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„Wir werden das durchstehen“

Von MARIA WIESNER

21.08.2017 · Al Gore, der einst um Haaresbreite das amerikanische Präsidentenamt verfehlte, setzt seinen Kampf für die Umwelt fort. Im Interview spricht er über den Klimawandel und dessen Leugner, über die Stimme von Mutter Natur – und natürlich über Donald Trump.

Al Gore beim Interview im Hotel Adlon in Berlin Andreas Pein

Mr. Vice President – mit diesem Titel spricht man Sie ja noch allerorts an. Tut es noch immer leicht weh, „nur“ die Bezeichnung Vize zu tragen?

Ich habe mich mit der Entscheidung des Obersten Gerichtshofs im Jahr 2000 schon lange abgefunden (Anm. d. Red.: Damals wurde per Gerichtsbeschluss die Präsidentenwahl für George W. Bush und gegen Al Gore entschieden.). Und ich kann mich glücklich schätzen, dass ich Wege gefunden habe, um dem öffentlichen Interesse außerhalb von Regierungsstrukturen zu dienen.

Direkt nach der Entscheidung gab es eine Phase, in der Sie sich auch optisch ein bisschen zurückgezogen haben. Da waren der hipsterhafte Bart und die längeren Haare – jetzt sind Sie wieder zurück in alter Form. Wie haben Sie es geschafft, diese Krise zu überwinden?

Ach wissen Sie, es gibt ja Millionen Menschen, die viel Schlimmeres durchgemacht haben als ich. Was tut man da schon? Man reißt sich zusammen und macht weiter.

  • Al Gore applaudiert dem damaligen Präsidenten Bill Clinton nach der Unterzeichnung eines Gesetzesentwurfs, welcher über 6.800 km² Land im Süden Utahs zum „Grand Staircase-Escalante National Monument“ ausruft. dapd
  • Im Wahlkampf 1992: Bill Clinton mit Frau Hillary Rodham Clinton (l.) und Al Gore mit Frau Tipper Gore (r.) Picture Alliance
  • TV-Duell: Die damaligen Präsidentschaftskandidaten George W. Bush und Al Gore im Oktober 2000 Picture Alliance

Lassen Sie uns über Ihren neuen Film sprechen. Es ist eine Fortsetzung des Dokumentarfilms „Eine unbequeme Wahrheit“ aus dem Jahr 2006. Meistens entstehen Fortsetzungen von Filmen, wenn der erste Teil erfolgreich war – hier scheinen Sie aber die Notwendigkeit für einen zweiten Teil gesehen zu haben, weil der erste nicht den Erfolg hatte, den Sie sich erhofft haben.

Der erste Film war erfolgreich, er hatte gute Einspielzahlen, und er hat etwas verändert. Aber zehn Jahre nach dem ersten Film schien mir ein guter Zeitpunkt, um über die großen Veränderungen in der Welt zu diskutieren. Zwei sind da im Besonderen hervorzuheben: Zum einen sind die extremen Wetterphänomene, die mit dem Klimawandel zusammenhängen, häufiger und zerstörerischer geworden. Zum zweiten haben wir jetzt die Lösungen für den Klimawandel. Der Preis für Elektrizität aus Windkraft und Solarenergie ist sehr schnell gefallen und fällt weiter, so dass diese Energiequellen mittlerweile auf der ganzen Welt genutzt werden.

Ihre Botschaft steht den offiziellen Ansagen der Regierung Präsident Trumps entgegen. Ist es von Vorteil, gegen eine solche Regierung antreten zu können, da es die Oppositionsarbeit einfacher macht?

Es gibt ein physikalisches Gesetz, das sich auch auf die Politik anwenden lässt: Auf jede Aktion gibt es eine Reaktion. Und die Reaktion auf Donald Trump ist sehr stark. Als Trump seine Rede hielt, in der er den Ausstieg aus dem Pariser Klimavertrag erklärte, war ich beunruhigt, dass andere Länder nachziehen könnten. Aber das ist nicht passiert. Stattdessen hat die restliche Weltgemeinschaft am darauffolgenden Tag ihre Bemühungen um den Klimaschutz verdoppelt. Und in meinem Land haben sich die großen Bundesstaaten und Städte zum Pariser Vertrag bekannt, und derzeit sieht es so aus, als könne Amerika seine Verpflichtungen dennoch einhalten, egal, ob Donald Trump das gutheißt oder nicht.

Kinotrailer zu „Immer noch eine unbequeme Wahrheit“ mit Al Gore, Start am 7. September 2017 Paramount Pictures Germany GmbH

Und doch hielten Sie diese Entscheidung für so wichtig, dass Sie Ihren Film noch einmal dafür ändern ließen. Bei der Premiere in Cannes war die Entscheidung über den Paris-Ausstieg noch nicht abzusehen. Dort sagten Sie sogar, dass Sie es für ziemlich wahrscheinlich hielten, dass Trump nicht aussteigen würde.

