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Alice Schwarzer : „Auf nichts so stolz wie auf mein Durchhalten in der Causa Kachelmann“

Stolz auf ihr Durchhalten in der Causa Kachelmann: Alice Schwarzer Bild: Frank Röth

Die Feministin spricht im F.A.Z.-Magazin über ihre Berichterstattung in der Causa Kachelmann. Außerdem verteidigt sie Rammstein-Sänger Till Lindemann. Rassismusvorwürfe gegen sie selbst nennt Schwarzer „starken Tobak“.

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          Alice Schwarzer ist „auf nichts so stolz wie auf mein Durchhalten in der Causa Kachelmann“. Das sagte die Journalistin, Publizistin und Feministin im Interview mit dem Magazin der Frankfurter Allgemeinen Zeitung, das an diesem Samstag und Sonntag der F.A.Z. beiliegt und auch im E-Paper erhältlich ist. „Die Wahrheit im Fall Kachelmann ist: Ich habe niemals gesagt oder geschrieben – er war es oder er war es nicht. Ich weiß es ja auch nicht. Ich war gegenüber Kachelmann zunächst auch nicht voreingenommen: Ich kannte ihn flüchtig und gebe zu: Ich hatte sogar eine gewisse Schwäche für ihn und seine anarchische Art. Ich war sogar mal zu Gast in einer Sendung von ihm, da haben wir zusammen Rock 'n' Roll getanzt.“

          Timo Frasch
          Politischer Korrespondent in München.

          In der von Schwarzer herausgegebenen Zeitschrift „Emma“ „haben wir uns bei Bekanntwerden der Vorwürfe zunächst komplett zurückgehalten, kein Wort geschrieben“. Sie habe in der Redaktion gesagt: „Das ist eine sehr schwere Anschuldigung, das kann ein Leben vernichten“ – so kam es in gewisser Weise. Letztlich habe sie sich „nur so offensiv eingemischt wegen der Vorverurteilung der Frau durch die Anderen“. Schon vor Prozessbeginn hätten sich „Die Zeit“ und „Der Spiegel“ festgelegt: Kachelmann sagt die Wahrheit, die Frau lügt. „Da dachte ich: Das können die doch gar nicht wissen. Was habe ich also getan? Etwas ganz Einfaches: Ich habe die Perspektive des mutmaßlichen Opfers eingenommen. Das bedeutet nicht, dass ich der Frau rechtgegeben oder geglaubt hatte. Ich habe lediglich dieser parteiischen Berichterstattung für den Angeklagten den Versuch entgegengesetzt, zu begreifen, was mit der Frau los ist. Denn nicht alle vorgeblichen Vergewaltigungsopfer lügen.“

          Der Moderator, Publizist und Unternehmer Jörg Kachelmann wurde 2011 vom Landgericht Mannheim vom Vorwurf der besonders schweren Vergewaltigung freigesprochen. Schwarzer hatte in der „Bild“-Zeitung über den Prozess berichtet, nach Meinung anderer Prozessbeobachter einseitig zuungunsten Kachelmanns. Der Springer-Verlag musste Kachelmann am Ende ein sehr hohes Schmerzensgeld zahlen. Das Oberlandesgericht Frankfurt urteilte in einem Zivilprozess, dass Kachelmann nachweislich Opfer einer vorsätzlichen Falschbeschuldigung geworden sei. Schwarzer sagte dazu dem F.A.Z.-Magazin: „Für mich wiegt das Strafverfahren schwerer als der Zivilprozess in Frankfurt. Und der Freispruch war ein Freispruch mangels Beweise. Der Richter hat in seiner Urteilsverkündung ausführlich betont, man habe die Wahrheit auch nach acht Monaten Verhandlung nicht finden können. Er hat an die Medien appelliert, sie mögen berücksichtigen: Es könne sein, dass Kachelmann die Wahrheit gesagt habe, es könne aber auch sein, dass er gelogen habe. Dasselbe gelte für die Freundin.“

          „Nur weil wir Frauen sind, müssen wir ja nicht einer Meinung sein“

          Im selben Interview verteidigte Schwarzer Till Lindemann, den Sänger der Band Rammstein, gegen den Vorwurf, er habe in einem Gedicht die Vergewaltigung einer Frau verherrlicht. Schwarzer, die wie Lindemann im Verlag Kiepenheuer&Witsch publiziert, sagte, bei Lindemann sei die Sache „komplizierter“. „Seine Texte sind oft interessant, weil sie auch seinen Schmerz artikulieren.“ Ihre Kolleginnen bei der feministischen Zeitschrift „Emma“ hätten Lindemann in einem Heft zum „Sexist Man Alive“ ausrufen wollen. Da habe sie gesagt: „No way, Mädels.“ Viele Menschen seien „geprägt von dunklen Dingen. Doch in dem Moment, wo jemand seinen eigenen Schmerz dabei thematisiert, kann es Kunst sein.“

          Weiterhin brachte Schwarzer in dem Interview ihr Befremden über Feministinnen zum Ausdruck, die die Überwindung des „binären Systems der Geschlechtlichkeit“ anstreben. „Noch können wir ja nicht so tun, als hätten wir nicht auch biologische Geschlechter.“ Das zu bestreiten sei „magisches Denken“, sagte Schwarzer.

          „Nur weil wir Frauen sind, müssen wir ja nicht einer Meinung sein“, fügte sie an. Aber dass andere Feministinnen sie als Rassistin diffamiert hätten, sei „natürlich starker Tobak“. Sie suche das Gespräch mit ihnen – „die nicht“. Dass sich der Feminismus heute, wie von einigen behauptet, vor allem an bestimmte akademische Milieus statt an alle Frauen richte, wie es seit je das Ziel Schwarzers ist, gelte „keineswegs für alle jungen Feministinnen. Aber für viele, vor allem die von den Medien gehätschelten.“

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