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Aktivist Larry Kramer ist tot : Er war der „wütendste Schwule“

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Trotz seiner Aidserkrankung wurde der Autor und Aktivist Larry Kramer 84 Jahre alt. Bild: Reuters

Er war Teil der legendären „Act Up“-Bewegung: Nun ist der Aids-Aktivist und Autor Larry Kramer im Alter von 84 Jahren gestorben.

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          Wut sei für ihn ein gutes Gefühl, sagte Larry Kramer: „Die Leute schenken einem mehr Aufmerksamkeit, wenn man laut und unverschämt ist. Sonst bleibt man nur irgendein Typ.“ Laut und unverschämt konnte Kramer. Als Dramatiker schockierte er Amerika mit dem Leid HIV-Infizierter, das er in dem Stück „The Normal Heart“ auf die Bühne brachte. Als Autor des historischen Rundumschlags „The American People“ empörte er mit der These, Präsidentenlegenden wie George Washington, Andrew Jackson und Abraham Lincoln fühlten sich mehr zu Männern als zu Frauen hingezogen.

          Auch Kramers Einsatz für Aids-Aufklärung und politische Unterstützung HIV-Infizierter hinterließ nicht nur gute Erinnerungen. Nach den ersten Berichten über das Kaposi-Sarkom, eine seltene Krebsart, die Anfang der Achtziger in New York und San Francisco bei homosexuellen Männern diagnostiziert wurde, hatte er mit Paul Rapoport und Edmund White die Organisation Gay Men’s Health Crisis (GMHC) gegründet.

          Mit Unterschriftensammlungen und Flugblättern versuchte der Verein, der Stadt New York unter Bürgermeister Ed Koch finanzielle Unterstützung für Aufklärungskampagnen, Hotlines und Sozialdienste abzuringen. Als Koch den Kämpfern gegen den „Schwulenkrebs“ die Hilfe versagte, warf Kramer ihm vor, Homosexuelle töten zu wollen. Auch die eigenen Reihen schonte er nicht. „Ich mag es, schwul zu sein, und ich mag Schwule. Wir sind eine besondere Gruppe“, sagte er der Schauspielerin Ellen Barkin, die „The Normal Heart“ 2011 am Broadway zu einem Kassenschlager machte. „Aber ich sehe auch, dass wir als Gruppe eine Mitschuld an unserem Verschwinden tragen, weil wir uns nicht wehren.“

          Unerwiderte Liebe schickte ihn auf Reise

          Wenige Jahre nach dem ersten Treffen der Gay Men’s Health Crisis in einer Kirche im Greenwich Village in Manhattan verabschiedete sich Kramer wieder von der Organisation. Im Frühjahr 1987 schloss er sich der Gruppe Aids Coalition to Unleash Power an, kurz Act Up. Kramer und seine Mitstreiter protestierten an der Wall Street, legten die Behörde für Lebens- und Arzneimittel (FDA) lahm und blockierten Postämter, um Aufklärung über HIV und Mittel für die Aids-Forschung durchzusetzen. Wie Kramer später in einem Projekt über die Anfänge von Act Up beschrieb, hatte er das politische Engagement auf der Suche nach der großen Liebe fast zufällig für sich entdeckt.

          Eine von Act Up initiierte Demonstration vor dem Börsenmarkt in New York sollte ein Bewusstsein für die teuren Preise für Aids-Medikamente schaffen.

          Nach einer trostlosen Kindheit in Maryland war der Sohn eines Juristen und einer Sozialarbeiterin 1953 nach Connecticut gezogen, um in Yale zu studieren. Als gefühlt einziger homosexueller Student auf dem Campus vereinsamte er und versuchte, sich das Leben zu nehmen. Nach dem Abschluss begann er für die Filmgesellschaft Columbia Pictures Drehbücher umzuschreiben, bevor er für Clive Donners „...unterm Holunderbusch“ die ersten eigenen Dialoge verfasste. Es folgten einige Jahre in London sowie Drehbücher für Filme wie „Lost Horizon“ und „Women in Love“, der ihm 1969 eine Oscar-Nominierung einbrachte.

          Als Kramer in die Vereinigten Staaten zurückkehrte, verliebte er sich. „Ich wollte, dass der Mann sich auch in mich verliebt, aber er tat es nicht oder wollte es nicht und wollte nicht mit mir zusammenleben“, erinnerte er sich später. „Damals gab es noch keine homosexuelle Welt, keine schwule Gemeinschaft. Deswegen machte ich mich auf den Weg, sie zu finden. Ich wollte wissen, warum unsere Liebesgeschichte nicht funktionierte.“ Seine Erlebnisse fasste der Autor 1978 in dem Roman „Faggots“ zusammen, einem Porträt der New Yorker Schwulenszene, der er Hedonismus und politische Apathie unterstellte. „Ich konnte mir nie die Frage beantworten, warum selbst in der Mitte der Neunziger, auf der Höhe des Aids-Schreckens, nicht jeder schwule Mann in Amerika auf die Straße ging, um mit Act Up zu kämpfen“, sagte Kramer der Zeitschrift „Interview“ vor einigen Monaten.

          Wie Kramers Ehemann David Webster in New York mitteilte, starb der Autor und Aktivist am Mittwoch nach einer Lungenentzündung. Der selbsternannte „wütendste Schwule“, bei dem Ärzte 1988 das HI-Virus nachgewiesen hatten, wurde 84 Jahre alt.

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