Ich dachte damals, die Chancen stünden gut, dass er sich besinnen würde. Den Eindruck hatte er mir gegenüber vermittelt. Aber ich habe mich geirrt. Ich denke, dass er seine Meinung zum Schluss noch einmal geändert hat, liegt daran, dass er sich selbst mit einer Ansammlung von Schurken umgeben hat, die den Klimawandel leugnen. Diese Leute kontrollieren, was er darüber denkt. Doch mit der Entscheidung zu Paris hat er sich isoliert. Mehr als zwei Drittel der amerikanischen Bevölkerung widersprechen ihm in diesem Punkt, und auch eine Mehrheit der republikanischen Wähler stimmt ihm da nicht zu.

Dennoch steht diese Regierung gegen alles, wofür sie kämpfen. Trump setzt wieder auf Kohle und hat Gelder zur Bekämpfung des Klimawandels gestrichen. Wie kommt man damit klar, dass alle Fortschritte, die man erzielt, zurückgedreht werden? Es hat ja fast schon etwas Masochistisches, da weiterzumachen.

Naja, als masochistisch würde ich das jetzt nicht bezeichnen. Das ist eher eine realistische Einstellung. Denn trotz dieser Rückschläge ist der Rückhalt in der Gesamtbewegung sehr groß. Wir müssen erkennen, dass wir mit den günstigeren und sich schneller entwickelnden Lösungen eine bessere Chance haben, etwas zu ändern. Da steht so viel auf dem Spiel – wir können nicht aufgeben, wir müssen das einfach tun.

  • Ein zugefrorener See, aufgenommen im Mai 2017 in Alaska, USA. Die Polarregion ist wie keine andere auf der Welt vom Klimawandel betroffen, die Temperatur steigt bedrohlich. dpa
  • Schmelzendes Eis, aufgenommen im Juli 2017 in der Franklin Strait Meerenge in Kanada. Der Klimawandel lässt die Temperatur allmählich steigen. Da das die Arktis stärker betrifft als den Rest der Welt, verändert sich auch die Zirkulation in der Atmosphäre. dpa
  • Eine Veränderung des Klimas erhöht auch die Temperatur der Gewässer. Zu den Folgen zählen sterbende Korallenriffe. Auf diesem Foto des Apo-Riffs in der Nähe der Insel Mindoro vom Juni 2017 sind an Korallenbleiche erkrankte Korallen zu sehen. dpa
  • Auch in Europa sind die Folgen des Klimwandels zu spüren. Das Bild von Juni 2016 zeigt Straßenverkehrszeichen entlang der Seine in Paris währens eines Hochwassers. dpa

Sie haben sich mehrmals mit Trump getroffen. Da Sie selbst längere Zeit im Weißen Haus waren, wissen Sie, wie hoch der Druck ist, der mit diesem Amt kommt. Verfügt Trump Ihrer Meinung nach über die Ernsthaftigkeit, die das Amt verlangt?

Nein, ich denke, das ist keine normale Präsidentschaft. Amerika und die ganze Welt begreifen, dass es gefährliche Zeiten sind und dass Maßnahmen ergriffen werden müssen, um diese Gefahr einzudämmen. Das amerikanische Politiksystem ist sehr widerstandsfähig, und die Gerichte haben schon einiges blockiert, was er durchsetzen wollte. Der Kongress weigert sich ebenfalls in einigen Entscheidungen. Die Regierungen der Bundesstaaten und einiger großer Städte nehmen ihm die Führungsrolle ab und treffen, wo sie können, ihre eigenen Entscheidungen. Innerhalb der republikanischen Partei gibt es wachsenden Widerstand gegen Donald Trump. Wir werden das also durchstehen. Aber so wie die nächsten Jahrzehnte herausfordernd für die Menschheit werden, so werden die nächsten Monate herausfordernd für das amerikanische Politiksystem. Wir sind ja gerade mal sechs Monate bei diesem Experiment dabei – und manche Experimente werden aus moralischen Gründen eher abgebrochen.

Das würden Sie so voraussagen?

Nein, ich hab da jetzt keine Insiderinformationen. Aber ich denke, in Amerika wächst die Erkenntnis, dass in den kommenden Monaten ernsthafte Probleme anstehen könnten.

Was würden Sie denn tun, wenn Sie jetzt als Vizepräsident im Weißen Haus wären?

(Lacht kurz) Vizepräsident Pence hat alle Berichte der „New York Times“ zurückgewiesen, dass er sich als Ersatz aufstellen will. Aber auch dazu habe ich keine Insiderinformationen.

