechender Prüfung die betroffene Meldung nicht unverzüglich binnen 24 Stunden löscht, muss Facebook mit empfindlichen Bußgeldern bis zu 500.000 Euro rechnen“, sagte Oppermann.

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