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Powerfrau: Aline Rotter-Focken (rechts) im Trainingskampf mit der Österreicherin Martina Künz.

Die stärkste Frau Deutschlands

Von DANIEL MEUREN, Fotos von PHILIPP VON DITFURTH
Powerfrau: Aline Rotter-Focken (rechts) im Trainingskampf mit der Österreicherin Martina Künz.

20. April 2021 · Aline Rotter-Focken war Weltmeisterin in einem Sport, der oft belächelt wird. Sie kämpft um Anerkennung für ihre Leidenschaft. Die Kraft dafür haben ihr viele Niederlagen gegeben.

Am Anfang waren die Niederlagen. Wettkampf für Wettkampf, Wochenende für Wochenende, Monat für Monat. Gegen Jungs und Mädchen, gegen größere und kleinere Kinder. Drei Jahre lang ging das so. Die Mutter fragte immer entgeisterter, ob die arme Tochter nicht mal einen anderen Sport ausprobieren wolle. Vater Hans-Georg als Trainer sah es gelassener. Die kleine Aline ließ sich die Laune nicht verderben. Nach den Niederlagen in ihrer Heimatsporthalle an der Steinstraße in Krefeld, in Dormagen, Neuss, Bielefeld und Witten flitzte sie ans Kletterseil und spielte Tarzan oder turnte auf der Weich-bodenmatte. „Ich hatte immer Spaß, die Niederlagen waren nach ein paar Sekunden, manchmal mit Tränen in den Augen, vergessen“, sagt Aline Rotter-Focken. Die Neunundzwanzigjährige ist ihrem Sport treu geblieben, verliert kaum noch, war Weltmeisterin und will im August bei den Olympischen Spielen in Tokio zum Abschluss ihrer Karriere ihren sportlichen Höhepunkt erleben. Eine Medaille wäre der finale Sieg in einem Kampf um Anerkennung und gegen Vorbehalte.

Von klein auf in der Halle zuhause: Aline Rotter-Focken stammt aus einer Ringerfamilie.
Von klein auf in der Halle zuhause: Aline Rotter-Focken stammt aus einer Ringerfamilie.

Denn Aline Rotter-Focken betreibt einen Sport, der zwar so klassisch und traditionsreich ist wie kaum ein anderer, dessentwegen man aber schon schräg angeschaut wird, wenn man ihn als Mann betreibt. Für Frauen ist es noch einmal schlimmer, bis heute. Aline Rotter-Focken ist Ringerin und die wohl stärkste Frau Deutschlands. Sich selbst würde sie diesen Titel niemals geben. Aber die – voll austrainiert – 76 Kilogramm schwere Athletin ist die einzige deutsche Kampfsport-Weltmeisterin in der höchsten Gewichtsklasse. Und ihr Trainer Patrick Loes bestätigt, dass im Vergleich mit allen anderen Kampfsportarten die Ringer „grundsätzlich als die körperlich am besten ausgebildeten und auch wehrhaftesten“ gelten – obgleich sie eine der wenigen Kampfsportarten betreiben, bei denen mangels Schlägen oder Hebelgriffen Verletzungen des Gegners ausdrücklich nicht billigend in Kauf genommen werden.


„Ich hatte immer Spaß, die Niederlagen waren nach ein paar Sekunden, manchmal mit Tränen in den Augen, vergessen.“
ALINE ROTTER-FOCKEN

Ringer müssen dennoch hart im Nehmen sein. Nicht nur im Kampf. Die Vorurteile sind weit verbreitet. Selbst sportbegeisterte Menschen wundern sich über eine Sportart, bei der ein schwitzender Körper am anderen klebt. Schon vor Corona irritierte diese Nähe viele. Und dann erst Frauen, in modisch fragwürdigen Ringertrikots, die nicht die klinische Sauberkeit eines weißen Judoanzugs ausstrahlen, in dem viele Eltern ihre Kinder ganz gerne sehen. Den Weg einer Ringerin säumen Erfahrungen der Geringschätzung, sogar im eigenen Sport.

