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Alternde Priester : Der Mensch ist Leib und Seele

Die Zölibatspflicht gilt von der Weihe bis zum Tod (Archivbild einer Priesterweihe in Freiburg). Für immer mehr Priester bedeutet das Einsamkeit im Alter. Bild: dpa

Der Zölibat macht katholischen Priestern nicht nur in jungen Jahren zu schaffen. Im Alter droht die Einsamkeit. Manche brechen vorher aus.

          Als der Priester Joachim Bauer in den Ruhestand ging, sagte ein Freund halb im Scherz zu ihm, jetzt könne er ja endlich heiraten. „Aber so ist es ja leider nicht“, sagt Bauer, 78 Jahre alt, wenige Falten, weißer Haarkranz, stattlicher Bauch. Sein Leben lang hat er mit dem Zölibat gerungen, nicht immer erfolgreich, weshalb er seinen richtigen Namen nicht in der Zeitung lesen möchte. „Die Wünsche nach Sex, nach Liebe und Familie, die waren immer da“, sagt er, „und sie sind noch nicht ganz weg.“

          Leonie Feuerbach

          Redakteurin im Frankfurter Allgemeine Magazin.

          Mal ging er zu einer Prostituierten, mal verliebte er sich, einmal brannte er durch, verschwand für zwei Monate mit einer Frau aus seiner Gemeinde und kehrte dann doch zurück. Seinen Lebensabend aber verbringt er ganz allein. Damit kommt er ganz gut zurecht; in jungen Jahren litt er stärker an der erzwungenen Enthaltsamkeit als jetzt. Bei anderen Priestern ist es umgekehrt.

          Zum Beispiel bei Franz Decker. Zum fünfzigsten Jubiläum seiner Priesterweihe hat er unlängst mit einem Dutzend Kollegen aus seinem Jahrgang einen offenen Brief geschrieben. Darin heißt es unter anderem, der Zölibat sei nur selten „spirituelle Quelle“, bedeute für die unterzeichnenden Priester aber Einsamkeit im Alter. Der ehemalige Direktor der Caritas in Köln, 74 Jahre alt, groß und schlank, graues Haar und Schnurrbart, wünschte sich zwar in seiner aktiven Zeit als Priester auch immer mal wieder eine Frau und Kinder. Aber er arbeitete damals zwölf Stunden täglich, hatte das Gefühl, gebraucht zu werden, und war Menschen nah: in der Seelsorge, bei Trauungen und Trauerfeiern. Jetzt, im Ruhestand, verbringt er so viel Zeit in dem roten Ledersessel in seinem Häuschen in einem dörflichen Teil Kölns wie nie zuvor. Er sagt: „Das ist ein neues Gefühl der Einsamkeit, das ich früher so nicht kannte.“

          „Ein neues Gefühl der Einsamkeit“: Franz Decker hadert mit dem Ruhestand.

          Tatsächlich bedeutet der Zölibat nicht nur die oft thematisierte Enthaltsamkeit in jungen Jahren. Sondern auch, und das wird erst langsam als Problem erkannt, Einsamkeit im Alter. Denn katholische Priester legen bei ihrer Weihe das Versprechen ab, bis zu ihrem Tod enthaltsam zu leben. Der ereilte sie früher manchmal noch im Beruf. Heute werden die Priester wie alle Menschen immer älter, leben nach ihrer aktiven Zeit im Beruf noch viele Jahre. Die wenigsten von ihnen haben noch eine Haushälterin, die in vielen Fällen oft mehr war als das, immer aber eine Ansprechpartnerin im Alltag. Manche Pfarrer lebten früher auch ein Leben lang mit der Mutter oder Schwester zusammen. Heute gibt es kaum noch Frauen – egal ob verwandt oder nicht –, die es als Erfüllung betrachten, für einen Pfarrer zu putzen, zu bügeln und zu kochen.

          Bei einer aktuellen Befragung zeigte sich, dass nur noch ein Siebtel der Priester über 65 Jahren mit einer Haushälterin zusammen wohnte. Manche lebten in Familien oder Wohngemeinschaften, die meisten mit mehr als sechzig Prozent allein. Wie kommen sie damit zurecht?

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