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Private Betreuung : Pflege rund um die Uhr – und mit wenigen Rechten

Eine Altenpflegerin hilft einer Seniorin beim Löffeln einer Suppe (Archivbild). Viele deutsche Rentner lassen sich zuhause von Osteuropäern pflegen. Oft gibt es dabei Probleme. Bild: dpa

Pawel Kowalski hat einen deutschen Rentner betreut – und klagt nun auf die Bezahlung von Überstunden. Andere Altenpfleger aus Osteuropa trauen sich das nicht. Dabei haben viele Probleme.

          Pawel Kowalski will Geld, vor allem aber will er Gerechtigkeit. Denn die Überstunden, sagt er, seien nur die Spitze des Eisberges. Der 36 Jahre alte Klarinettist aus Stettin, der eigentlich anders heißt, hat ein knappes Jahr lang in einer Kleinstadt bei Bremen einen Rentner gepflegt. Laut Arbeitsvertrag 20 Stunden die Woche beziehungsweise je einen Monat 40 Wochenstunden und einen Monat gar nicht. Den verbrachte Pawel Kowalski bei Frau und Kindern in Polen. Der junge Familienvater sagt: In Wirklichkeit waren es 65 Wochenstunden.

          Leonie Feuerbach

          Redakteurin im Frankfurter Allgemeine Magazin.

          Morgens um sieben gab er seinem Arbeitgeber die ersten Tabletten des Tages. Dann holte er Brötchen, machte Frühstück, saugte die Wohnung. Es folgten weitere Tabletten, Einkäufe, Botengänge, Gartenarbeit, kleine Reparaturen im Haus, eine zweistündige Pause, die Zubereitung von Mittagessen, Nachmittagskaffee und Abendbrot. Sein Arbeitstag endete gegen zehn Uhr abends erst dann, wenn er dem parkinsonkranken Mann die Windeln gewechselt, sein Bett für die Nacht vorbereitet und ihm eine letzte Dosis Medikamente verabreicht hatte.

          Wie viele Osteuropäer sich in ähnlichen Situationen befinden, weiß man nicht. Was sicher ist: Zwischen 150.000 und 300.000 osteuropäische Pflegekräfte gibt es in deutschen Rentnerhaushalten, und sie arbeiten oft isoliert, sprechen schlecht Deutsch, kennen ihre Rechte nicht. Was man auch weiß: Die Menschen in Deutschland werden immer älter, teils auch trotz schwerer Krankheiten – und sie wollen nicht ins Pflege- oder Altersheim. Ihre Kinder können oder wollen sie oft nicht pflegen, leben mit ihren eigenen Familien an anderen Orten, sind beruflich eingespannt. Eine Osteuropäerin oder – deutlich seltener – ein Osteuropäer, die oder der in den Haushalt einzieht, erscheint vielen als die beste Lösung.

          24-Stunden-Pflege ist rechtlicher Graubereich

          Ganz legal ist diese Lösung nur in den seltensten Fällen. Ausländische Vermittlungsagenturen werben oft mit einer 24-Stunden-Pflege. Die ist aber nur dann rechtens, wenn sich mehrere Pfleger die 24 Stunden untereinander aufteilen. Das wäre für die meisten Rentner aber viel zu teuer. Kritik an den Agenturen gibt es auch, weil sie als Arbeitgeber im Ausland fungieren und dem deutschen Staat somit Steuereinnahmen verlorengehen. Inzwischen kommen auch viele Pflegerinnen und Pfleger ohne die Dienste einer Agentur als Selbständige nach Deutschland. Doch auch diese Konstruktion ist rechtlich problematisch, sind sie als Angestellte mit nur einem Auftraggeber, in der Regel die zu pflegende Person, doch eigentlich scheinselbständig.

          Pawel Kowalskis Fall ist besonders: Der Rentner, den er pflegte, hatte eine Firma gegründet, um Kowalski, einen weiteren Pfleger, der sich im Monatsrhythmus mit ihm abwechselte, und eine befreundete Nachbarin anstellen zu können. Das ging eine Weile gut – auch wenn die Pflege eines Parkinsonkranken harte Arbeit war, der Lohn dafür knapp und Kowalskis Arbeitgeber oft gereizt und ungeduldig im Umgang. Doch dann forderte der Pfleger Geld für seine Überstunden ein, und das Verhältnis zwischen ihm und seinem Arbeitgeber verschlechterte sich.

          Der alte Mann redete irgendwann nicht mehr direkt mit Kowalski, sondern erteilte ihm nur noch über seine Nachbarin oder seine Söhne Anweisungen – so erzählt der Pfleger es zumindest. Kümmerte Kowalski sich um den Garten, warfen die Söhne ihm vor, die Pflege zu vernachlässigen. Half er ihm im Haus in den Rollstuhl, wurde er gefragt, warum er nicht im Garten sei. Das sei ein „verrückter Kreis“ und ein „psychologisches Spiel“ gewesen, beschreibt Kowalski es auf etwas umständlichem Deutsch, das er sich selbst beigebracht hat. Der kräftige Mann mit rundem, freundlichem Gesicht bekam irgendwann Herzrasen, konnte nicht mehr schlafen. In Polen verschrieb ein Arzt ihm Antidepressiva. Wenig später kam die Kündigung.

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