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Albert Schweitzer : Ein Leben für Afrika

Der Urwalddoktor: Albert Schweitzer mit einem kleinen Patienten in Lambaréné. Bild: epd

Vor 100 Jahren ging Albert Schweitzer nach Afrika und gründete sein Urwaldhospital in Lambaréné. Seine Familie und der Staat Gabun wollen den Ort lebendig halten.

          6 Min.

          Es war ihr erster Sommer bei ihrem Großvater in Lambaréné. „Abends“, erzählt sie, „arbeitete er an seinem Schreibtisch, las und schrieb. Links auf dem Tisch saß die Katze, rechts hatte er auf einen Bogen Papier Zucker für die Ameisen gestreut. Dort sammelten sie sich und krabbelten ihm so nicht auf seinen Büchern herum.“ Für Christiane Engel war die Szene ein Sinnbild völliger Harmonie, ein Beispiel auch für die von Albert Schweitzer entwickelte Ethik der „Ehrfurcht vor dem Leben“. Seine Leitidee: „Wahrhaft ethisch ist der Mensch nur, wenn er der Nötigung gehorcht, allem Leben, dem er beistehen kann, zu helfen, und sich scheut, irgend etwas Lebendigem Schaden zuzufügen.“

          Peter-Philipp Schmitt

          Redakteur im Ressort „Deutschland und die Welt“.

          Christiane Engel, drittes Kind der einzigen Tochter von Albert Schweitzer, war damals 16 Jahre alt. Sie hatte Schulferien und stand kurz davor, aufs Konservatorium in Zürich zu gehen. Ihr Traum: Sie wollte Pianistin werden. Zugleich aber gab es diesen mystischen Ort im fernen Afrika, wo ihr berühmter Großvater - Philosoph und Theologe, Organist und Mediziner, Pazifist und Friedensnobelpreisträger des Jahres 1952 - lebte und wirkte. „Für mich war Lambaréné seit früher Kindheit eine Phantasie, in der vor allem wilde Tiere vorkamen“, erzählt Christiane Engel. „Was man aus Kinderbüchern eben so kennt.“

          Das Lebenswerk in der Krise

          Als sie schließlich 1958 erstmals nach Gabun fliegen durfte, übertraf die Phantasie alle Erwartungen, auch wenn wilde Tiere nur am Rande eine Rolle spielten. „Was Lambaréné mir gegeben hat, das ist so tief. Es hat mich sehr geprägt.“ Die Fähigkeit, mitleiden zu können und der Wunsch zu helfen bestimmten seither auch ihr Leben. Sieben Sommer in Folge verbrachte sie im Urwaldkrankenhaus mit ihrem Großvater, der ihr, wie sie sagt, „eine wahre Religion der Liebe auf ganz undogmatische Weise“ mit auf den Weg gab. Schnell stand für Christiane Engel fest, dass auch sie Medizin studieren werde, um mit Albert Schweitzer zusammen im Spital arbeiten zu können. Doch so weit kam es nicht mehr: „Ich hatte schon das Ticket in der Tasche, als er im September 1965 starb.“ Sie hatte gerade erst mit der Medizin begonnen, nun reiste sie zur Beerdigung ihres 90Jahre alt gewordenen Großvaters. Danach war sie für längere Zeit nur noch einmal in Lambaréné, auch weil das Geld für den Flug, den ihr der Großvater stets als Lohn für ihre Arbeit geschenkt hatte, ausblieb.

          Lambaréné in Gabun

          Ihre Mutter aber trat nach Schweitzers Tod zunächst an die Stelle des Vaters und übernahm die administrative Leitung des Spitals. Fünf Jahre hielt Rhena Schweitzer es an der Spitze aus, dann gab sie auf, blieb aber weiterhin in Lambaréné. Die Arbeit, sagt ihre Tochter Christiane, sei sehr komplex gewesen. „Damals standen hier viel mehr Gebäude, im Krankenhaus lagen 600 Patienten, hinzu kamen noch 200 Personen im Lepradorf, die versorgt werden mussten.“ Zusehends geriet Schweitzers Lebenswerk in die Krise. Die Schulden wuchsen, die Spendengelder für das Urwaldhospital flossen nicht mehr so wie zu Lebzeiten seines Gründers. Schließlich wurde die „Internationale Stiftung für das Dr.Albert-Schweitzer-Spital in Lambaréné“ gegründet. Fortan beteiligte sich auch Gabun mit Subventionen an der noch immer privaten Institution.

          Im 100. Jahr seines Bestehens präsentiert sich das Gelände rund um das Krankenhaus am Ogooué als eine große Baustelle. Wo einst Missionare auszogen, um über den 1200 Kilometer langen Fluss bis weit nach Zentralafrika vorzudringen, entsteht derzeit ein internationales Forschungs- und Gesundheitszentrum, das ohne Albert Schweitzer nicht denkbar wäre. Der Präsident des Landes, Ali Bongo Ondimba, hat das „Projekt Lambaréné“ zur Chefsache erklärt. Schon sein Vater Omar Bongo Ondimba hatte die Kraft des großen Namens erkannt und 1996 die alte Erdstraße von der Hauptstadt Libreville nach Lambaréné asphaltieren lassen. Seither dauert die Fahrt mit dem Auto statt acht nur noch vier Stunden, und es gibt einen regen Krankentourismus in das Urwaldhospital.

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