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Afghanische Flüchtlingsfamilie : Durch die Hölle in die Freiheit

Ständig hieß es, bald komme ein Wagen, um sie abzuholen. Gleich morgen. Am nächsten Tag wirklich. In zwei Tagen. Dann hieß es, sie müssten ihr Camp anderswo aufschlagen, zu gefährlich. Endlich kam ein Mann, der die Gruppe in den Frachtraum seines Lastwagens lud. „Sie nehmen dir alles weg, was du noch hast, Rucksack, Wasser“, erzählt Haroon Niazi. „Auf dem Lastwagen ist nur Platz für Menschen, dicht an dicht, sonst für nichts.“ Der Lastwagen brachte sie an die serbische Grenze. Tagelang liefen sie auf Trampelpfaden durch serbischen Wald. Wieder hieß es, bald komme ein Auto und nehme sie mit. Nach Tagen endlich ein Motorgeräusch in der Dunkelheit – ein serbisches Polizeiauto. Es brachte sie zurück nach Mazedonien. Regen, Wald, Berge, schmerzende Füße: alles von vorn. Endlich das richtige Auto. 17 Menschen, gestapelt, in einem Wagen für fünf.

„Als würden sie Tiere füttern“

An der Grenze zu Ungarn wurden sie festgenommen. „Die ungarische Polizei ist die schlimmste der Welt“, sagt Haroon Niazi bitter. „Sie schlagen dich, stopfen dich mit 15 Menschen in eine winzige Zelle ohne Toilette. Wenn du nach Wasser fragst, antworten sie: ,Habe ich dich gebeten, dein Land zu verlassen?‘“ Die Polizisten hätten sie ausgezogen, auch die Kinder, alle Körperöffnungen durchsucht. Und irgendwann eine Packung Toastbrot in jede Gruppenzelle geworfen. „Als würden sie Tiere füttern“, sagt Zakia Niazi. Am nächsten Tag durften sie gehen. In Budapest kauften sie Zugtickets nach Bremen. Am 14. Dezember vergangenen Jahres, zwei Monate nachdem sie Afghanistan verlassen hatten, kamen sie dort an.

In der ersten Unterkunft in Hamburg-Harburg half Haroon Niazi in der Kleiderkammer aus, fand dort Freunde unter den deutschen Freiwilligen. Zakia Niazi gab den Flüchtlingsfrauen Turnunterricht, alle besuchten sie Deutschkurse, auch Haroon, der in Kabul eine deutsche Schule besucht hat und schon fließend spricht. Auf Saeedas Zeichnung lächeln die fliehenden Strichmännchen in Deutschland zum ersten Mal. Sie schwenken eine Fahne in den deutschen Nationalfarben.

In Billbrook gibt es keine Kleiderkammer und keine Deutschkurse. Hamida kocht oder fährt mit dem Fahrrad herum, um sich die Zeit zu vertreiben. Sie hat sich in der Personalabteilung einer Anwaltskanzlei beworben und wartet auf Antwort. Haroon geht drei Mal die Woche in einen Boxklub, manchmal fährt er in die Bibliothek. Seine Mutter und ältere Schwester hat er für Volkshochschulkurse in Deutsch angemeldet. Die jüngeren Geschwister besuchen Vorbereitungsklassen in der Grundschule und sprechen schon etwas Deutsch. Sie alle warten auf den Tag, an dem sie endlich offiziell angehört werden, damit über ihr Asylgesuch entschieden werden kann.

Die Niazis haben gehört, dass einige Menschen in Deutschland gegen Asylbewerber sind. Aber bislang haben sie nur hilfsbereite Deutsche getroffen, sagen sie. Über den Container im Gewerbegebiet klagen sie nicht. Sie wissen: Es gibt viele Flüchtlinge in Hamburg und wenig Platz. Als sie ihr Haus in Afghanistan verließen, war ihnen klar, dass sie in Deutschland bei Null anfangen würden. „Wir wollen hart arbeiten und uns auch hier ein gutes Leben aufbauen“, sagt Haroon Niazi. Er klingt nicht mehr nachdenklich, sondern entschlossen. „Wir respektieren dieses Land, seine Sprache und Kultur, und wir werden für Deutschland arbeiten, als wäre es unser eigenes Land.“

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