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Alain Delon in Cannes : „Ich habe meine Rollen gelebt und nicht gespielt“

Schauspieler Alain Delon wird in Cannes mit der Ehrenpalme ausgezeichnet. Das finden nicht alle gut. Bild: Reuters

Alain Delon blickt in Cannes auf seine Schauspielkarriere zurück. Die Debatte um die Vergabe der Ehrenpalme an ihn geht derweil heftig weiter.

          Wenn Alain Delon auftaucht, steht man in Frankreich Schlange. So wie am Sonntagmittag in Cannes, wo er in einem kleinen Kinosaal im Dachgeschoss des Festivalpalastes von seiner Karriere erzählen sollte. Stunden vorher zogen sich die Reihen der Wartenden über drei Geschosse. Als der mittlerweile 83 Jahre alte Schauspieler dann endlich auf die Bühne kam, begrüßte ihn das Publikum mit Standing Ovations. Und weil alle dabei ihre Smartphones in der Hand hielten, um Delon auf Miniscreens zu bannen, bat der Festivalleiter Thierry Fremaux darum, die Telefone wegzustecken und Delon noch einmal zu begrüßen: „Mit einem richtigen Applaus.“

          Maria Wiesner

          Redakteurin im Ressort Gesellschaft bei FAZ.NET.

          Wie es war, als er zum ersten Mal beim Filmfestival in Cannes war, wollte Moderator Samuel Blumenfeld wissen. „Ach, damals kannte ich noch niemanden und auch mich erkannte niemand“, erinnerte sich Delon. Und gab dann den wichtigsten Rat seines Lebens weiter: „Der erste Regisseur, mit dem ich arbeitete, sagte: „Spiele nicht. Schau drein, wie Du dreinschaust, höre zu, wie Du zuhörst. Sei Du selbst.“ Und diesen Rat habe ich befolgt. Ich habe meine Rollen gelebt und nie gespielt.“

          Zwischen den Fragen wurden Filmausschnitte aus den beiden Visconti-Klassikern „Der Leopard“ und „Rocco und seine Brüder“ eingeblendet. Delon wischte sich Tränen aus den Augen, als das Licht im Saal wieder anging. „Ich habe zwar die erste Geige gespielt, aber ich hätte das ohne den Dirigenten, also die großen Regisseure, mit denen ich arbeiten durfte, nicht geschafft. Nun sind sie alle tot – und ich nehme den Preis auch für sie entgegen, um sie zu ehren.“

          Alain Delon soll vom Festival in Cannes in diesem Jahr die Ehrenpalme erhalten. Worüber auf dieser Bühne nicht gesprochen wurde, ist die Debatte um seine Nominierung. Eine Online-Petition spricht sich dagegen aus, sie wirft Delon frauenfeindliches und homophobes Verhalten vor. Wie das Branchenblatt Variety berichtete, hatte Delon 2018 in einem Interview zugegeben, Frauen geschlagen zu haben. Auch seine Nähe zum Front-National-Gründer Jean-Marie Le Pen wurde kritisiert. Auf die Vorwürfe reagierte Festivaldirektor Thierry Fremaux gelassen. Man zeichne Delon nicht für seine politischen Ansichten, sondern als Künstler aus. Und auch Pierre Lescure, der Präsident des Filmfestivals, tat die Petition als „etwas sehr Amerikanisches ab”.

          Die Debatte zieht jedoch weitere Kreise. Im französischen Rundfunk franceinfo meldete sich der ehemalige Kulturminister Jack Lang zu Wort: „Das ist eine Form des kulturellen McCarthyismus, der Künstler und Kreative davon abhalten will, ihre Arbeit zu tun, weil sie dies oder das gesagt haben.“ Lang, der sich selbst als Feminist bezeichnete, fügte hinzu, man müsse zwischen dem Bürger Alain Delon und dem Künstler und Schauspieler unterscheiden.

          Am Sonntagabend wird Delon die Auszeichnung im Festivalpalast entgegennehmen – auch dafür werden viele Schlange stehen, und sei es nur, um zu schauen, ob auf dem roten Teppich, wie dieser Tage hier so häufig, jemand doch noch ein politisches Statement zur Ehrenpalme abgibt.

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