Ringen-Weltmeisterin Aline Rotter-Focken bereitet sich auf die Olympischen Spiele im Sommer in Tokio vor. Wir haben Deutschlands stärkste Frau im Trainingslager besucht. Video: FAZ.NET


STRUKTURELLE TIEFSCHLÄGE

„Es gibt keinen Ringer, der nicht zunächst Vorurteile gegenüber Frauenringen hat“, sagt Aline Rotter-Focken. „Immerhin lassen sich die meisten überzeugen, wenn sie mal mit uns trainieren und sehen, wie hart wir arbeiten.“ Auch strukturell gibt es Tiefschläge. So wurden in der Allgäuer Ringerhochburg Westendorf vor wenigen Jahren die Mädchen wieder ausgeschlossen, mit einer sonderbaren Begründung: Niederlagen gegen die Trainingspartnerinnen hätten den männlichen Nachwuchs frustriert.

Hier, im gemeinsamen Trainingslager mit dem französischen Nationalteam, gibt es diese Sorgen nicht. Zwei Dutzend Frauen sind unter sich, nur die Trainer sind Männer. Die beiden Nationalkader haben sich zur Vorbereitung auf die Europameisterschaft in Warschau, bei der Rotter-Focken am Mittwoch und Donnerstag ringen wird, ins Leistungszentrum am 1415 Meter hohen Herzogenhorn in Nachbarschaft des Feldbergs im Schwarzwald zurückgezogen, ans gefühlte Ende der Welt – die letzten zweieinhalb Kilometer muss man über zugeschneite Wege oder die coronabedingt leeren Skipisten mit einem Schneefahrzeug oder zu Fuß zurücklegen. Die Matten sind feucht vom Schweiß der Sportlerinnen, in der Halle riecht es nach harter körperlicher Anstrengung. Im 60-Sekunden-Takt gehen die Athletinnen an ihre Grenzen. In einer Übung muss Rotter-Focken immer wieder ihre Trainingspartnerin per Schulterwurf auf die Matte schleudern. Sie macht das, obgleich Linkshänderin, mit rechts, weil es ihr von klein auf so beigebracht wurde. In den Pausen zwischen den Übungen liegen die Ringerinnen auf dem Rücken, ringen nach Luft, erledigt, körperlich am Ende.


„Es gibt keinen Ringer, der nicht zunächst Vorurteile gegenüber Frauenringen hat.“
ALINE ROTTER-FOCKEN

Immer wieder beäugen die anderen Ringerinnen aus dem Augenwinkel die einzige Weltmeisterin in der Halle. „Sie ist einfach eine herausragende Athletin, nicht nur die vielleicht charmanteste und bestaussehende Ringerin in der Weltspitze“, sagt Thierry Boudin, Trainer der Französinnen. „Aline hat eine Mentalität, die sehr besonders ist und die auch spürbar ist. Wenn sie hier mittrainiert, geben alle anderen noch ein bisschen mehr.“

Coronablase im Schnee: fürs sichere Trainingslager hatten sich Aline Rotter-Focken und ihre Teamkameradinnen im März ans Herzogenhorn im Schwarzwald zurückgezogen.
Coronablase im Schnee: fürs sichere Trainingslager hatten sich Aline Rotter-Focken und ihre Teamkameradinnen im März ans Herzogenhorn im Schwarzwald zurückgezogen.