Al Gore: „Das amerikanische Politiksystem ist sehr widerstandsfähig.“ Paramount Pictures

In Ihrem Film sieht man Sie sehr viel herumreisen, Sie reden mit vielen Leuten, und ich nehme an, Ihnen geht es da wie vielen anderen Amerikanern, die derzeit im Ausland unterwegs sind. Sie werden gefragt: „Wie konnte das eigentlich passieren?“ Was antworten Sie darauf?

Sie meinen die Wahl Trumps? Ich denke von mir ja nicht, dass ich eine besondere Begabung für politische Analyse habe. Die Entwicklung im vergangenen Jahr in den Vereinigten Staaten ist Teil einer globalen Bewegung, die beunruhigend ist. Einige nennen das populistischen Autoritarismus. Das sehen wir auf den Philippinen, in Polen, Russland und auch in anderen Ländern. Vielleicht ist das zum Teil eine Antwort auf die Unzufriedenheit der Familien mit mittlerem Einkommen, deren Gehälter seit Jahrzehnten stagnieren. Und für die bringen die Globalisierung und die vielen sozialen Veränderungen ein Gefühl von Unbehagen und Unruhe mit. Aber die gute Nachricht ist, dass es auch positive Reaktionen auf diese gesellschaftlichen Veränderungen gibt. Wir haben das bei der Wahl Präsident Macrons in Frankreich gesehen. Wir haben das bei den Wahlen in Österreich beobachten können. Und ich hoffe und erwarte, dass wir das auch bei den Wahlen im September in Deutschland sehen werden.

All diese populistischen Bewegungen, von denen Sie sprechen, haben ja die Tendenz, antielitär zu sein. Wie reagieren Sie auf die Tendenz, Fakten und Wissenschaft als elitär anzusehen und lieber ominöse Quellen zu zitieren?

Journalisten und Historiker haben sich intensiv damit auseinandergesetzt, wie die großen Emissionsproduzenten in den Vereinigten Staaten die Techniken übernommen haben, die die Tabakindustrie vor Jahren entwickelt hat, um uns mit Kampagnen und Pseudowissenschaften zu narren. Damals versuchten sie, die Leute davon zu überzeugen, den medizinischen Konsens darüber zu ignorieren, dass Zigaretten mit Lungenkrebs und anderen Erkrankungen zusammenhängen. Unglücklicherweise haben die großen CO2-Erzeuger die gleichen PR-Firmen angeheuert. Dennoch gibt es eine neue Stimme in dieser Diskussion: die Stimme von Mutter Natur. Die extremen Wetterphänomene, die mit der Klimakrise zusammenhängen, sind heute um so vieles häufiger und gravierender, dass die Menschen diese unethischen Kampagnen durchschauen. Wir befinden uns in einer frühen Phase einer globalen Nachhaltigkeitsrevolution. Die hat die Größe der industriellen Revolution und die Schnelligkeit der digitalen. Wir sollten diesen Übergangsprozess als Chance begreifen, um Emissionen zu verringern und dabei neue wirtschaftliche Felder zu entdecken.

Ich habe mir heute Morgen noch einmal Ihren ersten Film angesehen. Im neuen Film ist die Musik viel dramatischer. Versuchen Sie da die Zuschauer mehr durch Emotionen zu packen als mit den reinen Fakten?

Darüber habe ich noch gar nicht nachgedacht. Es sind zwei verschiedene Regisseure und verschiedene musikalische Leiter. Ich denke nicht, dass es eine bewusste Entscheidung der Regisseure war, Emotionen zu manipulieren. Dieser Film bewegt sich mehr entlang der Linien eines Cinema-Vérité-Ansatzes.

Es sind aber schon auch ein paar Elemente „House of Cards“ dabei, wenn wir sehen, wie Sie beim Klimagipfel in Paris im Hintergrund durch Telefonate mitverhandeln.

(Lautes Lachen bei Gore – die Vorstellung, Kevin Spacey zu sein, amüsiert ihn.)

Im Film sehen wir Sie viel reisen: Florida, Grönland, Philippinen...

...China, Indien.

  • Mit der Fortsetzung „Immer noch eine unbequeme Wahrheit“ gibt Al Gore ein Update zu seinem vorangegangenen Dokumentarfilm aus dem Jahr 2006. Paramount Pictures
  • Szenen aus dem Film: Al Gore bereist einige Städte und Länder, wie hier in Grönland schmelzende Gletscher... Paramount Pictures
  • ...oder Tacloban in den Philippinen. Auf dem Foto zu sehen ist Gore mit dem Bürgermeister von Tacloban Alfred Romualdez Paramount Pictures
  • In Tacloban besucht Gore auch Überlebende des Typhoons Haiyan. Paramount Pictures
  • Zu den prominenten Gästen im Film zählt unter anderem der kanadische Premierminister Justin Trudeau. Paramount Pictures

Genau. Wie geht das mit einem nachhaltigen Lebensstil zusammen?

