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Altersdiskriminierung : „Man kann nicht jung bleiben“

Sie sind der Meinung, dass Altersdiskriminierung in Ihrem Heimatland, den Vereinigten Staaten, besonders schlimm ist.

Kapitalismus begünstigt Altersdiskriminierung. Wenn ich die Falten in meinem Gesicht hässlich finde, werde ich Tausende Dollar für teure Cremes und vielleicht sogar Schönheitsoperationen ausgeben. Niemand verdient Geld mit Zufriedenheit. Die Vereinigten Staaten sind eine hyperkapitalistische, konsumfokussierte Gesellschaft. Außerdem ist hier das Zentrum der Tech-Branche, die altersfeindlichste Branche überhaupt, und Hollywood, wo Falten verboten sind, du als Frau dreißig Jahre lang keinen Job bekommst, bis du Helen-Mirren-mäßige Rollen spielen darfst. Ich glaube, in Amerika sind die Kräfte, die Altersdiskriminierung begünstigen, stärker als irgendwo sonst auf der Welt.

Wie geht es Ihnen persönlich mit dem Altern?

Meine Augen sind nicht mehr die besten. Außerdem höre ich wegen eines Gehirntumors kaum noch auf meinem linken Ohr. Eine Welt, in der es einfacher wäre zu altern, wäre besser für alle. Niemand würde verlieren, wenn die Schriften größer würden. Wenn es überall Rampen gäbe, würden Eltern mit Kinderwagen und Rollstuhlfahrer genauso profitieren. Es ist sehr wichtig, eine altersfreundliche Welt für auch als eine behinderten- und kinderfreundliche Welt zu sehen.

Sie haben das Blog „Yo, is this ageist?“ aufgebaut, auf dem Nutzer Ihnen Fragen zu Altersdiskriminierung stellen können.

Mein Blog beruht auf der tollen Website „Yo, is this rascist?“. Der Autor dieser Webseite hatte sich gedacht: Uns ist es unangenehm, über Hautfarben zu sprechen, aber es braucht jemanden, den man offen fragen kann, wenn man sich unsicher ist. Mein Gedanke ist: Uns ist es nicht nur unangenehm, über Altersdiskriminierung zu sprechen, wir sind auch noch völlig ahnungslos. Viele Menschen wissen nicht, was Altersdiskriminierung eigentlich ist. Ich wollte ihnen einen Ort geben, an dem sie Fragen stellen und eine klare Antwort bekommen können.

Zum Beispiel diese Frage: „Ich bin fast 70 und die Unterhaltungen drehen sich nun darum, wer gestorben und wer krank geworden ist. Ist das Altersdiskriminierung oder Realität?“

Ich habe geantwortet: „Es gibt nur zwei unumgängliche Nachteile am Altern. Einer ist, dass Menschen sterben, die Sie Ihr ganzes Leben lang kannten. Der andere ist, das irgendein Teil Ihres Körpers auseinanderfallen wird. Das ist das Leben, keine Altersdiskriminierung.“

Können Sie von einem Fall erzählen, in dem es wirklich Altersdiskriminierung war?

Letztens war ich auf einer Party und habe diesen junge Typen fotografiert. Er trug ein T-Shirt, auf dem stand „STAY YOUNG. LOVE TECHNO“. Das ist Altersdiskriminierung. Man kann nicht jung bleiben. Ich persönlich liebe Techno. Ich gehe gerne tanzen und das ist einer der Gründe, wieso ich so viele junge Freunde habe. Bin ich in dieser Hinsicht jung geblieben? Ja, aber ich bin immer noch 67.

Der junge Typ auf der Party hat sehr verständnisvoll reagiert, als Sie ihn auf sein T-Shirt angesprochen haben und war sogar bereit, sich von Ihnen fotografieren zu lassen. Das ist aber doch sicher nicht die Norm oder?

Naja, es kommt darauf an, wie Sie das Thema ansprechen. Wenn Sie sagen: „Hey, was du da machst, ist diskriminierend!“, gehen die meisten Menschen sofort in die Defensive und werden wütend. Das bringt keiner Seite etwas. Aber wenn jemand etwas Diskriminierendes sagt, fragen Sie doch mal zurück: „Was meinen Sie damit?“ Das ist meine Allzweck-Frage in Situationen, in denen mir Altersdiskriminierung begegnet. Wenn jemand zu mir kommt und sagt: „Sie sehen wirklich gut aus für Ihr Alter“, sage ich: „Sie sehen auch gut aus für Ihr Alter“, und lasse sie darüber nachdenken, warum es nicht als Kompliment rüberkam, was sie eigentlich als Kompliment verstanden wissen haben wollten.  

Auf diese Weise ändern Sie vielleicht im Kleinen etwas, aber so wie Sie Altersdiskriminierung beschreiben, haben wir es hier doch mit einem viel größeren Problem zu tun. Wie können wir es lösen?

Es lastet ein enormer Druck auf uns Frauen, jung auszusehen. Solange wir diesen Druck nicht abschütteln, ändert sich nichts. Wir Frauen führen die Bewegung an und wir werden sie weiterhin anführen, weil wir mutiger sind und weil für uns mehr auf dem Spiel steht.

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