Für Besucher ist es, nach einem Coronatest vor der Anfahrt, ein merkwürdiger Ausflug ohne Mund-Nasen-Schutz in eine immer wieder getestete Sportler-Parallelwelt, in der körperliche Nähe und Berührungen nötig sind, damit die Frauen sich vorbereiten können. Zwei Monate lang war gar kein Ringertraining gestattet. Einen einzigen Wettkampf konnte Aline Rotter-Focken seither bestreiten, im Dezember. Sie gewann souverän, vielleicht auch, weil sie das Glück hatte, sogar im tiefsten Lockdown mit ihrem Mann trainieren zu können. Jan Rotter war selbst ein deutscher Spitzenringer, ehe er vor drei Jahren wegen Schulterproblemen seine Laufbahn beenden musste. Das Paar lebt eine ringerische Normalität, die sich Rotter-Focken auch im Trainingsalltag erarbeitet hat: Wenn sie nicht mit dem Nationalteam unterwegs ist, trainiert sie mit Männern. Was lange unvorstellbar war, ist das Verdienst ihrer Erfolge, die am Anfang so lange auf sich warten ließen, ehe sie nach zig Niederlagen nach nur wenigen Sekunden Kampfzeit auf Schultern ihren allerersten Kampf gewann. Erst mit 15 Jahren wurde sie im Nachwuchsbereich erstmals deutsche Meisterin.

Alles für ein Ziel: Aline Rotter-Focken träumt von der olympischen Medaille.
Alles für ein Ziel: Aline Rotter-Focken träumt von der olympischen Medaille.
Trainingstagebuch: Die Weltmeisterin trägt ihre Arbeit ein.
Trainingstagebuch: Die Weltmeisterin trägt ihre Arbeit ein.

„Es waren viele ganz lange talentierter und erfolgreicher als ich. Dann haben die aber meist nicht mehr so viel getan“, sagt sie. „Und so waren sie irgendwann weg, wenn ich sie mit harter Arbeit überholt hatte.“ Im Jahr 2014 errang Aline Rotter-Focken dann in Taschkent in Usbekistan mit 22 Jahren ihren Weltmeistertitel.

Wichtiger als dieser Erfolg seien für sie aber all die Niederlagen gewesen. Die hätten sie nicht nur für den Sport geprägt. Sie habe gelernt, immer weiterzumachen, ihre Ziele im Blick zu behalten. Nicht zuletzt nach ihrer größten sportlichen Enttäuschung bei den Olympischen Spielen 2016 in Rio de Janeiro habe ihr das geholfen. „Es hat zwei bis drei Jahre gedauert, bis ich das dank der Zusammenarbeit mit Trainern und Sportpsychologen wirklich aus dem Kopf hatte. Das hätte ich vielleicht nie geschafft, wenn ich nicht als Kind diese Erfahrung gemacht hätte. Wenn dir Dinge zu leicht fallen, vergisst du, dass du dafür arbeiten musst. Du vergisst, dass du Leute um dich brauchst, Trainer, Trainingspartner, Teamgeist.“

Klare Wahl: Aline Rotter-Focken hat sich einen für Mädchen noch ungewöhnlichen Sport ausgesucht.
Klare Wahl: Aline Rotter-Focken hat sich einen für Mädchen noch ungewöhnlichen Sport ausgesucht.

Den nötigen Rückhalt hatte sie dabei immer aus ihrem Umfeld. Sie stammt aus einer Ringerfamilie, ihr verstorbener Opa Hans Focken war hinter Wilfried Dietrich, dem legendären „Kran von Schifferstadt“, in den sechziger Jahren die Nummer zwei im deutschen Schwergewicht. Der Vater rang nicht nur selbst, er wurde auch ihr erster Trainer. Und so war sie das erste Mädchen, das bei Germania Krefeld auf die Matte stiefelte, als sie kaum fünf Jahre alt war. „Ich war keine, die sich im Kindergarten geprügelt hat, aber auf dem Schulhof fand ich es uncool, wenn Jungs Mädchen geschubst haben“, erinnert sie sich. „In der Grundschule dachte ich, ich wäre durchs Ringen die Stärkste der Welt.“

ANGST VOR DER STARKEN FRAU

Auch auf der Matte wies sie irgendwann die Jungs in die Schranken. Spätestens da begegnete ihr erstmals die fehlende Gleichberechtigung. „Als Mädchen bildest du dir nichts Besonderes darauf ein, aber für Jungs ist das ein schlimmes Erlebnis“, sagt sie. „Wenn ich bei einem Turnier in der ersten Runde einen bezwungen habe, wurde der Gegner in der zweiten Runde besonders heiß gemacht von seinem Trainer, damit sich so eine Schmach nicht wiederholt.“