Wir haben nicht nur alle Emissionen ausgeglichen, die beim Dreh entstanden sind. Wir haben das sogar im doppelten Maße getan. Natürlich haben wir zunächst versucht, so wenig wie möglich CO2 zu produzieren, aber wo es sich nicht komplett vermeiden ließ, haben wir es doppelt wiedergutgemacht.

Wie sieht das denn in der Praxis aus?

Es gibt Unternehmen, die sich darum kümmern, die CO2-Bilanz zu neutralisieren.

Konservative Gruppen bezeichnen Sie als Heuchler. Unlängst veröffentlichte ein konservativer Think Tank eine Studie, dass Ihre Stromkosten jene des Durchschnittsamerikaners um Längen schlagen würden. Wie reagieren Sie auf solche Anwürfe?

Ich bin mittlerweile an irreführende persönliche Angriffe gewöhnt. Diese Gruppen werden von den großen CO2-Produzenten unterstützt, die die Krise leugnen. Ich habe mir da ein dickes Fell zugelegt. Ich beziehe grüne Energie, fahre ein Elektroauto, gleiche die Emissionen aus, die sich nicht vermeiden lassen, und ich mache einfach mit meiner Arbeit weiter.

Musste sich mit der Zeit ein dickes Fell gegen Kritik zulegen: Szene mit Al Gore aus dem Film „Immer noch eine unbequeme Wahrheit“ Paramount Pictures

In Europa treibt uns derzeit die Flüchtlingskrise stärker um als die Klimakrise. Im Film stellen Sie einen Zusammenhang zwischen Syriens Bürgerkrieg und dem Klimawandel her.

Ja, aber man muss vorsichtig sein, diese Verbindung zu ziehen, denn die Klimakrise ist hier nur einer von mehreren Faktoren. Im Fall von Syrien hat aber eine sehr sorgfältige wissenschaftliche Studie der National Academy of Science eine deutliche Verbindung gezogen: Die klimabedingte Dürre in den Ländern des östlichen Mittelmeeres 2006 bis 2010 zerstörte 60 Prozent der Farmen, tötete 80 Prozent des Viehs und trieb 1,5 Millionen Klimaflüchtlinge in die großen Städte des Landes. Dort trafen sie auf 1,5 Millionen Flüchtlinge des Irak-Kriegs. Das war noch vor dem Bürgerkrieg. Unter den Dokumenten, die Wikileaks dazu veröffentlicht hat, ist zu lesen, dass syrische Minister zugaben, der Situation nicht mehr Herr zu werden, und dass es soziale Unruhen geben würde. Genau das geschah. Hier in Deutschland hat das Max-Planck-Institut davor gewarnt, dass die Wetterbedingungen im Nahen Osten und Nordafrika diese Regionen unbewohnbar machen könnten. In Amerika haben wir den Hitze-Index, eine Kombination aus Temperatur und Feuchtigkeit, also die sogenannte „gefühlte Temperatur“. In einer Stadt in Iran lag die unlängst bei 74 Grad. Niemand kann unter solchen Bedingungen überleben.

Sie sind seit zehn Jahren raus aus der Politik. Können Sie sich in der jetzigen Situation vorstellen, doch wieder in dieses Feld zurückzukehren?

Wie ich oft sage, bin ich ein Recovering Politician .

Ein Politiker auf Entzug sozusagen, aber Recovering heißt auch, es gibt die Möglichkeit eines Rückfalls.

Na ja, je länger ich ohne Rückfall lebe, desto weniger wahrscheinlich wird er.

Al Gore

Geboren als Albert Arnold Gore Jr. 1948 in Washington, D.C. Mit 28 Jahren für die Demokraten in den Kongress gewählt. 1993 wurde er Vizepräsident unter Bill Clinton und machte Umweltschutz zu einer Priorität der Politik. 2000 endete seine Präsidentschaftskandidatur gegen George W. Bush im Wahlkrimi. Mehr als einen Monat nach dem Wahltag entschied der Oberste Gerichtshof, dass eine Nachzählung im umkämpften Staat Florida nicht fristgemäß zu schaffen wäre, und bestätigte so Bush als Gewinner. Gore verabschiedete sich aus der Politik. 2006 erschien sein mit dem Oscar ausgezeichneter Dokumentarfilm „Eine unbequeme Wahrheit“ über den Klimawandel. Friedensnobelpreis 2007. Der Film „Immer noch eine unbequeme Wahrheit: Unsere Zeit läuft“ kommt am 7. September in die deutschen Kinos.

Quelle: F.A.S.

Veröffentlicht: 19.08.2017 17:55 Uhr