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Amerika : Kannibalische Kolonisten

  • -Aktualisiert am

Wirklichkeit und Vorstellung: Das Schädelfragment weist Kerben auf; der rekonstruierte Kopf zeigt, dass es sich um ein Mädchen gehandelt haben muss. Bild: AFP

Am Schädel eines vierzehnjährigen Mädchens haben Forscher nachgewiesen, dass die ersten englischen Einwanderer in Nordamerika das Fleisch von Leichen aßen. In der Hungerzeit des Winters 1609 und 1610 wurden sie zu Kannibalen.

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          Die Bewohner von Jamestown, der ersten englischen Siedlung in Nordamerika, sollen ihre Toten verspeist haben. Nach jahrzehntelangen Spekulationen über Kannibalismus unter Kolonisten haben amerikanische Wissenschaftler jetzt erstmals nachgewiesen, dass die Einwanderer während der sogenannten Hungerzeit des Winters 1609 und 1610 auch das Fleisch von Leichen aßen.

          Der Fund eines vier Jahrhunderte alten Schädels einer Vierzehnjährigen, den Forscher des Naturhistorischen Museums des Washingtoner Smithsonian und Archäologen des Entdeckungsprojekts Jamestown in Virginia fanden, bot im vergangenen Sommer erste Anhaltspunkte. Ungewöhnliche Schnitte deuteten darauf hin, dass die Knochen der „Jane aus Jamestown“ zerlegt wurden, um ihr Fleisch zu verzehren. „Wir konnten Einschnitte und Kerben an Stirn und Hinterkopf nachweisen. Zudem fanden wir an der linken Seite des Schädels ein Loch, das angelegt wurde, um das Hirn herauszunehmen.  Es sollte gegessen werden, da sich die Menschen damals in einer verzweifelten Lage befanden“, sagte Douglas Owsley, ein forensischer Anthropologe des Smithsonian, bei der Vorstellung der Ergebnisse am Donnerstag. Einige Anführer der Kolonisten hatten schon in ihren Aufzeichnungen von Kannibalismus berichtet.

          Einschnitte und Kerben an diesem Schädel sind für die Forscher eindeutige Hinweise auf Kannibalismus.

          Unter anderen beschrieb der bekannteste Präsident der Kolonie, John Smith, wie ein Bewohner seine schwangere Ehefrau tötete, salzte und verzehrte. „Von dem Gericht ,Eingelegte Ehefrau‘ hatte ich bis dahin noch nicht gehört“, hielt Smith Anfang des 17. Jahrhunderts fest. Laut Owsley konnten die Schilderungen aber nicht durch Knochenfunde belegt werden, bis Jane unter den Resten des historischen Fort James entdeckt wurde. Da es auch in Hungerzeiten als Tabu galt, Menschen zum Verzehr zu töten, nimmt der Anthropologe an, dass das Mädchen eines natürlichen Todes starb und später aus dem Grab geholt wurde.

          Die Kolonie Virginia wurde im Mai 1607 durch die Londoner Virginia Company gegründet. Damals ließen sich britische Unternehmerfamilien am James River etwa 60 Kilometer von der Atlantik-Küste entfernt nieder. Nach Auseinandersetzungen mit Indianern und dem Kentern der Versorgungsschiffe mussten sie den Winter ohne die erwarteten Vorräte überstehen. In Jamestown verhungerten damals fast 440 der etwa 500 Einwohner.

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