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Alexander Gerst : Er fliegt durch dieses Jahr

Schwerelos glücklich: Alexander Gerst beim Parabelflug in einem Airbus Bild: ESA

Im Mai fliegt Alexander Gerst zur Internationalen Raumstation. Wenn das jeder erleben dürfte, so glaubt der ehemalige Vulkanforscher, wäre die Welt ein besserer Ort.

          In diesen vier Sekunden geht es um Leben oder Tod, theoretisch. Tatsächlich sitzt Alexander Gerst in einem Modell aus Blech und Kunststoff, das zwar sehr nach Weltall aussieht, aber fest auf irdischem Grund steht. Sollte er also versagen, wird er nicht im unendlichen All ersticken. Schlimmstenfalls wird der Ausbilder über Funk auf Russisch mit ihm schimpfen.

          Andreas Nefzger

          Redakteur der Frankfurter Allgemeinen Woche.

          Sollte Alexander Gerst aber in einigen Monaten zu langsam reagieren, wenn er das Manöver nicht im Ausbildungszentrum der Esa am Ortsrand von Köln angeht, sondern an Bord der Internationalen Raumstation (ISS), dann könnte es das Ende bedeuten. Die unbemannte Versorgungskapsel ATV könnte, statt reibungslos anzudocken, die Außenwand der ISS aufreißen, und es gäbe keine Rettung mehr für Gerst und die weiteren fünf Astronauten.

          Mehr Nachteile des Astronautenlebens fallen ihm nicht ein

          Vier Sekunden bleiben ihm im Zweifelsfall, um das Manöver in 400 Kilometer Höhe und bei einer Geschwindigkeit von 28.000 Kilometern in der Stunde abzubrechen. Besser also, er übt das, solange er noch Boden unter den Füßen hat. Der Siebenunddreißigjährige wird, wenn alles nach Plan läuft, im Mai ins All fliegen. Nach Thomas Reiter und Hans Schlegel wird er der dritte deutsche Astronaut auf der ISS sein.

          Er bereitet sich seit zwei Jahren vor, in denen er zwischen Moskau, Houston und Köln pendelt, selten länger als drei Wochen an einem Ort. „Man verliert ein Stück weit die Kontrolle über sein Leben“, sagt Gerst. Mehr Nachteile des Astronautenlebens fallen ihm aber nicht ein. Wenn im Mai die Triebwerke zünden und sich die Sojus-Kapsel über der kasachischen Steppe erhebt, erfüllt sich für Alexander Gerst ein Kindheitstraum. Als er klein war, funkte er mit seinem Großvater den Mond an und lauschte den reflektierten Wellen seiner Stimme.

          Ein Schlüsselereignis sei das aber nicht gewesen, sagt Gerst, vielmehr die Reaktion des Großvaters auf einen Enkel, der am Tag „25 Fragen über Blitze, Stürme und das Weltall“ stellte. „Sobald ich irgendetwas sehe, was ich nicht verstehe, bin ich interessiert – das war in meiner Kindheit so, und das ist heute noch so. Und das Weltall ist eben das Größte um uns herum, das wir nicht verstehen.“

          Vom Vulkanforscher zum Austronauten

          Gerst hat nie auf den Beruf hingearbeitet, sondern einfach irgendwann das Versprechen eingelöst, das er sich in jungen Jahren gegeben hatte: sich einmal bei der Esa zu bewerben, damit er sich niemals vorwerfen muss, es nicht wenigstens versucht zu haben. Er wurde einer der sechs Kandidaten, die sich gegen 8.413 weitere Bewerber durchsetzten.

          Die anderen fünf sind Kampfflieger und Raumfahrtingenieure und können im Gegensatz zu Gerst fast alle ein Flugzeug fliegen. Gerst, der aus Künzelsau stammt, hat in Karlsruhe Geophysik studiert und erforschte an der Universität Hamburg Vulkane. Vom Vulkanforscher zum Astronauten, den Sprung erklärt er mit der Nüchternheit des Wissenschaftlers: „Die Grundidee ist dieselbe: Wir gehen an Orte, die lebensfeindlich sind, um Sachen über uns selbst zu lernen, die vor unserer Haustür liegen.“

          Tatsächlich gibt es Parallelen zwischen dem Leben im All und Forschungsexpeditionen in entlegene Winkel der Erde. Alleine vier Mal war Gerst in der Antarktis, um Vulkane zu erforschen. Zwei Mal lebte er für sechs Wochen in einem Zelt, bei Temperaturen von mehr als minus 40 Grad, um ihn herum das ewige Eis – in Kilometern gerechnet, weiter von der Zivilisation entfernt als die ISS.

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