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Dokumentarfilm : Eine Frau muss er alleine finden

  • -Aktualisiert am

Das System verunsichert ihn

Im Film strahlt Nkamani Zuversicht und Fröhlichkeit aus. Als in einer Szene in Berlin Hagel auf ihn niederprasselt, muss er laut lachen. Während des Gesprächs zwei Jahre später bleibt er ernst und spricht leise. Als er gebeten wird, etwas lauter zu sprechen, reagiert er nicht.

Preuss: „Ich bewundere Paul für seine positive Energie. Aber ich finde es spannend, dass er diese Haltung teilweise verliert. Er arbeitet, lernt Deutsch, woran liegt es denn noch? Dieses System verunsichert ihn, weil er es nicht versteht. Weil vieles nicht mehr in seiner Hand liegt und andere Menschen über ihn entscheiden, auf Grundlage von Kriterien, die ihm nicht einleuchten.“

Gerettet nach zwei Tagen: Paul Nkamani betritt spanischen Boden. Viele Passagiere sind auf dem Meer umgekommen.
Gerettet nach zwei Tagen: Paul Nkamani betritt spanischen Boden. Viele Passagiere sind auf dem Meer umgekommen. : Bild: Weydemann Bros. GmbH

Auf der Suche nach einer Frau

Nkamani ist der Meinung, dass er ein Bleiberecht verdient hätte. Nicht nur, weil er sich anstrengt und sich integriert. Sondern auch, weil er sein Leben aufs Spiel gesetzt hat, um hierher zu kommen. Preuss stimmt ihm zu. Er und seine Eltern unterstützen Nkamani gerne.

Eine mögliche Lösung wäre eine Familie. Nkamani darf bleiben, wenn er heiratet oder Vater wird. Er sucht schon seit zwei Jahren. Mit seiner sportlichen Figur und dem markanten Gesicht sieht er nicht so aus, als würde er Frauen verschrecken. Trotzdem sei dies schon bei einigen seiner Freundinnen passiert, sagt Preuss. Das liege daran, dass man in Kamerun Frauen eben auf andere Weise kennenlerne als hier.

Die beiden sind oft unterschiedlicher Meinung

Nkamani hatte gehofft, dass Preuss ihm bei der Frauensuche hilft. Preuss sagt aber, dass Nkamani sich selbst darum kümmern muss. Es ist nicht das einzige Thema, bei dem die beiden unterschiedlicher Meinung sind. Nkamani sagt, es müsse eine Obergrenze für Flüchtlinge geben. Preuss stellt die Frage, ob man nicht über offene Grenzen nachdenken sollte. Nkamani glaubt, dass vieles in seinem Leben in Gottes Hand liegt. Preuss glaubt das nicht. Nkamani hat konservative Ansichten, Preuss liberale.

Obwohl die beiden seit ihrer ersten Begegnung in Marokko sehr viel Zeit miteinander verbracht haben, gehen sie distanziert miteinander um. Sie scheinen sich zu vertrauen und zu respektieren. Aber sind sie befreundet? Nach dieser Frage herrscht einige Sekunden Stille.

Nkamani: „Ich würde sagen, Jakob ist fast schon wie Familie.“

Vertraute, aber keine Freunde

Nach dem Gespräch stehen die beiden auf dem Rasen und unterhalten sich. „Eigentlich wollte ich ein Bild davon, wie ihr euch umarmt“, sagt der Fotograf, „aber so scheint eure Beziehung ja nicht zu sein.“ Preuss verneint, und Nkamani sagt nichts.

Dann muss Nkamani zur Arbeit. Die Demenzkranken warten. Preuss hat noch ein wenig Zeit. Also geht er zurück zur Sitzecke, wo immer noch die Kaffeekanne und die Tomatenchips stehen. Er kommt noch einmal auf die Frage nach seiner Beziehung zu Nkamani zurück.

Preuss: „Ist er ein Freund? Ich weiß es nicht. Am Anfang habe ich probiert, ihn auf Partys oder ins Kino mitzunehmen, aber das war schwierig. Paul ist erzkonservativ. Es gibt eine Sympathie, und wir diskutieren gerne miteinander über Weltpolitik. Aber ohne diese Sache wären wir uns vermutlich nicht so nahe gekommen. Ich würde es wie eine Verwandtschaft beschreiben. Man hat sich nicht gegenseitig ausgesucht. Aber trotzdem fühlt man sich verantwortlich und stellt die Verbindung nicht in Frage.“

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