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Zum Tode Helmut Schmidts : Der unbeirrbare Raucher

  • -Aktualisiert am

Versteckt hinter Zeitung und Rauchschwaden: Helmut Schmidt als Werbemotiv für eine Kampagne der F.A.Z. Bild: Scholz and Friends

Es gab Zeiten, da war es normal, immer und überall zu rauchen. Helmut Schmidt fiel dadurch auf, dass er es beibehielt, als alle anderen damit aufhörten. Auch darin zeigte sich der Widerspruchsgeist des Selbstbewussten.

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          Eine Erzählung aus Washington, aus der rauchfreien Zone des Kapitols. Helmut Schmidt zu Besuch. Gespräch mit Führungsleuten des Repräsentantenhauses und des Senats. Umstandslos tat er das, was er gerne und selbstverständlich überall tat, wo das längst auf nahezu aller Welt verboten war. Die Runde der Gastgeber wird verdutzt gewesen sein. Wolfgang Ischinger, später der Erzähler, damals der deutsche Botschafter, mag es geahnt haben. Entscheidendes fehlte – auf den Tischen, im Raum, im Nebenzimmer. Ein Helfer wurde auf Suche geschickt. Eine Obstschale hatte er zu leeren. Schmidt streifte die Zigarette ab. Wahrscheinlich hatte er nur ein Mal inhaliert. Nur dieses eine Mal.

          Ein beeindruckendes Bild von Barbara Klemm gibt es, von einem SPD-Parteitag, als das heutzutage Unkorrekte noch gang und gäbe war. Die großen Drei („Troika“) der deutschen Sozialdemokratie. Mittig: Willy Brandt, vorgebeugt, mit Zigarillo. Links von ihm, knurrig, Herbert Wehner mit Pfeife. Rechts Helmut Schmidt, herablassend, auch mit Pfeife. Pfeifenrauchen war früher modern. Etwas Widerständiges und zugleich Bodenständiges hatte das an sich. Zigarillo-Rauchen war chic. Pfeife und Zigarillo rauchen war die Antwort auf die Zigarre des Wirtschaftswunderdeutschland. Alte Männer rauchten Zigarre. Ludwig Erhard zum Beispiel, der Erfinder des Wirtschaftswunders, der Kanzler nach Kanzler Adenauer. In der Rückschau hat Erhard immer und überall Zigarre geraucht. Die Modernisierer von der SPD taten das nicht mehr. Auch die Modernisierer in der CDU taten das nicht. Helmut Kohl und Wolfgang Schäuble, Seit an Seit, waren Pfeifenraucher. Das alles war so normal, dass niemand Aufhebens davon machte.

          Helmut Schmidt in blauem Dunst : Der berühmteste Raucher der Republik verbirgt sich gleich doppelt - hinter der Zeitung und hinter dichtem Nebel.

          Wann Schmidt mit dem Pfeiferauchen aufhörte und es bei der Zigarette beließ, wissen wir nicht. Vielleicht lag es am Zug der Zeit. Die Pfeife stand für Muße und für viel Zeit haben. Wichtige Leute aber haben nicht viel Zeit oder tun wenigstens so als ob. Und Schmidt, als Kanzler zeitweise der oberste Manager der Bundesrepublik Deutschland, hatte keine Zeit zu verschenken.

          Glaubwürdige Erzählungen gibt es aus den siebziger Jahren, wie Schmidts Mitarbeiter, die auf verschiedene Weise (Atemnot, Reinigungskosten) unter seinem sogenannten Laster litten, versucht hätten, den Chef zum Besseren zu bekehren. Erster Versuch, in der Hoffnung, er würde es dann ganz sein lassen: Er solle statt gewöhnlicher Zigaretten oder gar Selbstgedrehter solche mit Mentholgeschmack nehmen. Schmidt akzeptierte den Rat. Fortan waren nicht bloß Tabak und Teer, sondern auch Pfefferminze in der Luft. Aufhören wollte er nicht. Zweiter Versuch, ausgehend angeblich von seinem Staatssekretär Manfred Schüler: Der Chef solle auf Schnupftabak umsteigen. Schmidt wählte nicht das Entweder-Oder, sondern das Sowohl-als-Auch. Jahre später noch konnten Besucher in der ansonsten ganz und gar rauchfreien Zone der Redaktion der „Zeit“ erfahren, dass Schmidt nicht nur fünf Zigaretten in fünfundvierzig Minuten schaffte. Zwischendurch griff er zum Schnupftabak.

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          Helmut Schmidt : Ein Ästhet der Macht

          Zu den Legenden gehört auch, dass sich Schmidt, längst nicht mehr Kanzler, sondern Publizist, einen Vorrat an Menthol-Zigaretten zulegte, als sich Brüsseler EU-Bürokraten daran zu machen schienen, Menthol-Zigaretten zu verbieten. Ökonomisches Denken und politische Weitsicht ist Schmidt seit Menschengedenken nachgesagt worden. Dieses eine Mal, das sollte festgehalten werden, hat er geirrt. Immer noch wird seine Lieblingsmarke im freien Verkauf angeboten.

          Dass Schmidts alltägliches Verhalten zum Kult um seine Person wurde, lag nicht an ihm. Nicht er änderte sich, sondern die Welt um ihn. Abermals umwehte ihn der Widerspruchsgeist des Selbstbewussten – gegen die politische Korrektheit der Gesundheits- und Öko-Apostel auch seiner eigenen Partei. Früher nämlich war das so: Nur der Plenarsaal des Bundestages war rauchfreie Zone in der Politik. Sonst war Rauchen überall erlaubt. In Sitzungen des Bundeskabinetts und den Parteivorständen, auf Parteitagen sogar der Grünen, in Ministerbüros und auch in den sogenannten „Kanzlermaschinen“, mit denen die Regierungschefs auf Auslandsreisen gingen. Selbst Angela Merkel, als sie 1990 Jugendministerin wurde, pflegte Zigaretten zu rauchen – sogar in der Öffentlichkeit, wie damals zu beobachten war.

          Schrittweise griffen später angeblich freiwilliger Verzicht, dann auch Verbote um sich. In Büros und auf Parteitagen. Und im März 2005, als die Zigarre längst wieder zum Statussymbol von Erfolg und Genussfähigkeit geworden war, dann auch in der „Kanzlermaschine“. Sogar Gerhard Schröder hatte sich da zu fügen. Zwei Monate später leitete er mit seiner Entscheidung, die Bundestagswahl vorzuziehen, sein Ausscheiden aus der Politik ein. Mit Schmidt, heißt es, habe sich Schröder gut verstanden und oft getroffen.

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