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Afghanische Flüchtlingsfamilie : Durch die Hölle in die Freiheit

Die folgenden Bilder sind Reproduktionen von Fotos, die die Familie Niazi auf ihrer Flucht selbst aufgenommen hat. Hier sind die Niazis in der Türkei, kurz vor der Fahrt über das Mittelmeer. Bild: Henning Bode

Familie Niazi wollte ihr Land nicht verlassen, im Gegenteil: Sie tat viel dafür, um es aufzubauen. Doch als der Vater auf mysteriöse Weise ums Leben kam, floh die Mutter mit vier Kindern. In Hamburg verbringen sie nun die meiste Zeit mit Warten.

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          Zakia Niazis Fußnägel sind schwarz, seit sie zwei Monate lang auf Schleichwegen durch die Türkei, Griechenland, Mazedonien, Serbien und Ungarn gelaufen und gerobbt ist, bei Tag und Nacht, Regen und Kälte. Sie lief und lief, durch Wälder und über Gebirge, an Schienen entlang. Die Sohlen mehrerer paar Schuhe lösten sich unter ihren Füßen auf, die Nägel bluteten und wellten sich und wurden schwarz.

          Leonie Feuerbach

          Redakteurin im Frankfurter Allgemeine Magazin.

          Seit acht Monaten ist die 47 Jahre alte afghanische Mutter von sechs Kindern jetzt in Deutschland, in Sicherheit. Doch die schlanke Frau mit den langen Haaren muss nur an sich selbst hinunter schauen, auf die Füße in den schwarzen Sandalen, und die Erinnerungen kommen hoch: wie mazedonische Polizisten sie mit gezückten Waffen zwangen, zurück über die Grenze nach Griechenland zu laufen; wie ihre zehnjährige Tochter, splitterfasernackt an eine Wand gestellt, von einer ungarischen Polizistin abgetastet wurde; wie ihr Sohn sich in ihr Camp im griechischen Wald schleppte, nachdem er beim Einkauf auf dem Markt von Polizisten mit Schlagstöcken verprügelt worden war.

          Wenn sie davon erzählt, werden ihre Augen manchmal feucht. Die Stimme aber bleibt fest. Vier ihrer sechs Kinder sitzen um den Tisch: Hamida (27), ihr Bruder Haroon (21), die in Kabul Jura studiert haben, der vierzehnjährige Mudasser und die zehn Jahre alte Saeeda. Der älteste Sohn promoviert in den Vereinigten Staaten, der zweitälteste ist in Kabul geblieben, um noch ein Projekt zu beenden – dann will auch er sich mithilfe von Schleusern auf den Weg machen. Das Wohnzimmer von Zakia Niazi ist gleichzeitig Esszimmer und Schlafzimmer, einer von drei Räumen der Wohnung in einem Containerhaus, das die Familie im Hamburger Gewerbegebiet Billbrook bewohnt.

          Sie wollten ihr Land aufbauen, statt es zu verlassen

          Etwa 300.000 Flüchtlinge sind in den ersten sieben Monaten dieses Jahres nach Deutschland gekommen. Allein in Hamburg kommen jeden Tag 200 bis 300 an. Im Containerdorf in Billbrook – fast jeder Dritte in dem Viertel lebt von Hartz IV, der nächste Supermarkt ist 25 Minuten zu Fuß entfernt, die nächsten Bushaltestelle 15 Minuten – leben etwa 600 Menschen in 25 Containern. Einige werden als Flüchtlinge anerkannt werden, etwa Niazis syrische Nachbarn, andere, wie die freundlichen Kosovaren, die zwei Container weiter wohnen, vermutlich nicht. Alle haben sie Geschichten zu erzählen, warum sie ihre Heimat verlassen haben und wie beschwerlich der Weg nach Deutschland war. Die Geschichte der Niazis ist vielleicht die bewegendste. Denn sie wollten ihr Land aufbauen, statt es zu verlassen.

          In Griechenland wurde die Familie in einem Flüchtlingslager hinter Stacheldraht untergebracht. Bilderstrecke
          Flucht aus Afghanistan : Durch die Hölle in die Freiheit

          Zakia Niazi hat an der amerikanischen Universität Kabul Wirtschaft studiert und an Business-Programmen für Frauen teilgenommen, von deutschen und amerikanischen Entwicklungshilfeorganisationen gefördert. Sie arbeitete als Fitnesstrainerin und Kleinunternehmerin, außerdem unterstützte sie ihren Mann Mohammad Saeed in der Menschenrechtsorganisation „Civil Society Development Center“, die er vor knapp zehn Jahren gegründet hat. Die Organisation setzt sich für Kinder- und Frauenrechte ein. Mohammad Niazi organisierte Aufklärungskampagnen und Konferenzen in Afghanistan, teils eigenständig, teils im Auftrag von Organisationen wie USAID, der amerikanischen Entwicklungshilfe-Agentur. Als Vertreter der Zivilgesellschaft nahm er an vielen Konferenzen teil, 2011 auch an der Afghanistan-Konferenz in Bonn.

          Zeugnisse, Zertifikate und Urkunden, auf dem Tisch gestapelt, zeugen vom Engagement der Familie. Auch die älteren Kinder arbeiteten neben dem Studium für die Organisation, ebenso wie Hunderte Angestellte und Freiwillige im ganzen Land. Mohammad Niazi prangerte Menschenrechtsverletzungen, Korruption und die zwielichtige Rolle Pakistans im afghanischen Friedensprozess an. 2013 war er für den Friedensnobelpreis nominiert.

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