Die Angst vor der starken Frau trieb die Trainer in die Verzweiflung. Im Gymnasium war es ähnlich. Lehrer beäugten ihren Werdegang kritisch und mahnten bei den Eltern trotz guter Noten an, dass die Tochter sich doch bitte auf die Schule konzentrieren solle. „Einem Fußballtalent hätten sie das nie empfohlen“, sagt sie. Entgegen der Prophezeiungen der Lehrer brachte sie die Schule und später das Studium zur Gesundheitsmanagerin mit dem Sport unter einen Hut – so wie sie nun auch Olympiavorbereitung plus Teilzeitjob zu bewältigen versteht.

Über die Grenzen hinaus: Ringerinnen müssen leiden können.
Über die Grenzen hinaus: Ringerinnen müssen leiden können.
Verteidigungsbereit: Auch im Trainingsduell ist Konzentration gefragt.
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Anführerin im Nationalteam: Die Weltmeisterin unter ihren Trainingskameradinnen.
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Trainingsidylle im Schnee: Das Leistungszentrum Herzogenhorn in Nachbarschaft des Feldbergs bietet die ideale Umgebung für eine Corona-Blase.
Trainingsidylle im Schnee: Das Leistungszentrum Herzogenhorn in Nachbarschaft des Feldbergs bietet die ideale Umgebung für eine Corona-Blase.

„Sie lässt sich durch nichts kleinkriegen“, sagt Frank Stäbler, als dreifacher Weltmeister der bekannteste Protagonist des deutschen Ringens. „Auch ich habe sie anfangs belächelt, aber sie hat mich des Gegenteils belehrt.“ Die beiden fast gleichaltrigen Ringer kennen sich seit Jugendtagen. Stäbler bezeichnet sie als seine beste Freundin, schon öfter war er mit Frau Sandra und Nachwuchs mit Aline Rotter-Focken und deren Mann im Urlaub. Es gibt ein Video vom Strand, auf dem die Weltmeisterin von 2014 den dreifachen Weltmeister in einem Spaßkampf im Sand auf Schultern zwingt. „Das war klar mein Sieg“, scherzt Stäbler, sagt dann aber in ernstem Ton: „Sie hat sich durchgesetzt gegen viele Widerstände und wurde Weltmeisterin. Das nötigt mir unglaublich viel Respekt ab, weil sie so auch viel fürs Frauenringen erreicht hat.“

Für Aline Rotter-Focken war dabei eine Boxerin ein Vorbild: Regina Halmich war in ihrer Jugend mehr als ein Jahrzehnt lang ungeschlagene Profiboxweltmeisterin und brachte ihren Sport in die Öffentlichkeit. „Ich fand das als Mädchen einfach gut, wie sie aufgetreten ist, sympathisch, intelligent“, sagt Aline Rotter-Focken. „Sie war erfolgreich, blieb aber immer weiblich und bewies, dass du normal aussehen kannst, wenn du Kampfsport betreibst.“

Regina Halmich hat Frauenboxen in Deutschland salonfähig gemacht. Fürs Ringen ist der Weg dorthin indes noch weit. Aber es gibt Hoffnung: Wenn die kleinen Söhne ihres Bruders Tim, natürlich selbst schon Ringer, gefragt werden, ob ihr ebenfalls jahrzehntelang im Sport aktiver Papa oder Tante Aline stärker ist, dann gibt es nur eine Antwort: „Sie sagen dann immer: ‚Aline!‘ Die sehen mich halt fast immer nur gewinnen, wenn sie mich begleiten oder im Internet die Kämpfe verfolgen“, sagt die stärkste Frau Deutschlands. Es könnte so einfach sein mit der Anerkennung.

Ein Beitrag aus dem F.A.Z. Magazin. Hier zum Download.


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Diversität in der Mode Ihr Körper

Quelle: F.A.Z. Magazin

Veröffentlicht: 20.04.2021 14:14 Uhr