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Ambitionierte Spielplätze : Fragt die Kinder endlich, was sie wollen!

Keine Moschee, sondern der Spielplatz „Ali Baba und die 40 Räuber“. Bild: dpa

Ein Sandkasten mit Bank daneben? Das war gestern. Heute werden Spielplätze auf die Bedürfnisse der Kinder zugeschnitten. Das heißt auch: Die Gerüste dürfen nicht zu sicher sein.

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          Es war Anfang November des vergangenen Jahres, der neue Spielplatz gleich hinter dem S-Bahnhof in Berlin-Neukölln war noch nicht mal eröffnet. Da wüteten schon Rechte und so mancher Konservative im Netz. Von einem Skandal war die Rede, von der „Islamisierung“ deutscher Spielplätze. Objekt des Anstoßes: der hölzerne Kuppelbau im Zentrum des Spielplatzes. Denn der trug auf seiner Spitze einen gelben Halbmond – sollte das etwa eine Moschee sein?

          Anna-Sophia Lang
          Redakteurin in der Rhein-Main-Zeitung.

          Wer nicht gleich losgebrüllt, sondern einmal genau hingeguckt hätte, der hätte herausgefunden, dass es sich bei dem neuen Spielplatz nicht um religiöse Infiltrierung, sondern um ein Vorzeigeprojekt handelt. Der Kuppelbau stellte nämlich keine Moschee dar, sondern eine orientalische Burg aus dem Märchen „Ali Baba und die 40 Räuber“. Sie sollte ein Kletterhaus für die Kinder sein; auch eine Schatzkiste, ein fliegender Teppich, und Palmen aus Holz gehören zum Konzept. Der Neuköllner Spielplatz sollte ein Märchen-Themenspielplatz werden. Gewünscht hatten sich das die Kinder aus der Kita um die Ecke. Sie waren vorher wie viele Menschen aus der Nachbarschaft vom Grünflächenamt des Bezirks befragt worden. Die Behörde wollte den Platz dringend umbauen, weil er nach vielen Jahren völlig heruntergekommen war und nur noch aus einem Bolzplatz und einem klapprigen Klettergerüst bestand. Ein vorbildliches Projekt also – in jeder Hinsicht.

          Das Recht auf Spiel immer wieder missachtet

          Denn schon 2016 warnte das „Bündnis Recht auf Spiel“, ein Netzwerk von Stadtplanern, Wissenschaftlern, Wirtschaft und Kommunen, dass seit Jahrzehnten bestehende Spielflächen zurückgebaut und damit Kinder aus dem öffentlichen Raum verdrängt würden. Vor allem in Städten würden freie Räume, auch Parks, häufiger gewinnbringend verkauft und bebaut – selbst dann, wenn sie im Bebauungsplan eigentlich als Spielfläche eingetragen sind. Dabei ist das Recht von Kindern auf Spiel sogar in Artikel 31 der UN-Kinderrechtskonvention verankert.

          Das immer wieder zu betonen, ist auch Jobst Seeger wichtig. Der Landschaftsarchitekt aus der Nähe von Frankfurt baut seit 18 Jahren Spielplätze. Im Lauf der Jahre hat er gemerkt, dass die öffentlichen Spielplätze von heute stärker an die Bedürfnisse der Kinder angepasst sind – immer beschränkt durch die Budgets der Städte und Gemeinden natürlich. Trotzdem: „Früher wurden sie eher aus dem Katalog zusammengestellt.“ So wie bei der Entwicklung der Neuköllner Kita die Wünsche der Kinder berücksichtigt wurden, findet es Seeger wichtig, dass Eltern und Kinder an der Planung beteiligt werden. Und: Es kann helfen, sich immer wieder in die Kinder hineinzuversetzen, glaubt er. Sich zum Beispiel einmal auf die Augenhöhe von Vierjährigen zu bewegen und dann festzustellen, wie hoch ein Gerüst oder wie breit ein Spalt dann plötzlich wirken kann.

          Am wichtigsten ist ihm aber, dass die Kinder auf dem Spielplatz Phantasie und Kreativität frei ausleben können. Das bedeutet: Es sollte nicht nur vielfältige Spielgeräte geben, sondern auch solche, die nicht vorgeben, was damit gemacht wird. Die Kinder sollen so mental und körperlich herausgefordert werden. „Ein Spielplatz muss zum Spielen animieren, und zwar zum langen Spielen“, sagt Seeger. Spielen heißt auch: sich bewegen. Ein Thema, dem immer mehr Rechnung getragen wird.

          „Sie sind ein Trainingsgelände, gerade für Stadtkinder“

          Entscheidend ist immer, dass die Kinder selbst mit den Geräten klarkommen, nicht von den Eltern hochgehoben oder entlanggeführt werden. Sie sollen sich den Raum selbst erobern. Genau deshalb sind Spielplätze in Seegers Augen so essentiell. „Sie sind ein Trainingsgelände, gerade für Stadtkinder. Hier sammeln sie ihre Umwelterfahrungen, lernen Koordination, entwickeln motorische Fähigkeiten. Bewegung ist für das Gesamtkonzept Körper extrem wichtig.“ Wie hoch kann ich klettern? Wie weit kann ich springen? Wie viel Kraft hat mein Körper? Auf dem Spielplatz testen Kinder auch ihre Grenzen aus. Sie lernen, sich selbst einzuschätzen, entwickeln sich aber auch weiter und gewinnen Selbstbewusstsein. Deshalb gehört es auch dazu, dass mal etwas nicht klappt. „In der Europäischen Spielplatznorm ist auch vorgegeben, dass man sich mal weh tut“, sagt Seeger, „denn es ist ja so: Beim ersten mal fällt man auf die Nase, beim zweiten Mal auf die Hände und beim dritten Mal gar nicht mehr.“ Der Spielplatz als Vorbereitung auf das spätere Leben, so sieht es Seeger: „Da läuft auch nicht alles glatt.“

          Einen Trend beobachtet er deshalb mit Sorge. Bei Eltern habe ein gewisser Kulturwandel stattgefunden. Der habe dazu geführt, dass bei immer mehr Spielplätzen die Sicherheit ein sehr großes Bedürfnis ist: kleinere Spaltbreiten, niedrigere Höhen, mehr Fallschutz. „Wenn wir aber Spielplätze bauen, die vor allem sicher sind, fordern sie die Kinder nicht mehr heraus, und sie lernen weniger.“

          In Wohnanlagen privater Bauherren, sagt Seeger, komme die Spielraumplanung oft komplett zu kurz. „Spielplatz“ heiße dann meistens nur, dass ein Sandkasten mit einer Bank daneben gebaut wird. Umso größer wiegt die Verantwortung der Kommunen. „Politisch sind Spielplätze leider allzu oft eine leichte Einsparung. Aber wir sind für die Interessen der Kinder verantwortlich, und Spielplätze sind eine Wertschätzung ihnen gegenüber.“

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